„Das gute Cholesterin ist zu niedrig“ — dieser Satz löst zuverlässig den Wunsch aus, etwas dagegen zu tun. Die unbequeme Wahrheit vorweg: Gezielt anheben lässt sich das HDL kaum, und die Versuche, es medikamentös zu tun, sind eindrucksvoll gescheitert. Was trotzdem hilft, steht weiter unten.
Die Kurzantwort
HDL transportiert Cholesterin aus dem Gewebe zurück zur Leber. Ein niedriger Wert gilt als ungünstig — aber als Risikomarker, nicht als Stellschraube.
- ▸ Nach den gebräuchlichen Kriterien des metabolischen Syndroms gilt bei Frauen ein HDL unter etwa 50 mg/dl (1,3 mmol/l) als niedrig; die europäische Leitlinie nennt 1,2 mmol/l
- ▸ Bei Männern liegt die Grenze niedriger, bei etwa 40 mg/dl (1,0 mmol/l)
- ▸ Aussagekräftiger als der Einzelwert ist das Verhältnis zum LDL und zu den Triglyceriden
- ▸ Nach der Menopause verändert sich nicht nur die Menge, sondern auch die Funktion des HDL
Referenzbereiche sind laborabhängig — der Bereich auf Ihrem eigenen Befund geht vor.
Warum Frauen andere Grenzwerte haben
Frauen haben im Durchschnitt ein höheres HDL als Männer — das ist bereits vor der Pubertät angelegt und wird durch Östrogen verstärkt. Deshalb gilt für Frauen eine höhere Untergrenze: Was bei einem Mann noch als normal durchgeht, ist bei einer Frau bereits auffällig.
| HDL (mg/dl) | HDL (mmol/l) | Einordnung bei Frauen |
|---|---|---|
| unter 50 | unter 1,3 | niedrig |
| 50–59 | 1,3–1,5 | im Normbereich |
| ab 60 | ab 1,5 | günstig |
| über 90 | über 2,3 | sehr hoch — nicht automatisch besser |
Umrechnung: mg/dl ÷ 38,7 = mmol/l. Diese Einteilung folgt den gebräuchlichen Kriterien des metabolischen Syndroms; die europäische Dyslipidämie-Leitlinie verwendet für Frauen 1,2 mmol/l als Risikomodifikator. Referenzbereiche sind laborabhängig.
Was sich in den Wechseljahren verändert
Hier liegt der interessanteste und am wenigsten bekannte Befund. Die Amerikanische Herzgesellschaft hat 2020 in einem wissenschaftlichen Statement zusammengefasst, dass sich Gesamt- und LDL-Cholesterin sowie das Apolipoprotein B (ApoB, das Trägereiweiß der schädlichen Blutfette) im Wechseljahresübergang unabhängig vom Älterwerden verändern.
Noch spezifischer ist die SWAN-HDL-Auswertung aus demselben Jahr: Sie zeigt, dass sich über den Menopausenübergang nicht nur die HDL-Menge ändert, sondern auch die Zusammensetzung und Funktion der HDL-Partikel. Die schützende Wirkung des HDL ist nach der Menopause nicht mehr selbstverständlich dieselbe wie davor.
Merksatz
Ein HDL-Wert von 55 mg/dl bedeutet mit 40 Jahren etwas anderes als mit 58. Nach der Menopause sagt die reine Zahl weniger über den Schutz aus, als sie es vorher tat — ein Grund mehr, das Gesamtrisiko zu betrachten statt einen Einzelwert.
Die unbequeme Wahrheit: HDL gezielt anheben funktioniert kaum
Über Jahre galt HDL als Angriffspunkt: Wenn ein hohes HDL mit weniger Herzinfarkten einhergeht, müsste das Anheben doch schützen. Diese Annahme hat sich nicht bestätigt. Große Endpunktstudien mit Wirkstoffen, die das HDL deutlich anhoben — Niacin in HPS2-THRIVE, CETP-Hemmer in ILLUMINATE und dal-OUTCOMES —, konnten das Herz-Kreislauf-Risiko nicht senken; in einem Fall verschlechterten sich die Ergebnisse sogar.
Die heutige Lesart: HDL ist ein Anzeiger für den Stoffwechselzustand, nicht dessen Ursache. Ein niedriges HDL zeigt meist an, dass etwas anderes nicht stimmt — häufig Insulinresistenz, also eine verminderte Wirkung des Insulins an den Körperzellen, oft zusammen mit erhöhten Triglyceriden und vermehrtem Bauchfett.
Deshalb ist die richtige Frage nicht „Wie hebe ich mein HDL?“, sondern „Warum ist es niedrig?“.
Was tatsächlich wirkt
- ✓ Regelmäßige Ausdauerbewegung — der am besten belegte Einzelfaktor, der das HDL nennenswert anhebt.
- ✓ Rauchstopp. Rauchen senkt das HDL messbar; nach dem Aufhören steigt es innerhalb von Wochen bis Monaten.
- ✓ Gewichtsreduktion bei Übergewicht — wirkt vor allem über die Triglyceride und die Insulinempfindlichkeit.
- ✓ Weniger schnelle Kohlenhydrate und flüssiger Zucker — die Kombination aus hohen Triglyceriden und niedrigem HDL bessert sich hier oft deutlich.
- ▸ Alkohol hebt das HDL zwar an, ist aber kein sinnvoller Weg — das Gesamtrisiko steigt.
✓ Praxis-Tipp
Rechnen Sie den Quotienten aus Gesamtcholesterin und HDL aus: Gesamtcholesterin geteilt durch HDL. Werte unter 4 gelten üblicherweise als günstig, über 5 als ungünstig. Das ist eine Orientierungshilfe und keine Leitlinienempfehlung — die europäische Leitlinie rechnet mit Gesamtcholesterin und HDL getrennt. Der Quotient sagt trotzdem mehr aus als das HDL allein — und Sie brauchen dafür nichts als Ihren vorhandenen Befund.
HDL im Kontext: LDL, Triglyceride, Lp(a) und hs-CRP
Für das Herz-Kreislauf-Risiko ist das LDL-Cholesterin der besser belegte und stärkere Faktor — bei ihm ist die Datenlage eindeutig, dass Senken das Risiko senkt. Beim HDL ist das nicht so.
Eine der wenigen wirklich langfristigen Auswertungen bei Frauen — 30 Jahre Nachbeobachtung von Teilnehmerinnen der Women’s Health Study, 2024 im New England Journal of Medicine erschienen — zeigt, dass LDL-Cholesterin, das hochsensitive CRP als Entzündungsmarker und Lipoprotein(a) weitgehend eigenständige Risikopfade markieren. Anders gesagt: Drei verschiedene Fragen, die ein einzelner Cholesterinwert nicht beantwortet.
Bemerkenswert ist auch, wie viel sich aus ganz gewöhnlichen Laborwerten herausholen lässt: Ein kanadisches Modell, entwickelt an über zwei Millionen Frauen, sagt das Fünf-Jahres-Risiko allein aus Alter, Blutfetten, Blutbild, Nierenwert und Blutzucker vorher — mit einer Trennschärfe von 0,77 bei Frauen in der Entwicklungskohorte. In einer unabhängigen Prüfkohorte lag sie bei 0,72 und war damit den etablierten Risikorechnern nicht unterlegen.
Die ehrliche Einordnung
- ⚠ Ein niedriges HDL ist ein Risikomarker, kein Behandlungsziel. Es gibt keine Studie, die zeigt, dass das Anheben des HDL als solches Herzinfarkte verhindert.
- ⚠ Sehr hohe HDL-Werte sind nicht automatisch besser. Große Beobachtungsstudien deuten auf einen U-förmigen Zusammenhang hin — die Beziehung zwischen HDL und Sterblichkeit ist keine gerade Linie.
- ⚠ Ein einzelner Wert schwankt erheblich. Zwei Messungen im Abstand einiger Wochen sind aussagekräftiger als eine, und die Nüchternheit spielt beim HDL eine kleinere Rolle als bei den Triglyceriden.
- ⚠ Ratgeber, die „12 Wege zu mehr HDL“ versprechen, verkaufen eine überholte Vorstellung. Der Nutzen liegt nicht im Wert, sondern in dem, was ihn niedrig macht.
⚠ Wann Sie zum Arzt gehen sollten
- ⚠ Herzinfarkt oder Schlaganfall bei Eltern oder Geschwistern vor dem 60. Lebensjahr
- ⚠ HDL unter 40 mg/dl zusammen mit Triglyceriden über 200 mg/dl
- ⚠ Niedriges HDL zusammen mit Bluthochdruck, Bauchumfang über 88 cm oder auffälligem Blutzucker
- ⚠ Gelbliche Ablagerungen an Sehnen, Ellenbogen oder Augenlidern
- ⚠ Belastungsabhängiges Druckgefühl in der Brust — sofort
Häufige Fragen
Ab welchem HDL-Wert wird es kritisch?
Bei Frauen gilt ein Wert unter 50 mg/dl als niedrig. Kritisch wird es weniger durch die Zahl selbst als durch die Kombination — niedriges HDL zusammen mit hohen Triglyceriden und Bauchfett deutet auf eine Insulinresistenz hin.
Kann ich HDL durch Ernährung anheben?
Nur begrenzt. Regelmäßige Ausdauerbewegung und ein Rauchstopp wirken am zuverlässigsten. Ernährungsumstellungen wirken vor allem indirekt, über Gewicht und Triglyceride.
Ist Alkohol gut fürs HDL?
Alkohol hebt das HDL messbar an — das ist aber kein Argument für Alkohol. Das Gesamtrisiko steigt, und die Leberwerte und Triglyceride verschlechtern sich.
Warum ist mein HDL nach den Wechseljahren gesunken?
Das ist häufig und hängt mit dem Wegfall der Östrogenwirkung zusammen. Wichtiger als der Absolutwert ist, dass sich in dieser Phase auch die Funktion der HDL-Partikel verändert — deshalb gehört das Gesamtrisiko einmal in Ruhe angeschaut.
Muss ich für die Cholesterinbestimmung nüchtern sein?
Für HDL und Gesamtcholesterin ist Nüchternheit weniger wichtig; die europäischen Leitlinien akzeptieren nicht-nüchterne Proben als Routine. Für die Triglyceride ist sie relevanter.
⚠ Wichtiger Hinweis
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt weder eine ärztliche Untersuchung noch eine Diagnose oder Behandlung. Referenzbereiche sind laborabhängig; maßgeblich sind die Angaben auf Ihrem eigenen Befund. Setzen Sie verordnete Medikamente nicht eigenmächtig ab.
Quellen
- Mach F et al. 2019 ESC/EAS Guidelines for the management of dyslipidaemias. Eur Heart J 2020. PMID 31504418. doi:10.1093/eurheartj/ehz455
- El Khoudary SR et al. Menopause Transition and Cardiovascular Disease Risk: Implications for Timing of Early Prevention. A Scientific Statement From the American Heart Association. Circulation 2020. PMID 33251828. doi:10.1161/CIR.0000000000000912
- El Khoudary SR et al. HDL (High-Density Lipoprotein) Subclasses, Lipid Content, and Function Trajectories Across the Menopause Transition: SWAN-HDL Study. Arterioscler Thromb Vasc Biol 2020. PMID 33267661. doi:10.1161/ATVBAHA.120.315355
- Ridker PM et al. Inflammation, Cholesterol, Lipoprotein(a), and 30-Year Cardiovascular Outcomes in Women. N Engl J Med 2024. PMID 39216091. doi:10.1056/NEJMoa2405182
- Sud M et al. Development and Validation of the CANHEART Population-Based Laboratory Prediction Models for Atherosclerotic Cardiovascular Disease. Ann Intern Med 2023. PMID 38079638. doi:10.7326/M23-1345
Literaturrecherche über PubMed. Stand des Beitrags: 09.09.2026.



