Zwei Menschen, beide 50 Jahre alt – und doch kann der eine Körper „jünger“ wirken als der andere. Genau das beschreibt der Begriff biologisches Alter. Eine große chinesische Querschnittsstudie mit mehr als 100.000 Erwachsenen zwischen 18 und 98 Jahren hat nun aus ganz gewöhnlichen Laborwerten eigene „Alterungsuhren“ für Frauen und Männer gebaut. Das Ergebnis: Die beiden Geschlechter altern in der Lebensmitte nicht im gleichen Takt – und der Stoffwechsel spielt dabei eine Hauptrolle.
Was ist das biologische Alter – und wie misst man es?
Das Geburtsdatum verrät nur, wie viele Jahre wir gelebt haben. Wie gut Herz, Gefäße, Leber oder Nieren nach diesen Jahren noch arbeiten, ist eine andere Frage. Forschende versuchen deshalb, das biologische Alter mit sogenannten Alterungsuhren zu schätzen – Rechenmodellen, die aus vielen Messwerten ein „Körperalter“ ableiten.
Bekannt sind vor allem epigenetische Uhren, die chemische Markierungen am Erbgut auswerten. Solche Tests sind aufwendig und teuer. Die neue Studie geht einen pragmatischeren Weg: Sie nutzt klinische Alterungsuhren, also Modelle, die mit Werten arbeiten, die in jeder Arztpraxis ohnehin erhoben werden – Blutfette, Blutzucker, Nierenwerte, Blutdruck, Körpergewicht und Ähnliches. Liegt das berechnete Alter über dem tatsächlichen, spricht man von beschleunigter Alterung.
Die Studie: 172 Routinewerte aus drei Kliniken
Die Arbeit stammt aus dem X-Age-Projekt, einem Verbund chinesischer Forschungseinrichtungen unter Beteiligung der Chinesischen Akademie der Wissenschaften. Ausgewertet wurde die Multicentric Chinese Aging Study (mCAS) mit Daten aus drei Zentren. Laut Pressemitteilung umfasste sie 104.208 Erwachsene; im Fachartikel ist von „mehr als 100.000“ die Rede. Für jede Person lagen bis zu 172 klinische Messwerte vor.
Wichtig für das Verständnis: Es handelt sich um eine Querschnittsstudie. Das heißt, jede Person wurde nur zu einem Zeitpunkt untersucht. Niemand wurde über Jahre begleitet. Die „Alterskurven“ entstehen, indem man jüngere und ältere Menschen miteinander vergleicht – nicht, indem man denselben Menschen beim Altern zusieht.
Aus diesen Daten entwickelte das Team getrennte Alterungsuhren für Frauen und für Männer. Anschließend untersuchten die Forschenden, welche Messwerte mit dem Alter zunehmen, und prüften einige davon im Labor an menschlichen Gefäßzellen sowie in einem Mausmodell.
Zwei Geschlechter, zwei Umbrüche
Das zentrale Ergebnis laut Fachartikel: Die Alterungsverläufe von Frauen und Männern laufen in der Lebensmitte auseinander und nähern sich im höheren Alter wieder an. Die Pressemitteilung der Autoren nennt dazu konkrete Altersfenster:
| Männer | Frauen | |
|---|---|---|
| Auffälliges Umbruchfenster* | ca. 35–45 Jahre | ca. 55–65 Jahre |
| Was sich verändert* | Stoffwechsel: Body-Mass-Index, Triglyzeride, Cholesterin | Hormonsystem und Blutfette verschlechtern sich |
| Zeitlicher Zusammenhang* | frühe Lebensmitte | rund um und nach den Wechseljahren |
| Höheres Alter | Die Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden kleiner | |
* Angaben aus der Pressemitteilung der Autoreninstitutionen; im frei zugänglichen Abstract nicht beziffert.
Die Deutung liegt nahe: Bei Männern schlagen Gewichtszunahme und steigende Blutfette schon früh zu Buche. Bei Frauen scheinen die Östrogene – die weiblichen Geschlechtshormone – bis zu den Wechseljahren eine gewisse Schutzwirkung auf Stoffwechsel und Gefäße zu haben. Fällt dieser Schutz weg, holen Frauen stoffwechselseitig auf. Diese Erklärung ist biologisch plausibel und passt zu früheren Befunden, wurde in dieser Studie aber nicht direkt bewiesen.
Welche Blutwerte mit dem Alter „mitwachsen“
In einer sogenannten phänomweiten Analyse – einer Durchsicht aller verfügbaren Messwerte auf einmal – fanden die Forschenden eine Gruppe von Werten, die sich mit zunehmendem Alter anhäufen:
- ▸LDL-Cholesterin, das „schlechte“ Cholesterin, das sich in Gefäßwänden ablagern kann
- ▸Triglyzeride, also Neutralfette im Blut
- ▸Blutzucker (Glukose)
- ▸Harnsäure, ein Abbauprodukt des Stoffwechsels, das bei Überschuss Gicht auslösen kann
- ▸CEA und HE4, zwei Eiweiße, die in der Medizin als Tumormarker bekannt sind, also als Laborwerte zur Verlaufskontrolle bestimmter Krebserkrankungen
Dass Tumormarker in dieser Liste auftauchen, klingt beunruhigend, ist aber vorsichtig zu lesen. Beide Werte steigen auch ohne Krebs an – CEA etwa bei Rauchern, HE4 bei nachlassender Nierenfunktion, die im Alter häufig ist. Die Studie sagt nichts darüber, ob jemand mit leicht erhöhtem Wert krank ist.
Merksatz
Nicht nur die Jahre zählen, sondern auch die Stoffwechsellast, die sich über die Jahre ansammelt: Zucker, Blutfette und Harnsäure gehören zu den Werten, die in dieser Studie mit einem „älteren“ Körperprofil einhergingen.
Lässt sich das umkehren? Was Zellen und Mäuse zeigen
Um über reine Zusammenhänge hinauszukommen, gingen die Forschenden ins Labor. Sie setzten Endothelzellen – die Zellen, die unsere Blutgefäße von innen auskleiden – den Stoffen aus, die sich mit dem Alter anhäufen. Die Zellen zeigten daraufhin typische Merkmale der Seneszenz, also jenes Zustands, in dem Zellen sich nicht mehr teilen und ihre Funktion nachlässt. Laut Pressemitteilung milderte das Diabetesmedikament Metformin die durch hohen Zucker ausgelöste Zellalterung in der Kulturschale ab.
Zusätzlich fütterten die Forschenden Mäuse mit fettreicher Kost und stellten sie später wieder auf normales Futter um. Nach dieser Umstellung besserten sich laut Pressemitteilung Alterungsmerkmale in der Leber. Die Autoren schließen daraus, dass stoffwechselbedingte Alterung zumindest teilweise beeinflussbar ist.
Das ist eine ermutigende Richtung. Aber Zellen in der Schale und Mäuse im Labor sind keine Menschen – dazu gleich mehr.
Die ehrliche Einordnung
Die Studie ist groß und methodisch interessant, weil sie mit günstigen Routinewerten arbeitet. Folgendes zeigt sie jedoch nicht:
- ▸Keine individuellen Verläufe. Als Querschnittsstudie vergleicht sie Altersgruppen. Ob ein einzelner Mann zwischen 35 und 45 tatsächlich einen „Alterungsschub“ erlebt, lässt sich daraus nicht ablesen. Unterschiede zwischen Jahrgängen – etwa in Ernährung oder Lebensstil – können die Kurven mitprägen.
- ▸Keine Ursache-Wirkungs-Beziehung beim Menschen. Dass Zucker oder Harnsäure mit dem Alter steigen, beweist nicht, dass sie das Altern antreiben. Die ursächlichen Hinweise stammen aus Zellkultur und Mausversuchen.
- ▸Keine Therapieempfehlung. Der Metformin-Befund stammt aus der Kulturschale. Ob gesunde Menschen durch Metformin langsamer altern, ist damit nicht gezeigt.
- ▸Begrenzte Übertragbarkeit. Alle Teilnehmenden stammen aus drei chinesischen Zentren. Ob die Altersfenster bei Menschen in Deutschland oder Österreich gleich liegen, ist offen.
- ▸Kein fertiger Test. Die klinischen Alterungsuhren sind Forschungswerkzeuge. Einen geprüften Test für die Arztpraxis gibt es daraus bislang nicht.
Eine Einschränkung zur Quellenlage: Der Volltext des Fachartikels ist nicht frei zugänglich. Dieser Beitrag stützt sich auf das veröffentlichte Abstract und die Pressemitteilung der beteiligten Institute. Die von den Autoren im Volltext genannten Limitationen konnten wir daher nicht im Wortlaut prüfen; die oben genannten Punkte ergeben sich aus dem Studiendesign selbst.
Was Sie daraus mitnehmen können
Die Botschaft der Studie deckt sich mit dem, was die Medizin seit Langem weiß: Blutzucker, Blutfette, Körpergewicht und Harnsäure sind keine Nebensache. Neu ist der Hinweis, dass der günstigste Zeitpunkt, darauf zu achten, bei Männern früher liegen könnte als oft gedacht – und dass Frauen rund um die Wechseljahre besonders profitieren könnten, wenn sie ihre Werte im Blick behalten.
Praxis-Tipp
- ✓Nutzen Sie die Vorsorgeuntersuchung (in Deutschland „Check-up“, in Österreich die Vorsorgeuntersuchung) und lassen Sie sich Ihre Blutfett- und Zuckerwerte erklären.
- ✓Männer: Warten Sie nicht bis 50. Gewicht, Taillenumfang und Blutfette lohnen schon ab Mitte 30 einen Blick.
- ✓Frauen: Sprechen Sie rund um die Wechseljahre gezielt über Blutfette und Blutdruck.
- ✓Heben Sie alte Befunde auf – der Verlauf Ihrer eigenen Werte sagt mehr als ein einzelner Messwert.
⚠ Warnzeichen – bitte ärztlich abklären
- ⚠Starker Durst, häufiges Wasserlassen, ungewollter Gewichtsverlust – mögliche Zeichen eines erhöhten Blutzuckers
- ⚠Plötzlich heißes, geschwollenes, sehr schmerzhaftes Gelenk, oft am Großzeh – typisch für einen Gichtanfall
- ⚠Druck oder Schmerz in der Brust, plötzliche Lähmung oder Sprachstörung – sofort Notruf 112 (Österreich: 144)
- ⚠Nehmen Sie Metformin oder andere Medikamente nicht eigenmächtig „gegen das Altern“ ein.
Häufige Fragen
Kann ich mein biologisches Alter mit normalen Blutwerten berechnen?
Nicht verlässlich. Die Alterungsuhren dieser Studie sind Forschungsmodelle, die an chinesischen Daten entwickelt wurden. Online-Rechner oder kommerzielle Tests liefern Schätzungen, deren Aussagekraft für den Einzelnen meist unklar ist.
Altern Männer wirklich schneller als Frauen?
Die Studie zeigt, dass sich die Verläufe in der Lebensmitte unterscheiden und im Alter wieder annähern. Laut Pressemitteilung liegen die auffälligen Umbrüche bei Männern etwa zwischen 35 und 45, bei Frauen etwa zwischen 55 und 65 Jahren. Über das Gesamttempo eines ganzen Lebens sagt das wenig aus.
Bedeutet ein erhöhter Tumormarker, dass ich Krebs habe?
Nein. CEA und HE4 können auch ohne Krebs erhöht sein, etwa durch Rauchen oder eine eingeschränkte Nierenfunktion. Tumormarker eignen sich nicht zur Krebssuche bei Gesunden. Auffällige Werte gehören in ärztliche Hände.
Sollte ich Metformin gegen das Altern nehmen?
Nein. Der Befund stammt aus Zellversuchen. Metformin ist ein verschreibungspflichtiges Diabetesmedikament mit möglichen Nebenwirkungen. Ob es bei Gesunden das Altern bremst, ist nicht belegt.
Was bedeutet „Querschnittsstudie“?
Alle Teilnehmenden wurden nur einmal untersucht. Man vergleicht also verschiedene Menschen unterschiedlichen Alters miteinander. Echte Alterungsverläufe einzelner Personen lassen sich so nicht direkt beobachten.
Wichtiger Hinweis
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die beschriebenen Studienergebnisse sind nicht auf einzelne Personen übertragbar. Bitte besprechen Sie Laborwerte, Beschwerden und Medikamente immer mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Quelle
Li J, Gao DD, Li J, et al. (Korrespondenz u. a. Zhang W, Liu GH, Qu J). Sex-specific aging clocks from a large-scale human phenome reveal distinct aging transitions and circulating signatures. Nature Aging 2026;6(9):1998–2012. Querschnittsstudie (Multicentric Chinese Aging Study), n > 100.000 (laut Pressemitteilung 104.208), 18–98 Jahre, ergänzt durch Zellkultur- und Mausexperimente. DOI: 10.1038/s43587-026-01180-5
Pressemitteilung: Chinese Academy of Sciences, „Clinical aging clocks reveal sex-specific aging transitions and metabolic drivers“, EurekAlert!, 2026. eurekalert.org/news-releases/1142204



