Diabetes vorbeugen mit gesunder Ernährung: Hängt der Nutzen von der Epigenetik ab?
Eine Potsdamer Studie liefert einen spannenden Hinweis – aber noch keinen Beweis.
Warum profitiert der eine deutlich von Gemüse, Vollkorn und Hülsenfrüchten, der andere scheinbar kaum? Forschende des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung Potsdam-Rehbrücke (DIfE) und des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung (DZD) haben dazu im Fachjournal Cardiovascular Diabetology Daten vorgelegt. Ihr Ergebnis: Ob man mit der Ernährung Diabetes vorbeugen kann, hängt möglicherweise von bestimmten chemischen Markierungen auf dem Erbgut ab – nicht aber von den Genen selbst.
Typ-2-Diabetes: auch ein Thema für Nerven und Gehirn
Typ-2-Diabetes entsteht, wenn der Körper nicht mehr ausreichend auf das Hormon Insulin reagiert oder zu wenig davon bildet. Der Blutzucker bleibt dann dauerhaft zu hoch.
Aus neurologischer Sicht gilt: Ein langjährig erhöhter Blutzucker schädigt Nerven und Gefäße. Typische Folgen sind die diabetische Polyneuropathie mit Kribbeln, Brennen und Taubheit in den Füßen sowie ein erhöhtes Schlaganfallrisiko. Vorbeugung lohnt sich deshalb doppelt.
Gene und Epigenetik – der Unterschied
Die Studie untersuchte zwei Ebenen, die oft verwechselt werden:
| Genetische Veranlagung | Epigenetik (DNA-Methylierung) | |
|---|---|---|
| Was ist das? | Die ererbte Abfolge der Erbinformation | Chemische Markierungen, die Gene an- oder abschalten können |
| Veränderlich? | Nein, lebenslang festgelegt | Ja, geprägt durch Lebensstil, Alter, Übergewicht |
| Gemessen als | Polygener Risikoscore | Methylierungs-Risikoscore aus 144 Messpunkten im Blut |
| Einfluss auf Nutzen der Ernährung? | Kein Hinweis | Möglicherweise ja |
Ein polygener Risikoscore fasst viele kleine Genvarianten zu einer Zahl zusammen. Der Methylierungs-Risikoscore tut dasselbe für epigenetische Markierungen. Die Forschenden sehen ihn als eine Art Gedächtnis früherer Belastungen – etwa durch Ernährung, Übergewicht, Bewegungsmangel oder das Altern.
So lief die Studie ab
Grundlage ist die EPIC-Potsdam-Studie, für die zwischen 1994 und 1998 insgesamt 27.548 Erwachsene zwischen 35 und 65 Jahren aufgenommen wurden. Sie füllten einen ausführlichen Fragebogen mit 149 Lebensmitteln aus und gaben eine Blutprobe ab.
- ▸Genetische Auswertung: 2.204 zufällig ausgewählte Teilnehmende plus 750 Personen, die bis August 2005 an Typ-2-Diabetes erkrankten.
- ▸Epigenetische Auswertung: 1.065 zufällig ausgewählte Teilnehmende plus 676 Erkrankte.
- ▸Ernährungsqualität: bewertet mit vier etablierten Punktesystemen – darunter der „Alternative Healthy Eating Index“ (AHEI-2010), die DASH-Kost, eine Mittelmeer-Pyramide und ein Index für entzündungsfördernde Ernährung.
Alle Diabetesfälle waren ärztlich bestätigt.
Die Ergebnisse im Detail
Epigenetik als starker Risikomarker: Pro Standardabweichung des Methylierungs-Scores war das Diabetesrisiko im Hauptmodell um das 2,69-Fache erhöht. Selbst nach Berücksichtigung von Körpergewicht, Langzeitblutzucker und Blutfetten blieb ein Faktor von 1,58.
Wechselwirkung mit der Ernährung: Für drei der vier Ernährungs-Scores fanden die Forschenden eine statistische Wechselwirkung mit dem Methylierungs-Score. Das heißt: Der Zusammenhang zwischen Ernährung und Diabetesrisiko unterschied sich je nach epigenetischem Profil. Bei niedrigem und mittlerem Score ging ein hoher AHEI-Wert tendenziell mit einem geringeren Risiko einher. Nur für den AHEI-2010 hielt dieses Ergebnis allen Zusatzprüfungen stand.
Gene spielen keine Rolle: Beim genetischen Risiko zeigte sich keine Wechselwirkung. Gesunde Ernährungsmuster gingen unabhängig von der erblichen Veranlagung tendenziell mit einem geringeren Risiko einher.
Die Autorinnen und Autoren fassen zusammen, dass der Zusammenhang gesunder Ernährung mit Typ-2-Diabetes vom Diabetesrisiko abhängen „könnte“, das sich in den Methylierungsprofilen des Blutes zeigt – nicht aber von der genetischen Veranlagung (übersetzt aus der Publikation). Studienleiter Matthias Schulze sieht darin laut Mitteilung des DZD einen wichtigen Hinweis für eine künftige Präzisionsprävention, betont aber, dass die Ergebnisse unabhängig bestätigt werden müssen.
Merksatz
Eine ungünstige genetische Veranlagung ist kein Grund, auf gesunde Ernährung zu verzichten – laut dieser Studie scheint sie den Nutzen nicht aufzuheben.
Die ehrliche Einordnung
- ▸Hypothesen, keine Beweise: Die Autoren bezeichnen ihre Ergebnisse selbst als „hypothesengenerierend“. Eine Bestätigung in anderen Bevölkerungsgruppen fehlt.
- ▸Beobachtungsstudie: Sie zeigt Zusammenhänge, keine Ursache und Wirkung. Verbleibende Störfaktoren sind möglich.
- ▸Ernährung nur einmal erfasst: Die Essgewohnheiten wurden nur zu Studienbeginn abgefragt. Spätere Veränderungen fließen nicht ein.
- ▸Schwache Einzelergebnisse: Pro Standardabweichung war keiner der vier Ernährungs-Scores im vollständig angepassten Modell signifikant mit dem Diabetesrisiko verbunden. Innerhalb der Untergruppen blieben die Unterschiede nicht signifikant – die Richtung ließ sich laut Autoren nicht eindeutig klären.
- ▸Angepasste Punktesysteme und eine Bevölkerung: Einzelne Bestandteile der Scores fehlten, und alle Teilnehmenden waren europäischer Abstammung.
- ▸Kein Test für die Praxis: Einen Methylierungs-Test, der Ihnen sagt, ob sich eine Ernährungsumstellung „lohnt“, gibt es nicht.
Was Sie jetzt tun können, um Diabetes vorzubeugen
- ✓Setzen Sie weiter auf eine ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse, Obst, Vollkorn, Hülsenfrüchten und Nüssen.
- ✓Lassen Sie sich von „schlechten Genen“ in der Familie nicht entmutigen.
- ✓Kombinieren Sie Ernährung mit Bewegung und einem gesunden Körpergewicht.
- ✓Lassen Sie Blutzucker und HbA1c (Langzeitblutzucker) regelmäßig kontrollieren, besonders bei familiärer Belastung.
✓ Praxis-Tipp
Vorsicht bei kommerziellen „Epigenetik-Tests“ mit Ernährungsempfehlungen: Die hier verwendeten Scores sind Forschungswerkzeuge und nicht für individuelle Entscheidungen geprüft.
⚠ Warnzeichen – ärztlich abklären lassen
- ⚠Starker Durst und häufiges Wasserlassen
- ⚠Ungewohnte Müdigkeit oder ungewollter Gewichtsverlust
- ⚠Kribbeln, Brennen oder Taubheit in Füßen oder Händen
- ⚠Schlecht heilende Wunden, besonders an den Füßen
FAQ
Was ist Epigenetik?
Chemische Markierungen auf dem Erbgut, die beeinflussen, ob Gene aktiv sind. Anders als die Gene selbst können sie sich im Laufe des Lebens verändern.
Bringt gesunde Ernährung nichts, wenn ich ein ungünstiges epigenetisches Profil habe?
Das lässt sich aus der Studie nicht ableiten. Die Unterschiede zwischen den Gruppen waren nicht eindeutig, und die Ergebnisse müssen erst bestätigt werden.
Kann ich mein Methylierungsprofil testen lassen?
Der in der Studie verwendete Score ist ein Forschungsinstrument. Für die Vorsorge im Alltag ist er nicht etabliert.
Lohnt sich gesunde Ernährung trotz Diabetes in der Familie?
Nach dieser Studie scheint die genetische Veranlagung den Zusammenhang zwischen gesunder Ernährung und geringerem Risiko nicht aufzuheben.
Welche Ernährung wurde am besten bewertet?
Der stabilste Befund betraf den „Alternative Healthy Eating Index“, der unter anderem Gemüse, Obst, Vollkorn, Nüsse und Hülsenfrüchte positiv bewertet.
⚠ Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Verdacht auf Diabetes oder Nervenbeschwerden wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.
Quelle: El-Khoury C, Eichelmann F, Jannasch F, Schulze MB. Epigenetic and genetic factors modifying the association between diet quality and incident type 2 diabetes: the EPIC-Potsdam cohort. Cardiovascular Diabetology. 2026;25:275. DOI: 10.1186/s12933-026-03356-0 (abgerufen über PubMed Central) · Pressemitteilung des Deutschen Zentrums für Diabetesforschung.
Stand: 17.09.2026



