Kaffee bei Vorhofflimmern: Eine Tasse täglich statt striktem Verzicht?
Zwei neue Studien stellen einen alten Rat infrage – mit wichtigen Einschränkungen.
Wer Vorhofflimmern hat, bekommt oft den Rat: Finger weg vom Kaffee. Eine Forschungsgruppe aus den USA, Kanada und Australien hat das erstmals in einer randomisierten Studie überprüft – und im Fachjournal JAMA das Gegenteil berichtet. Patientinnen und Patienten, die weiter Kaffee bei Vorhofflimmern tranken, erlitten nach einer Rhythmus-Behandlung seltener einen Rückfall als jene, die ganz verzichteten. Eine Studie aus Aalen kommt für Menschen nach einer Katheterablation zu einem ähnlichen Ergebnis.
Vorhofflimmern: warum es auch das Gehirn betrifft
Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung. Die Vorhöfe – die oberen Herzkammern – schlagen dabei ungeordnet und zu schnell. Viele Betroffene spüren Herzrasen, Herzstolpern oder Luftnot, manche merken gar nichts.
Aus neurologischer Sicht gilt: Vorhofflimmern ist ein wichtiger Risikofaktor für Schlaganfälle. Im flimmernden Vorhof fließt das Blut langsamer, es können sich Gerinnsel bilden. Lösen sie sich, können sie ein Hirngefäß verschließen. Deshalb bekommen viele Betroffene gerinnungshemmende Medikamente.
Um den normalen Rhythmus wiederherzustellen, gibt es zwei gängige Verfahren: die elektrische Kardioversion, bei der ein kurzer Stromstoß das Herz „neu startet“, und die Pulmonalvenenisolation, eine Katheterablation, bei der Gewebe an den Lungenvenen verödet wird. Das Problem: Bei vielen kommt das Flimmern später zurück.
Die DECAF-Studie: Kaffee gegen Verzicht
Die Autorinnen und Autoren der DECAF-Studie schreiben, dass nach gängiger Lehrmeinung koffeinhaltiger Kaffee Rhythmusstörungen fördert. Eine randomisierte Studie dazu – also eine, bei der der Zufall über die Gruppenzuteilung entscheidet – habe es bei Vorhofflimmern bisher nicht gegeben.
Teilgenommen haben 200 Erwachsene aus fünf Kliniken in den USA, Kanada und Australien. Alle hatten anhaltendes Vorhofflimmern oder Vorhofflattern und sollten eine elektrische Kardioversion erhalten. Alle tranken Kaffee oder hatten in den letzten fünf Jahren Kaffee getrunken. Das Durchschnittsalter lag bei 69 Jahren, 71 Prozent waren Männer.
- ▸Kaffee-Gruppe (100 Personen): sollte mindestens eine Tasse koffeinhaltigen Kaffee pro Tag trinken.
- ▸Verzichts-Gruppe (100 Personen): sollte ganz auf Kaffee – auch entkoffeinierten – und andere koffeinhaltige Produkte verzichten.
- ▸Dauer: sechs Monate. Gemessen wurde, ob Vorhofflimmern oder -flattern klinisch erkennbar zurückkehrte.
Tatsächlich tranken die Teilnehmenden der Kaffee-Gruppe im Mittel (Median) 7 Tassen pro Woche, also etwa eine pro Tag, die Verzichts-Gruppe 0 Tassen.
Das Ergebnis: weniger Rückfälle mit Kaffee
Nach sechs Monaten war das Flimmern oder Flattern in der Kaffee-Gruppe bei 47 Prozent zurückgekehrt, in der Verzichts-Gruppe bei 64 Prozent. Das entspricht einem um 39 Prozent geringeren Rückfallrisiko (Hazard Ratio 0,61; 95-%-Konfidenzintervall 0,42–0,89). Beim Vorhofflimmern allein zeigte sich ein vergleichbarer Vorteil. Bei den Nebenwirkungen fanden die Forschenden keinen signifikanten Unterschied.
Die Autorinnen und Autoren ziehen daraus den Schluss, dass Kaffee und andere koffeinhaltige Produkte bei Vorhofflimmern „vernünftigerweise in Betracht gezogen werden können“ (übersetzt aus der Publikation).
Bestätigung aus Aalen – nach der Katheterablation
Ein Team des Ostalb-Klinikums Aalen hat im Journal of Clinical Medicine die Daten von 199 Patientinnen und Patienten ausgewertet, die zwischen 2019 und 2023 erstmals eine Pulmonalvenenisolation erhielten. Wer vor dem Eingriff angab, zwei oder mehr Tassen täglich zu trinken, hatte innerhalb eines Jahres seltener einen Rückfall.
| DECAF (JAMA) | Aalen (J Clin Med) | |
|---|---|---|
| Studienart | Randomisiert, offen | Rückblickende Beobachtung, ein Zentrum |
| Teilnehmende | 200 | 199 |
| Behandlung | Elektrische Kardioversion | Erste Pulmonalvenenisolation |
| Vergleich | ca. 1 Tasse/Tag vs. kein Koffein | ≥ 2 Tassen/Tag vs. 0–1 Tasse/Tag |
| Beobachtung | 6 Monate | 12 Monate |
| Rückfälle | 47 % vs. 64 % | 19,4 % vs. 33,3 % |
Nach Berücksichtigung anderer Einflussfaktoren blieb der Zusammenhang bestehen (bereinigtes Odds Ratio 0,47). Die Aalener Forschenden nennen mögliche Erklärungen: Koffein blockiert Adenosin-Rezeptoren, Pflanzenstoffe im Kaffee wie Polyphenole und Chlorogensäuren könnten entzündungshemmend wirken, und bei regelmäßigem Konsum gewöhnt sich das vegetative Nervensystem an Koffein. Belegt ist keiner dieser Mechanismen.
Die ehrliche Einordnung
- ▸Nur Kaffeetrinker: DECAF schloss ausschließlich Menschen ein, die ohnehin Kaffee tranken. Für Nicht-Kaffeetrinker sagt die Studie nichts. Niemand sollte deshalb mit Kaffee anfangen.
- ▸Offenes Design: Alle Beteiligten wussten, wer Kaffee trank. Das kann Ergebnisse beeinflussen. Auch denkbar: Der Entzug selbst wirkt sich ungünstig aus – die Studie misst Kaffee im Vergleich zu vollständigem Verzicht.
- ▸Kleine Zahl, kurze Zeit: 200 Personen und sechs Monate reichen nicht, um Effekte auf Schlaganfälle oder Sterblichkeit zu beurteilen.
- ▸Aalen-Studie nur Zusammenhang: Die Autoren nennen ihre Ergebnisse selbst „hypothesengenerierend“. Kaffee könne ein Marker für einen bestimmten Lebensstil sein. Bewegung, Ernährung, Schlaf und soziale Faktoren wurden nicht erfasst.
- ▸Weitere Grenzen laut Aalener Team: nur ein Zentrum, der Kaffeekonsum wurde einmalig selbst angegeben, Tassengröße und Zubereitung blieben unberücksichtigt, und durch Langzeit-EKG in Intervallen können unbemerkte Episoden übersehen worden sein. Pro zusätzlicher Tasse zeigte sich kein signifikanter Effekt.
Merksatz
Ein pauschales Kaffeeverbot bei Vorhofflimmern ist durch die neuen Daten kaum noch zu begründen. Ein Heilmittel ist Kaffee deshalb nicht – und mehr ist nicht automatisch besser.
Was Sie jetzt tun können
- ✓Wenn Sie Kaffee gut vertragen: Besprechen Sie mit Ihrer Kardiologin oder Ihrem Kardiologen, ob Sie Ihre gewohnte Tasse beibehalten können.
- ✓Wenn Kaffee bei Ihnen spürbar Herzrasen oder Stolpern auslöst: Ihre eigene Erfahrung zählt mehr als ein Studiendurchschnitt.
- ✓Energydrinks und hochdosierte Koffeinpräparate wurden nicht untersucht – die Ergebnisse gelten nicht für sie.
- ✓Gerinnungshemmer weiter wie verordnet einnehmen – sie schützen vor Schlaganfällen, nicht der Kaffee.
✓ Praxis-Tipp
Führen Sie zwei Wochen ein kleines Tagebuch: Wann trinken Sie Kaffee, wann spüren Sie Herzstolpern? Das hilft Ihnen und Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt, Ihren persönlichen Umgang mit Koffein festzulegen.
⚠ Warnzeichen für einen Schlaganfall – sofort 112 (Österreich: 144)
- ⚠Plötzlich hängender Mundwinkel
- ⚠Lähmung oder Taubheit eines Arms oder Beins
- ⚠Verwaschene Sprache oder Wortfindungsstörung
- ⚠Plötzliche Sehstörung oder starker Schwindel
FAQ: Kaffee bei Vorhofflimmern
Darf ich mit Vorhofflimmern Kaffee trinken?
Für Menschen, die Kaffee gewohnt sind und ihn vertragen, spricht die aktuelle Datenlage eher gegen ein striktes Verbot. Die Entscheidung sollte mit der behandelnden Ärztin oder dem Arzt fallen.
Wie viel Kaffee wurde untersucht?
In der DECAF-Studie im Mittel etwa eine Tasse pro Tag. In der Aalener Studie tranken die Personen der Gruppe mit höherem Konsum durchschnittlich gut drei Tassen täglich.
Schützt Kaffee vor Schlaganfall?
Das wurde nicht untersucht. Die Studien haben nur Rückfälle der Rhythmusstörung gemessen.
Sollte ich mit Kaffee anfangen, um Rückfälle zu verhindern?
Nein. Beide Studien betrafen Menschen, die bereits Kaffee tranken. Ein Nutzen für Neu-Einsteiger ist nicht belegt.
Gilt das auch für Energydrinks oder Cola?
Nein. Andere Koffeinquellen wurden in der Kaffee-Gruppe nicht gezielt untersucht. Die Ergebnisse lassen sich nicht übertragen.
⚠ Wichtiger Hinweis
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Ändern Sie Ihre Ernährung oder Medikation bei Herzrhythmusstörungen nur in Absprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Quellen: Wong CX, Cheung CC, Montenegro G, et al. Caffeinated Coffee Consumption or Abstinence to Reduce Atrial Fibrillation: The DECAF Randomized Clinical Trial. JAMA. 2026;335(4):317-325. DOI: 10.1001/jama.2025.21056 · Hägele P, Adam V, Biehler P, et al. Caffeinated Coffee Consumption and Atrial Arrhythmia Recurrence After Pulmonary Vein Isolation. J Clin Med. 2026;15(15). DOI: 10.3390/jcm15155841 · Abgerufen über PubMed.
Stand: 17.09.2026



