Frühe Huntington-Zeichen: Jahrzehnte vor Symptombeginn nachweisbar
Wegweisende Erkenntnisse zur Früherkennung
Stellen Sie sich vor, Sie könnten eine neurodegenerative Erkrankung erkennen und möglicherweise behandeln, bevor überhaupt Symptome auftreten. Eine bahnbrechende Langzeitstudie der University College London (UCL) macht genau das bei der Huntington-Krankheit möglich: Forschende wiesen neurologische Veränderungen nach – durchschnittlich 23 Jahre bevor die charakteristischen motorischen Symptome auftreten.
Die im Januar 2025 in Nature Medicine veröffentlichte Studie untersuchte 57 Träger der Huntington-Genmutation (HDGE) über 4,5 Jahre und verglich sie mit 46 gesunden Kontrollpersonen. Die Ergebnisse könnten die Behandlungsstrategie grundlegend verändern.
Was ist die Huntington-Krankheit?
Die Huntington-Krankheit ist eine vererbbare neurodegenerative Erkrankung, die durch eine Mutation im Huntingtin-Gen (HTT) verursacht wird. Diese Mutation führt zu einer abnormalen Wiederholung der DNA-Sequenz CAG, wodurch das produzierte Protein toxisch wird und Nervenzellen – besonders im Striatum (Streifenkörper des Gehirns) – schädigt.
Typischerweise manifestiert sich die Erkrankung im mittleren Lebensalter mit Bewegungsstörungen, kognitiven Einbußen und psychiatrischen Symptomen. Derzeit gibt es keine krankheitsmodifizierenden Therapien.
Kernerkenntnisse der Studie
Biomarker zeigen Neurodegeneration an
Die Forschenden entdeckten signifikante Veränderungen in der Gehirn-Rückenmarks-Flüssigkeit (Liquor):
Erhöhtes Neurofilament-Leichtkettenprotein (NfL): Dieses Protein, ein Marker für Nervenzellschädigung, war bei HDGE-Teilnehmenden deutlich erhöht (FDR = 3,2 × 10⁻¹²). Über den Beobachtungszeitraum stieg NfL bei HDGE-Personen signifikant schneller an als bei Kontrollen – ein Hinweis auf fortschreitende Axonschädigung.
Reduziertes Proenkephalin (PENK): Dieser Surrogatmarker für den Zustand der striatalen Medium Spiny Neurons (MSN) – jene Nervenzellen, die bei Huntington besonders betroffen sind – war bei HDGE-Personen signifikant vermindert (FDR = 2,6 × 10⁻³).
Strukturelle Gehirnveränderungen
Parallel zu den Liquorbefunden zeigten Bildgebungsuntersuchungen bereits messbare Atrophie:
- Caudatus-Kern: Signifikant beschleunigter Volumenverlust (FDR = 5,5 × 10⁻¹⁰)
- Putamen: Ebenfalls deutliche Atrophie (FDR = 1,2 × 10⁻⁹)
- Graue und weiße Substanz: Generalisierte Hirnatrophie mit entsprechender Ventrikelerweiterung
Bemerkenswert: Diese Veränderungen traten auf, obwohl die Teilnehmenden klinisch noch völlig unauffällig waren.
Die Rolle der somatischen CAG-Expansion
Ein zentraler Befund der Studie betrifft die somatische CAG-Expansion – die fortlaufende Verlängerung der CAG-Wiederholung in Körperzellen im Laufe des Lebens. Die Forschenden konnten nachweisen:
Die im Blut gemessene Zunahme der somatischen Expansion sagte die nachfolgende Atrophie von Caudatus (FDR = 0,072) und Putamen (FDR = 0,148) voraus. Dies liefert erstmals Evidenz beim lebenden Menschen, dass somatische Expansion ein Treiber der Neuropathologie ist – nicht nur eine Begleiterscheinung.
Personen mit atypischen HTT-Strukturen (Verlust der CAACAG-CCGCCA-Sequenz) zeigten nach Korrektur für die CAG-Länge deutlich schnellere Atrophie und höhere NfL-Werte, was auf einen beschleunigten neurodegenerativen Verlauf hindeutet.
Bedeutung für Betroffene und Angehörige
Keine funktionellen Einbußen – noch nicht
Trotz nachweisbarer neurologischer Veränderungen zeigten die HDGE-Teilnehmenden über 4,5 Jahre keine Verschlechterung bei kognitiven, motorischen oder neuropsychiatrischen Tests im Vergleich zu Kontrollen. Dies unterstreicht ein kritisches therapeutisches Fenster: Die Neurodegeneration beginnt lange bevor Funktionseinbußen messbar werden.
Hoffnung auf präventive Therapien
Die Erkenntnisse sind für die Entwicklung vorbeugender Behandlungen von enormer Bedeutung. Wenn somatische CAG-Expansion tatsächlich ein Schlüsselmechanismus ist, könnten Therapien, die auf DNA-Reparaturproteine wie MSH3 abzielen, den Krankheitsverlauf bereits in diesen frühen Stadien verlangsamen oder sogar stoppen.
Mehrere solcher Ansätze befinden sich bereits in der Entwicklung. Die Studie identifiziert zudem robuste Biomarker (NfL, PENK, Hirnvolumina), die als Surrogatendpunkte in klinischen Studien dienen könnten – gerade in Phasen, in denen funktionelle Veränderungen noch nicht messbar sind.
Ausblick und offene Fragen
Die Forschenden schlagen vor, dass Neuronen möglicherweise jahrzehntelang eine “biologisch stille” CAG-Expansion durchlaufen, bevor bei Erreichen eines kritischen Schwellenwerts von etwa 150 Wiederholungen eine Kaskade transkriptioneller Fehlregulation und neuronaler Schädigung einsetzt.
Grenzen der Studie: Die Studie kann nicht klären, ob die Biomarkerveränderungen bereits auf Zelltod hindeuten oder noch reversible Prozesse wie undichte Axone widerspiegeln. Zudem bleiben die genauen Mechanismen, durch die atypische HTT-Strukturen die Pathologie beschleunigen, ungeklärt.
Nächste Schritte: Längerfristige Beobachtungen werden zeigen, ob und wann die Teilnehmenden klinische Symptome entwickeln und wie sich die Biomarker weiter verändern.
Fazit
Diese Studie markiert einen Wendepunkt im Verständnis der Huntington-Krankheit. Erstmals wurde beim lebenden Menschen gezeigt, dass die somatische CAG-Expansion mit den frühesten pathologischen Veränderungen assoziiert ist – zwei Jahrzehnte vor Symptombeginn.
Für Mutationsträger und ihre Familien bedeutet dies: Die Möglichkeit präventiver Interventionen rückt näher. Mit validierten Biomarkern und einem besseren Verständnis der Krankheitsmechanismen besteht berechtigte Hoffnung, dass zukünftige Therapien eingreifen können, bevor irreversibler Schaden entsteht.
Referenzen
[1] Scahill, R.I., Farag, M., Murphy, M.J. et al. Somatic CAG repeat expansion in blood associates with biomarkers of neurodegeneration in Huntington’s disease decades before clinical motor diagnosis. Nat Med 31, 807–818 (2025). https://doi.org/10.1038/s41591-024-03424-6
[2] Tabrizi, S.J. et al. A biological classification of Huntington’s disease: the Integrated Staging System. Lancet Neurol.21, 632–644 (2022).
[3] Handsaker, R.E. et al. Long somatic DNA-repeat expansion drives neurodegeneration in Huntington disease. Preprint at bioRxiv (2024). https://doi.org/10.1101/2024.05.17.592722



