Was passiert im Gehirn von Fußballfans? Neue Studie entschlüsselt neurologische Mechanismen
Neue fMRT-Studie zeigt: Siege gegen Rivalen aktivieren das Belohnungssystem, während Niederlagen die emotionale Kontrolle beeinträchtigen – besonders bei fanatischen Fans.
Der neurologische Unterschied zwischen Sieg und Niederlage
Stellen Sie sich vor: Das Stadion tobt, Ihr Team schießt in der letzten Minute das entscheidende Tor gegen den Erzrivalen. Ihr Herz rast, Emotionen überwältigen Sie – doch was geschieht in diesem Moment tatsächlich in Ihrem Gehirn? Eine bahnbrechende Studie, die im November 2025 in der renommierten Fachzeitschrift Radiology veröffentlicht wurde, liefert erstmals detaillierte Antworten auf diese Frage und zeigt bemerkenswerte Unterschiede zwischen gelegentlichen Zuschauern und leidenschaftlichen Fans.
Die Studie: Fußballfans im Hirnscanner
Forscher um Dr. Francisco Zamorano von der Clínica Alemana de Santiago untersuchten 60 männliche Fußballfans im Alter von 20 bis 45 Jahren mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT). Diese bildgebende Methode macht sichtbar, welche Hirnregionen während bestimmter Aktivitäten besonders aktiv sind.
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Die Teilnehmer wurden nach ihrer emotionalen Bindung an ihr Team klassifiziert – von gelegentlichen Zuschauern über engagierte Fans bis hin zu fanatischen Anhängern. Während der fMRT-Untersuchung sahen sie 63 Torsequenzen aus echten Spielen: Tore ihres Lieblingsteams gegen den Erzrivalen, gegen andere Teams, sowie Tore der gegnerischen Mannschaften.
Warum ist diese Forschung wichtig? Die Studie nutzt Fußball als ethisch vertretbares Modell, um grundlegende Mechanismen sozialer Identität und Gruppendynamik zu verstehen – Phänomene, die sich schwieriger untersuchen ließen, wenn es um Religion, Ethnizität oder politische Überzeugungen ginge.
Hauptbefund 1: Siege aktivieren das Belohnungssystem
Wenn das eigene Team gegen den Erzrivalen trifft, zeigt das Gehirn ein faszinierendes Aktivierungsmuster: Besonders aktiv werden das ventrale Striatum, der Nucleus caudatus und der Nucleus lentiformis – Kerngebiete des Belohnungssystems, die eng mit dem Neurotransmitter Dopamin verbunden sind.
Was bedeutet das für Sie? Diese Hirnregionen sind dieselben, die auch bei anderen belohnenden Erlebnissen aktiviert werden – beim Essen, bei sexueller Aktivität oder beim Drogenkonsum. Das erklärt, warum Fußballfandom eine fast süchtig machende Qualität haben kann. Die Aktivierung dieser dopaminergen Schaltkreise verstärkt Verhaltensweisen, die mit Freude und Motivation verbunden sind.
Zusätzlich zeigten die Untersuchungen erhöhte Aktivität im medialen präfrontalen Kortex (mPFC) und im anterioren cingulären Kortex (ACC). Diese Regionen sind an sozialer Verstärkung, selbstbezogener Verarbeitung und emotionaler Regulation beteiligt. Interessanterweise war auch die Fusiform Face Area aktiv – ein Areal, das an der Gesichtserkennung beteiligt ist, was auf eine Verbindung zwischen Belohnungsverarbeitung und sozialer Wahrnehmung hindeutet.
Hauptbefund 2: Niederlagen verändern die kognitive Kontrolle
Noch aufschlussreicher sind die Ergebnisse bei Niederlagen gegen den Erzrivalen. Hier zeigte sich ein völlig anderes neuronales Muster:
Das sogenannte Mentalisierungsnetzwerk wurde aktiviert, einschließlich des oberen Temporalsulcus, des orbitofrontalen Kortex und des dorsolateralen präfrontalen Kortex. Dieses Netzwerk ist für das Verstehen sozialer Dynamiken und die Perspektivübernahme zuständig – das Gehirn versucht offenbar, die Niederlage kognitiv zu verarbeiten.
Der kritische Befund: Gleichzeitig zeigte sich eine verringerte Aktivität im dorsalen anterioren cingulären Kortex (dACC), einer Region, die für kognitive Kontrolle und Verhaltensregulation entscheidend ist.
Die Studie fand auch eine Deaktivierung des Salienz-Netzwerks, zu dem die bilaterale Insula und der dACC gehören. Dieses Netzwerk ist normalerweise an der Aufmerksamkeitssteuerung und der Erkennung emotional bedeutsamer Reize beteiligt. Die Verringerung der Aktivität deutet darauf hin, dass stark engagierte Fans die Verarbeitung von emotional belastenden Situationen unterdrücken könnten – möglicherweise als Bewältigungsmechanismus.
Der Fanatismus-Faktor: Je stärker die Bindung, desto schwächer die Kontrolle
Besonders bemerkenswert: Die Forscher fanden einen negativen Zusammenhang zwischen dem Fanatismus-Score und der dACC-Aktivität während Niederlagen. Je fanatischer die Fans, desto stärker war die Deaktivierung dieser für emotionale Regulation wichtigen Hirnregion.
Praktische Bedeutung: Diese verminderte Aktivität im dACC, der limbische Signale in frontale Assoziationsareale und Verhaltenskontrollmechanismen integriert, könnte die bei intensiven Rivalitäten beobachtete verstärkte Aggressivität erklären.
Eine ergänzende Studie von van der Meij und Kollegen fand zudem, dass Fan-Aggression mit niedrigeren Cortisolspiegeln korreliert – ein Hinweis auf proaktive Aggression, die besonders dann auftritt, wenn Schiedsrichter statt des eigenen Teams beschuldigt werden.
Unterschiede zu anderen Formen des Fanatismus
Interessanterweise unterscheidet sich Sport-Fanatismus neurologisch von ideologischem Fanatismus. Bei ideologischen Konflikten steigt die dACC-Aktivität, um kognitive Kontrolle und Glaubenserhaltung zu verstärken. Bei Sport-Fans zeigt sich hingegen das Gegenteil – eine reduzierte dACC-Aktivierung während Niederlagen.
Dies deutet darauf hin, dass die grundlegenden Mechanismen sozialer Kognition bei Fanatismus zwar universell sein mögen, die emotionale Regulation jedoch stark vom Kontext abhängt.
Methodik: So wurde geforscht
Die Studie nutzte modernste Bildgebungstechnologie:
- 3-Tesla-MRT-Scanner zur hochauflösenden Hirnbildgebung
- 722 Messungen pro Teilnehmer während der 26-minütigen Videosequenzen
- Strenge statistische Kontrollen mit Cluster-Korrektur zur Vermeidung falsch-positiver Befunde
- Football Supporters Fanaticism Scale (FSFS): Ein validiertes 13-Item-Instrument zur Messung von Fanatismus (Skala von 13-52 Punkten, niedrigere Werte bedeuten höheren Fanatismus)
Einschränkungen und offene Fragen
Die Wissenschaftler weisen auf mehrere Limitationen hin:
Geschlecht: Die Studie untersuchte ausschließlich männliche Fans, um geschlechtsspezifische Variabilität zu kontrollieren. Ob sich die Befunde auf weibliche Fans übertragen lassen, bleibt offen.
Stichprobengröße: Mit 60 Teilnehmern ist die Studie gut dimensioniert, jedoch waren fanatische Fans unterrepräsentiert (nur 4 Teilnehmer in dieser Kategorie).
Weitere Einflussfaktoren: Alkoholkonsum und Glücksspielverhalten wurden nicht erfasst, könnten aber die neuronalen Reaktionen auf Wettkampfsituationen beeinflussen.
Laborumgebung vs. Realität: Die Teilnehmer sahen Videoaufnahmen im Scanner – nicht dasselbe wie ein Live-Erlebnis im Stadion, wo soziale Dynamiken und Gruppendruck eine Rolle spielen.
Was diese Erkenntnisse für die Praxis bedeuten
Die Forschungsergebnisse haben potenzielle Anwendungen in mehreren Bereichen:
Sicherheitsmanagement: Das Verstehen der neurologischen Grundlagen von Fan-Aggression könnte helfen, Sicherheitsstrategien bei Hochrisikospielen zu verbessern.
Prävention von Gewalt: Interventionen könnten gezielt an den Mechanismen emotionaler Regulation ansetzen, besonders bei Hochrisiko-Fans.
Verständnis sozialer Identität: Die Befunde tragen zum allgemeinen Verständnis bei, wie Gruppenzugehörigkeit unser Gehirn und Verhalten beeinflusst – mit Relevanz weit über den Sport hinaus.
Ausblick: Wohin führt die Forschung?
Die Autoren schlagen mehrere Richtungen für zukünftige Forschung vor: Untersuchung geschlechtsspezifischer Unterschiede, Vergleich mit anderen Formen des Fanatismus (politisch, religiös) und Analyse von Reaktionen während Live-Spielen statt Videoaufnahmen.
Ein besonders faszinierender Aspekt: Wie der uruguayische Schriftsteller Eduardo Galeano bemerkte, ist Fußball-Identität nicht verhandelbar und tief verwurzelt – und die neurologischen Daten dieser Studie untermauern diese psychologische Beobachtung eindrucksvoll.
Fazit: Das Gehirn als Spiegel der Fanleidenschaft
Diese wegweisende Studie zeigt, dass Fußball-Fandom weit mehr ist als bloße Unterhaltung – es ist ein neurologisch tiefgreifendes Phänomen, das grundlegende Belohnungs- und Kontrollsysteme des Gehirns einbezieht. Die Aktivierung des dopaminergen Belohnungssystems bei Siegen gegen Rivalen erklärt die fast süchtig machende Qualität intensiver Fankultur, während die reduzierte Aktivität in Kontrollregionen während Niederlagen das Risiko für impulsive und aggressive Reaktionen erhöht.
Für Angehörige von Gesundheitsberufen und alle, die mit emotionaler Regulation arbeiten, bieten diese Erkenntnisse wertvolle Einblicke in die neurologischen Grundlagen starker Gruppenbindungen – mit Implikationen, die weit über den Fußball hinausgehen.
Referenzen
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Hinweis für Leser: Dieser Artikel dient der Information und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung. Bei Fragen zu emotionaler Regulation oder impulsivem Verhalten konsultieren Sie bitte einen Facharzt oder Psychologen.



