NextBrain: Revolutionärer Hirnatlas ermöglicht präzisere Diagnose neurologischer Erkrankungen
Neue hochauflösende Hirnatlas NextBrain ermöglicht präzisere MRT-Analyse bei Alzheimer, Parkinson und anderen neurologischen Erkrankungen. Kostenlos verfügbar für Forschung.
Meilenstein in der Hirnforschung könnte Diagnostik revolutionieren
Stellen Sie sich vor, Sie sitzen beim Neurologen und warten auf die Ergebnisse Ihrer MRT-Untersuchung. Der Arzt kann Ihnen nun dank eines revolutionären neuen Gehirnatlases nicht nur sagen, ob eine Veränderung vorliegt, sondern auch präzise benennen, welche spezifischen Hirnregionen betroffen sind – und zwar mit einer bisher unerreichten Genauigkeit. Diese Vision ist jetzt Realität geworden.
Ein internationales Forschungsteam unter Leitung des University College London und der Harvard Medical School hat NextBrain entwickelt – einen bahnbrechenden probabilistischen Atlas des menschlichen Gehirns, der die neurologische Diagnostik und Forschung grundlegend verändern könnte.
Was macht NextBrain so besonders?
NextBrain unterscheidet sich fundamental von bisherigen Gehirnatlanten. Während frühere Atlanten entweder nur einzelne Gehirnregionen detailliert darstellten oder das gesamte Gehirn nur grob abbildeten, kombiniert NextBrain beides: Der Atlas bietet eine vollständige Kartierung von 333 verschiedenen Hirnregionen mit probabilistischen Beschriftungen für das gesamte menschliche Gehirn.
Die Innovation in Zahlen:
- 333 detailliert kartierte Hirnregionen
- Auflösung von 0,2 Millimetern
- Basierend auf etwa 10.000 histologischen Schnitten
- Daten von 5 menschlichen Gehirnhälften
Wie wurde der Atlas erstellt?
Die Forscher entwickelten KI-gestützte Methoden, um etwa 10.000 histologische Schnitte von fünf menschlichen Gehirnhälften in dreidimensionale Volumina zusammenzufügen. Histologie bezeichnet dabei die mikroskopische Untersuchung von Gewebe – die detaillierteste Methode zur Analyse der Gehirnstruktur.
Der technische Durchbruch lag in der Lösung eines komplexen Problems: Die Gewebeschnitte werden bei der Verarbeitung verformt, ähnlich wie ein Puzzle, dessen Teile sich verzogen haben. Das Team nutzte einen hochmodernen KI-basierten Registrierungsrahmen mit drei speziell entwickelten Komponenten, der eine durchschnittliche Ausrichtungsgenauigkeit von nur 0,99 Millimetern erreichte.
Praktischer Nutzen für Patienten und Ärzte
Präzisere Alzheimer-Diagnostik
In einer Studie mit 383 Probanden konnte NextBrain Alzheimer-Patienten von gesunden Kontrollpersonen mit einer Genauigkeit von 90,3 Prozent unterscheiden – deutlich besser als bisherige Methoden mit 86,9 Prozent. Diese verbesserte Genauigkeit könnte zu früheren und zuverlässigeren Diagnosen führen.
Detaillierte Alterungsforschung
Die Analyse von 705 Probanden im Alter von 36 bis 90 Jahren zeigte, dass NextBrain differenzierte Alterungsmuster in verschiedenen Hirnregionen sichtbar machen kann. Beispielsweise:
- Der vordere Teil des Nucleus caudatus (eine Struktur der Basalganglien, die an Bewegungssteuerung beteiligt ist) zeigt stärkere altersbedingte Volumenreduktion als der hintere Teil
- Die Inselrinde (Insula, wichtig für Emotionsverarbeitung) und der präfrontale Kortex (zuständig für Planung und Entscheidungen) weisen deutliche Korrelationen mit dem Alter auf
Was bedeutet das für Betroffene?
Für Patienten mit neurologischen Erkrankungen:
- Präzisere Lokalisierung von Krankheitsherden
- Besseres Verständnis individueller Krankheitsverläufe
- Potenzial für personalisierte Therapieansätze
Für die medizinische Forschung: NextBrain ermöglicht Forschern weltweit die automatische Analyse von Gehirn-MRTs mit höherer Granularität, was die Spezifität von Befunden erhöhen und das Verständnis des menschlichen Gehirns in Gesundheit und Krankheit beschleunigen könnte.
Technische Details für Interessierte
Ultra-hochauflösende MRT-Analyse
NextBrain kann ultra-hochauflösende Ex-vivo-MRT-Scans (also Aufnahmen von entnommenem Gewebe) mit 100 Mikrometern Auflösung automatisch in 333 Regionen segmentieren. Diese Fähigkeit ist besonders wertvoll für Forschungszwecke und die Entwicklung neuer Diagnoseverfahren.
Bayesianische Segmentierung
Der Atlas nutzt ein mathematisches Verfahren namens Bayesianische Segmentierung, das automatisch Hirnregionen in MRT-Scans identifiziert. Die Verarbeitungszeit beträgt etwa eine Stunde pro Gehirnhälfte auf einem Desktop-Computer mit Grafikprozessor.
Grenzen und Ausblick
Limitationen:
- Der Atlas basiert auf nur fünf Gehirnen älterer Spender
- Nicht alle Hirnregionen lassen sich auf Standard-MRT-Aufnahmen gleich gut erkennen
- Die automatische Segmentierung erreicht bei kleineren Strukturen niedrigere Genauigkeitswerte
Zukünftige Entwicklungen: NextBrain ist anpassbar und erweiterbar – Forscher können den Atlas mit neuen Annotationen ergänzen oder eigene Segmentierungsmethoden entwickeln. Die Kombination mit anderen Atlanten, etwa für die Analyse der Hirnrinde, ist bereits in Arbeit.
Verfügbarkeit und Zugang
Ein besonderer Vorteil von NextBrain: Die Forscher veröffentlichen öffentlich die Roh- und ausgerichteten Daten, ein Online-Visualisierungstool, den Atlas selbst, das Segmentierungswerkzeug und Referenzdaten für ein hochauflösendes Ex-vivo-Hemisphären-MRT.
Das Segmentierungstool ist kostenlos verfügbar als Teil der neuroimaging-Software FreeSurfer und kann mit einer einzigen Codezeile ausgeführt werden.
Fazit: Ein Werkzeug mit Zukunftspotenzial
NextBrain stellt einen bedeutenden Fortschritt in der Hirnforschung dar. Die Kombination aus histologischer Präzision, automatischer Verarbeitung und freier Verfügbarkeit macht den Atlas zu einem wertvollen Werkzeug für Kliniker und Forscher weltweit.
Für Patienten mit neurologischen Erkrankungen wie Alzheimer, Parkinson oder anderen neurodegenerativen Erkrankungen bedeutet dies mittelfristig: präzisere Diagnosen, besseres Verständnis ihrer Erkrankung und möglicherweise individuellere Behandlungsansätze.
Die wahre Revolution liegt jedoch in der Demokratisierung der Technologie: Durch die freie Verfügbarkeit können Forschungseinrichtungen und Kliniken weltweit von diesem Fortschritt profitieren – unabhängig von ihren finanziellen Ressourcen.
Referenzen
[1] Casamitjana, A., Mancini, M., Robinson, E., Peter, L., Annunziata, R., Althonayan, J., Crampsie, S., Blackburn, E., Billot, B., Atzeni, A., Puonti, O., Balbastre, Y., Schmidt, P., Hughes, J., Augustinack, J. C., Edlow, B. L., Zöllei, L., Thomas, D. L., Kliemann, D., Bocchetta, M., Strand, C., Holton, J. L., Jaunmuktane, Z., & Iglesias, J. E. (2025). A probabilistic histological atlas of the human brain for MRI segmentation. Nature. https://doi.org/10.1038/s41586-025-09708-2
Weitere Informationen:
- Online-Visualisierungstool: https://github-pages.ucl.ac.uk/NextBrain
- FreeSurfer Download: https://surfer.nmr.mgh.harvard.edu/fswiki/HistoAtlasSegmentation
- Rohdaten: https://doi.org/10.5522/04/24243835
Hinweis: Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung. Bei Fragen zu neurologischen Erkrankungen konsultieren Sie bitte Ihren Arzt oder Neurologen.



