Auf dem Laborbefund steht HbA1c 5,9 Prozent, daneben ein kleiner Pfeil nach oben und in der Bemerkungsspalte das Wort Prädiabetes. Kein Diabetes also — aber auch kein „alles in Ordnung“. In dieser Grauzone bleiben die meisten ratlos zurück. Dieser Beitrag erklärt, was der Bereich zwischen 5,7 und 6,4 Prozent bedeutet, wo der Langzeitwert in die Irre führt — und welche Maßnahmen das Risiko nachweislich senken.
Prädiabetes: drei Definitionen, die nicht dieselben Menschen erfassen
Prädiabetes ist kein einzelner Messwert, sondern ein Sammelbegriff für einen Zuckerstoffwechsel, der messbar von der Norm abweicht, ohne die Diabetes-Schwelle zu erreichen. Dafür gibt es drei Kriterien — es genügt, wenn eines erfüllt ist.
| Kriterium | Normal | Prädiabetes | Diabetes |
|---|---|---|---|
| HbA1c Blutzucker-Langzeitwert |
< 5,7 % (< 39 mmol/mol) |
5,7–6,4 % (39–47 mmol/mol) |
≥ 6,5 % (≥ 48 mmol/mol) |
| Nüchternglukose nach 8 h ohne Nahrung |
< 100 mg/dl (< 5,6 mmol/l) |
100–125 mg/dl (5,6–6,9 mmol/l) |
≥ 126 mg/dl (≥ 7,0 mmol/l) |
| oGTT-2-Stunden-Wert Zuckerbelastungstest |
< 140 mg/dl (< 7,8 mmol/l) |
140–199 mg/dl (7,8–11,0 mmol/l) |
≥ 200 mg/dl (≥ 11,1 mmol/l) |
Der entscheidende Punkt an dieser HbA1c-Tabelle steht nicht in den Zahlen, sondern zwischen ihnen: Die drei Kriterien erfassen zu einem erheblichen Teil unterschiedliche Personen. Wer eine gestörte Nüchternglukose hat, muss keinen auffälligen oGTT haben — und umgekehrt. Vor allem gilt: Ein HbA1c unter 5,7 Prozent schließt eine gestörte Glukosetoleranz nicht aus. Deshalb führen die Leitlinien alle drei Kriterien nebeneinander und nicht als Rangfolge.
Was der HbA1c-Wert überhaupt misst
Glukose bindet sich spontan und ohne Beteiligung von Enzymen an Hämoglobin, den roten Blutfarbstoff. Je mehr Zucker über längere Zeit im Blut zirkuliert, desto größer der Anteil des so „verzuckerten“ Hämoglobins — genau diesen Anteil gibt der HbA1c-Wert in Prozent an. Weil rote Blutkörperchen etwa drei bis vier Monate leben, entspricht er dem mittleren Blutzucker der zurückliegenden rund acht bis zwölf Wochen.
Daraus ergeben sich zwei praktische Vorteile: Man muss für die Bestimmung nicht nüchtern sein, und der Wert ist weitgehend unabhängig davon, was Sie am Vorabend gegessen haben. Ein einzelner Nüchternblutzucker schwankt von Tag zu Tag deutlich, der Langzeitwert tut das nicht.
Wo der HbA1c-Wert in die Irre führt
Der Wert misst nicht Zucker, sondern Hämoglobin. Alles, was die Lebensdauer der roten Blutkörperchen oder die Struktur des Hämoglobins verändert, verfälscht ihn deshalb — in beide Richtungen:
- ▸ Anämie und akuter Blutverlust: Werden vermehrt junge rote Blutkörperchen nachgebildet, hatten diese weniger Zeit zu „verzuckern“ — der Wert fällt falsch niedrig aus. Das gilt auch nach Operationen oder einer Blutspende.
- ▸ Eisenmangel und beginnende Eisentherapie: Ein ausgeprägter Eisenmangel verschiebt den Wert nach oben; unter Therapie fällt er wieder — ohne Änderung am Blutzucker.
- ▸ Hämoglobinvarianten: Genetische Abweichungen der Hämoglobinstruktur, etwa bei Thalassämie oder Sichelzellmerkmal, stören je nach Labormethode die Messung.
- ▸ Fortgeschrittene Nierenerkrankung: Verkürzte Lebensdauer der roten Blutkörperchen und gestörte Blutbildung machen den Wert unzuverlässig.
Wer einen grenzwertigen HbA1c hat und zugleich zu einer dieser Gruppen gehört, sollte den Zuckerstoffwechsel zusätzlich über Nüchternglukose oder Belastungstest beurteilen lassen. Ohne Blutbild lässt sich der Störfaktor Anämie gar nicht abschätzen.
Prädiabetes ist keine Einbahnstraße — aber auch keine Bagatelle
Das Wort „Vorstufe“ legt einen Automatismus nahe, den es so nicht gibt: Ein erheblicher Teil der Menschen mit Prädiabetes entwickelt nie einen Typ-2-Diabetes, ein weiterer Teil kehrt in den Normalbereich zurück. Prädiabetes ist ein Risikozustand, kein Fahrplan.
Merksatz
Prädiabetes sagt nicht voraus, dass Sie Diabetes bekommen. Er sagt, dass Ihr Risiko erhöht ist — und dass Sie den größten Einfluss darauf genau jetzt haben.
Gleichzeitig wäre es falsch, den Befund als bedeutungslos abzutun. Eine Metaanalyse von 129 Studien mit über zehn Millionen Personen fand für Prädiabetes gegenüber normalem Zuckerstoffwechsel ein erhöhtes Risiko für Gesamtsterblichkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen — die relativen Risiken lagen in der Allgemeinbevölkerung bei rund 1,13 bis 1,16. Die Erhöhung ist moderat, aber sie beginnt eben nicht erst bei 6,5 Prozent. Prädiabetes ist damit auch ein kardiovaskuläres Signal. Wer einen auffälligen Langzeitwert hat, sollte deshalb Triglyceride, Blutdruck und LDL-Cholesterin mit im Blick haben.
Der neurologische Blickwinkel: Nervenschäden beginnen früher
In der öffentlichen Wahrnehmung ist die Nervenschädigung eine Spätfolge des Diabetes. Die neurologische Datenlage spricht dagegen: Bereits im Stadium der gestörten Glukosetoleranz lassen sich Veränderungen der dünnen Nervenfasern nachweisen.
Gemeint sind die sogenannten Small Fibers — dünne, unmyelinisierte Nervenfasern, die Temperatur, Schmerz und einen Teil der vegetativen Funktionen vermitteln. Mit der klassischen Nervenleitgeschwindigkeitsmessung sind sie nicht erfassbar; eine unauffällige Neurografie schließt eine Small-Fiber-Neuropathie also nicht aus. Nachweisen lässt sie sich über Hautbiopsie mit Auszählung der intraepidermalen Nervenfasern, quantitative sensorische Testung oder konfokale Hornhautmikroskopie.
Eine prospektive Untersuchung an Personen mit gestörter Glukosetoleranz fand mit diesen Verfahren bereits vor der Diabetesdiagnose eine reduzierte Nervenfaserdichte bei jenen Teilnehmern, die im Verlauf einen Typ-2-Diabetes entwickelten. Bemerkenswert: Bei Teilnehmern, deren Glukosetoleranz sich normalisierte, verbesserten sich einzelne Nervenparameter über drei Jahre. Neurologische Übersichtsarbeiten beschreiben zudem, dass bei einem relevanten Anteil von Menschen mit ungeklärter Polyneuropathie eine gestörte Glukosetoleranz vorliegt.
Typische Beschwerden sind Kribbeln, Brennen, Taubheitsgefühl oder Missempfindungen an Füßen und Unterschenkeln — häufig symmetrisch, häufig nachts betont, häufig von den Zehen aufsteigend. Wer solche Beschwerden hat und einen HbA1c im Prädiabetes-Bereich, sollte beides zusammen ärztlich abklären lassen statt getrennt abzuhaken. Zur Einordnung gehört aber: Solche Beschwerden haben viele mögliche Ursachen — Vitamin-B12-Mangel, Alkohol, Schilddrüsenerkrankungen, Medikamente. Ein grenzwertiger Zuckerwert erklärt sie nicht automatisch, gehört aber auf die Liste.
Prädiabetes rückgängig machen: was nachweislich wirkt
Hier ist die Datenlage ungewöhnlich klar. Das US-amerikanische Diabetes Prevention Program randomisierte 3.234 Personen mit erhöhten Nüchtern- und Belastungswerten auf drei Gruppen: Placebo, Metformin oder ein intensives Lebensstilprogramm mit den Zielen mindestens 7 Prozent Gewichtsreduktion und mindestens 150 Minuten Bewegung pro Woche. Nach im Mittel 2,8 Jahren senkte das Lebensstilprogramm die Diabetes-Neuerkrankungen um 58 Prozent gegenüber Placebo, Metformin um 31 Prozent — der Unterschied zugunsten des Lebensstils war statistisch signifikant.
Das ist eine seltene Konstellation: Die nicht-medikamentöse Maßnahme war dem Medikament überlegen. Konkret heißt das:
- ▸ Gewicht: Eine Reduktion um etwa 5 bis 7 Prozent des Ausgangsgewichts. Bei 95 Kilogramm sind das fünf bis sieben Kilo — eine realistische Größenordnung.
- ▸ Bewegung: Mindestens 150 Minuten moderate Aktivität pro Woche, verteilt auf mehrere Tage. Zügiges Gehen zählt.
- ▸ Krafttraining: Muskulatur ist das größte Abnehmerorgan für Glukose. Zwei Einheiten pro Woche ergänzen das Ausdauertraining.
- ▸ Schlaf und Alkohol: Chronisch kurzer Schlaf verschlechtert die Insulinempfindlichkeit; Alkohol liefert Kalorien und stört den Schlaf. Beides wirkt auf mehrere Werte gleichzeitig.
Was nicht dazugehört: Wunderdiäten, „Zucker-Detox“ und Nahrungsergänzungsmittel gegen Prädiabetes. Für keines dieser Konzepte existiert Evidenz in der Größenordnung des Diabetes Prevention Program.
✓ Praxis-Tipp: das Kontrollintervall
Bei bestätigtem Prädiabetes ist eine HbA1c-Kontrolle alle sechs bis zwölf Monate sinnvoll. Entscheidend ist nicht der Einzelwert, sondern die Richtung: Ein Wert, der von 5,7 auf 6,2 Prozent klettert, ist ein anderes Signal als ein konstantes 6,0 über drei Jahre. Bewahren Sie alle Befunde auf und vergleichen Sie möglichst Werte aus demselben Labor.
Die ehrliche Einordnung: was ein HbA1c-Selbsttest nicht leisten kann
Der HbA1c eignet sich für einen Selbsttest vergleichsweise gut: Man muss nicht nüchtern sein, der Wert ist wenig tagesabhängig, und für den Postversand von Kapillarblut liegen Daten mit akzeptabler Übereinstimmung nach 24 Stunden vor. Damit enden die guten Nachrichten aber auch.
Denn der Kern des Problems steckt schon in der Tabelle ganz oben: Ein Selbsttest, der HbA1c misst, aber weder Nüchternglukose noch einen oGTT enthält, deckt nur eines von drei Prädiabetes-Kriterien ab. Ein unauffälliger Wert von zum Beispiel 5,4 Prozent ist deshalb keine Entwarnung für die Frage, ob eine gestörte Glukosetoleranz vorliegt — die zeigt sich erst im Belastungstest, und der ist weder zuhause noch per Post durchführbar. Wer typische Risikofaktoren hat (Übergewicht, familiäre Belastung, Bluthochdruck, Bewegungsmangel), sollte sich von einem normalen HbA1c allein nicht beruhigen lassen. Hinzu kommt: Ohne Blutbild lässt sich nicht beurteilen, ob eine Anämie den Wert verzerrt.
Wie zuverlässig Kapillarblut generell ist, ordnet der Beitrag Bluttest für zuhause ein. Was die gesetzliche Vorsorge abdeckt — sie enthält einen Nüchternblutzucker, aber keinen HbA1c —, steht im Beitrag Check-up 35. Alle Parameter im Überblick: Blutwerte-Tabelle für Männer.
⚠ Wichtiger Hinweis
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die Diagnose Prädiabetes oder Diabetes wird nicht aus einem einzelnen Wert gestellt, sondern erfordert eine ärztliche Bewertung mit Bestätigungsmessung. Wenn Sie Beschwerden haben — insbesondere Missempfindungen an Füßen oder Beinen — oder ein Befund abweicht, besprechen Sie das bitte ärztlich.
Häufige Fragen zu Prädiabetes
Mein HbA1c liegt bei 5,8 Prozent — habe ich jetzt Prädiabetes?
Der Wert liegt im Prädiabetes-Bereich, die Einordnung erfolgt aber nicht aus einer einzelnen Messung. Üblich ist eine Bestätigung durch Wiederholung oder ein zweites Kriterium; zusätzlich muss geklärt werden, ob Störfaktoren wie eine Anämie vorliegen. Ein bestätigter Wert von 5,8 Prozent ist ein Anlass zum Handeln, aber keine Diagnose Diabetes.
Gibt es Prädiabetes-Symptome, an denen man ihn erkennt?
In aller Regel nicht. Prädiabetes verläuft typischerweise ohne klassische Zeichen wie starken Durst oder häufiges Wasserlassen und wird fast immer über einen Laborwert entdeckt. Was auffallen kann, ist unspezifisch: Müdigkeit, Konzentrationsprobleme oder Missempfindungen an den Füßen. Aus dem Fehlen von Symptomen lässt sich kein normaler Zuckerstoffwechsel ableiten.
Kann man Prädiabetes rückgängig machen?
Eine Rückkehr in den Normalbereich ist möglich und in Studien dokumentiert. Am besten belegt ist der Weg über Gewichtsreduktion und Bewegung: Im Diabetes Prevention Program senkte ein intensives Lebensstilprogramm die Diabetes-Neuerkrankungen um 58 Prozent gegenüber Placebo. Ob der HbA1c im Einzelfall unter 5,7 Prozent fällt, lässt sich nicht versprechen — der Nutzen für Herz und Gefäße besteht aber unabhängig davon.
Reicht der HbA1c allein, oder brauche ich einen Zuckerbelastungstest?
Für ein erstes Screening ist der HbA1c praktikabel, weil er ohne Nüchternheit auskommt. Er erfasst aber nicht alle Betroffenen: Eine gestörte Glukosetoleranz zeigt sich mitunter erst im oGTT, während der Langzeitwert unauffällig bleibt. Bei deutlichen Risikofaktoren, grenzwertigen Werten oder möglichen Störfaktoren ist die ergänzende Bestimmung sinnvoll — diese Entscheidung gehört in die ärztliche Sprechstunde.
Quellen
- American Diabetes Association: Standards of Care in Diabetes — Kapitel „Diagnosis and Classification of Diabetes“ sowie „Prevention or Delay of Diabetes and Associated Comorbidities“.
- Bundesärztekammer, KBV, AWMF: Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes.
- Knowler W. C. et al. (Diabetes Prevention Program Research Group): Reduction in the incidence of type 2 diabetes with lifestyle intervention or metformin. N Engl J Med 2002;346:393–403. DOI (PMID 11832527)
- Cai X. et al.: Association between prediabetes and risk of all cause mortality and cardiovascular disease — updated meta-analysis. BMJ 2020;370:m2297. DOI (PMID 32669282)
- Azmi S. et al.: Corneal Confocal Microscopy Identifies Small-Fiber Neuropathy in Subjects With Impaired Glucose Tolerance Who Develop Type 2 Diabetes. Diabetes Care 2015;38:1502–1508. DOI (PMID 25877814)
- Smith A. G., Singleton J. R.: Impaired glucose tolerance and neuropathy. The Neurologist 2008;14:23–29. DOI (PMID 18195653)
- Recherchebasis: Artikelsuche über PubMed.



