Wer in den Nahrungsergänzungsmittel-Handel einsteigt, steht früh vor derselben Weggabelung: fertige Handelsware weiterverkaufen oder beim Lohnhersteller eine eigene Marke produzieren lassen. Googeln Sie „Lohnhersteller Nahrungsergänzungsmittel“, bekommen Sie ausschließlich Herstellerseiten — alle mit demselben Rat. Das ist kein Zufall, sondern deren Geschäftsmodell. Diese Rechnung sieht anders aus, wenn man sie ehrlich aufstellt.
Was ein Lohnhersteller macht — und was nicht
Ein Lohnhersteller — auch Lohnabfüller oder Auftragsfertiger — produziert ein Nahrungsergänzungsmittel nach Ihrer oder seiner Rezeptur und etikettiert es mit Ihrer Marke. White Label heißt: Sie übernehmen eine fertige Standardrezeptur des Herstellers. Private Label heißt in der Regel: die Rezeptur wird für Sie angepasst oder neu entwickelt.
Was der Lohnhersteller nicht übernimmt, steht selten im Angebot: Sie werden mit der Auslieferung zum Inverkehrbringer. Die Anzeige nach § 5 NemV, die Richtigkeit der Deklaration, die Health Claims auf dem Etikett, Rückruf und Haftung — das liegt bei Ihnen, nicht beim Produzenten. Genau dieser Punkt entscheidet über den Kostenvergleich auf dieser Seite.
Lohnhersteller und Handelsware im direkten Vergleich
| Kriterium | Handelsware | Eigene Marke beim Lohnhersteller |
|---|---|---|
| Kapitaleinsatz Start | niedrig, oft dreistellig | meist fünfstellig |
| Zeit bis zum ersten Verkauf | Tage bis Wochen | sechs bis zwölf Monate |
| Mindestabnahme | oft ab 50 bis 100 Packungen | häufig 1.000–5.000 Einheiten pro Charge |
| Spanne | mittel bis hoch | höher — nach Amortisation |
| Regulatorische Last | gering (Gewerbe, Registrierung) | hoch (Anzeige, Deklaration, Haftung) |
| Lagerrisiko | klein, nachbestellbar | volle Charge, Mindesthaltbarkeit läuft |
| Austauschbarkeit | hoch — andere verkaufen dasselbe | gering — die Marke gehört Ihnen |
| Verkäuflich als Unternehmen | schwer | ja, Marke ist ein Aktivposten |
Was die Lohnherstellung wirklich kostet
Die Angebote klingen zugänglich: Rezeptur, Produktion, Etikett — alles aus einer Hand, oft mit Festpreis pro Einheit. Was in der Regel nicht im Angebot steht, sind die Positionen daneben.
- ▸ Die Mindestcharge. Wer 2.000 Dosen abnehmen muss und pro Monat 80 verkauft, hat Ware für zwei Jahre im Regal — bei einer Mindesthaltbarkeit, die oft bei 24 bis 36 Monaten liegt. Das ist keine Investition, das ist gebundenes Kapital mit Verfallsdatum.
- ▸ Etikettenrecht und Grafik. Ein rechtssicheres Etikett ist kein Design-Job. Deklaration, Pflichthinweise, Schriftgrößen und Health Claims müssen zusammenpassen; die anwaltliche Prüfung kostet.
- ▸ Marke, EAN, Analytik. Markenanmeldung, GS1-Mitgliedschaft für eigene EAN-Nummern, Chargenanalytik und Stabilitätsdaten — jede Position für sich überschaubar, in Summe nicht.
- ▸ Die Haftung. Sie werden Inverkehrbringer. Rückruf, Beanstandung, Abmahnung — das landet bei Ihnen, nicht beim Lohnhersteller.
- ▸ Der Markenaufbau. Der größte Posten und der, der nie im Angebot steht. Eine unbekannte Marke im meistumkämpften Segment des Onlinehandels bekannt zu machen, kostet mehr als die Ware.
Eine eigene Marke ist keine Einstiegs-, sondern eine Skalierungsentscheidung. Sie lohnt, wenn Sie bereits wissen, dass Sie die Menge verkaufen — nicht, um es herauszufinden.
Die vernünftige Reihenfolge
Der Weg, der in der Praxis funktioniert, verläuft in drei Stufen — und die meisten Gescheiterten haben Stufe eins übersprungen.
Stufe 1 — Nachfrage beweisen. Kaufen Sie eine kleine Menge Handelsware und verkaufen Sie sie. Nicht kalkulieren, nicht planen: verkaufen. Bei einer Mindestabnahme von 100 Packungen zu 6 € netto sind das 600 € Kapitaleinsatz — gegenüber einer Eigenmarken-Charge eine Größenordnung, die man abschreiben kann, ohne dass es weh tut. Sie erfahren in wenigen Wochen, was Ihnen kein Businessplan sagt — ob Ihre Zielgruppe kauft, zu welchem Preis, über welchen Kanal, mit welchem Aufwand pro Verkauf.
Stufe 2 — den Prozess bauen. Listing, Versand, Retouren, Buchhaltung, Kundenanfragen. Dieser Apparat muss stehen, bevor Volumen dazukommt. Handelsware erlaubt es, ihn an echten Bestellungen zu erproben, ohne Kapital in Ware zu binden.
Stufe 3 — erst dann die eigene Marke. Wenn Sie belegen können, dass Sie in einem Segment reproduzierbar verkaufen, wird die Eigenmarke rational: Sie kennen die Absatzmenge, die Zielgruppe und den Kanal. Die Mindestcharge ist dann eine kalkulierte Entscheidung, kein Sprung ins Dunkle.
Wie sich die Spanne in beiden Modellen rechnet und warum der Rohertrag in Euro aussagekräftiger ist als jeder Prozentwert, steht im Beitrag zur Handelsspanne — dort finden Sie auch einen Margenrechner, mit dem Sie beide Modelle direkt gegenüberstellen können. Konkrete Einstiegskonditionen für Handelsware ab 100 Packungen sind dort offengelegt.
Fragen Sie jeden Lieferanten nach drei Dingen, bevor Sie bestellen: die Mindestbestellmenge, die Restlaufzeit der Mindesthaltbarkeit bei Lieferung und die Bestätigung der NemV-Anzeige. Wer bei der Restlaufzeit ausweicht, hat oft Ware, die er loswerden muss — und die dann in Ihrem Lager verfällt.
Die ehrliche Einordnung
Drei Punkte, die in den meisten Ratgebern zu diesem Thema fehlen — vermutlich, weil sie den Verkauf erschweren.
Der Markt ist gesättigt, nicht leer. Vitamin C und Vitamin D gehören zu den am breitesten geführten Einzelvitaminen im deutschsprachigen Raum — und sind entsprechend besetzt. Jeder Discounter, jede Drogeriekette und jeder Marktplatz führt sie. Wer hier ohne Zugang zu einer bestimmten Zielgruppe einsteigt, konkurriert direkt über den Preis, und diesen Wettbewerb gewinnen Sie nicht.
Der Kanal entscheidet mehr als das Produkt. Die Frage ist nicht „welches Supplement verkaufe ich“, sondern „zu wem habe ich Zugang, den andere nicht haben“. Eine Physiotherapiepraxis mit 400 Stammpatienten, ein Fitnessstudio, ein Ernährungsberater mit Newsletter-Verteiler — das sind Ausgangslagen, aus denen Handel funktioniert. Ein neu eröffneter Onlineshop ohne Reichweite ist keine.
Und der Punkt, den ich als Arzt hinzufügen muss: Der Vertrieb von Nahrungsergänzungsmitteln an Menschen, die sie nicht brauchen, ist ein Geschäftsmodell mit Verfallsdatum. Wer beim Verkauf ehrlich sagt, für wen ein Produkt sinnvoll ist und für wen nicht, verliert kurzfristig Umsatz und gewinnt langfristig eine Kundschaft, die wiederkommt. Wer alles allen verkauft, hat einmal Umsatz und danach Retouren.
Die genannten Größenordnungen sind Orientierungswerte aus dem Markt und keine verbindlichen Angaben — Mindestchargen und Preise unterscheiden sich je nach Hersteller und Darreichungsform erheblich. Dieser Beitrag ersetzt keine steuerliche, rechtliche oder betriebswirtschaftliche Beratung. Nahrungsergänzungsmittel sind kein Ersatz für eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung.
Häufige Fragen
Was brauche ich, um Nahrungsergänzungsmittel zu verkaufen?
Eine Gewerbeanmeldung und die Registrierung als Lebensmittelunternehmer bei der zuständigen Überwachungsbehörde. Eine Zulassung des Produkts ist nicht erforderlich; eine besondere Sachkunde ebenfalls nicht.
Lohnt sich eine eigene Supplement-Marke?
Erst ab einer belegten Absatzmenge. Bis dahin bindet die Mindestcharge Kapital in Ware mit ablaufender Haltbarkeit. Handelsware beantwortet dieselbe Frage mit einem Bruchteil des Risikos.
Wie hoch ist die Mindestbestellmenge im Großhandel?
Das variiert stark. Klassische Großhändler beginnen häufig bei Palettenmengen, kleinere Anbieter bei 50 bis 100 Packungen pro Artikel. Für einen Test sollten Sie einen Anbieter mit niedriger Mindestmenge wählen.
Kann ich Nahrungsergänzungsmittel per Dropshipping verkaufen?
Technisch ja, rechtlich anspruchsvoll: Sie bleiben für Kennzeichnung, Pflichtangaben im Shop und Rückverfolgbarkeit verantwortlich, ohne die Ware je zu sehen. Ohne verlässlichen Partner ist das riskant.
Gibt es Lohnhersteller für kleine Mengen?
Einige werben damit, und die Mindestchargen liegen dann statt bei 5.000 eher bei 500 bis 1.000 Einheiten. Der Stückpreis steigt dabei allerdings deutlich, und die Nebenkosten — Etikettenrecht, Marke, EAN, Anzeige, Analytik — fallen unverändert an. Rechnen Sie eine Kleinstcharge immer komplett durch, nicht nur den Produktionspreis.
Was kostet die Lohnherstellung von Nahrungsergänzungsmitteln?
Der reine Produktionspreis pro Einheit ist meist der kleinste Posten. Entscheidend sind Mindestcharge, Rezepturentwicklung, rechtssichere Etikettengestaltung, Markenanmeldung, GS1-Mitgliedschaft für eigene EAN-Nummern sowie Chargen- und Stabilitätsanalytik. Plus Markenaufbau — der Posten, der in keinem Angebot steht.
Wie finde ich einen seriösen Lieferanten?
Ein seriöser Anbieter liefert unaufgefordert Produktdatenblatt, vollständige Deklaration, Bestätigung der NemV-Anzeige und eine Aussage zur Restlaufzeit der Mindesthaltbarkeit. Wer bei einer dieser Fragen ausweicht, scheidet aus.
Den Markt testen, bevor Sie investieren
CitrusSonne C&D ist ab 100 Packungen erhältlich — 600 € netto statt einer fünfstelligen Eigenmarken-Investition, um herauszufinden, ob Ihre Zielgruppe kauft. Fertig deklariert, in DE und AT verkehrsfähig, mit vollständigen Artikeldaten inklusive EAN und PZN.



