PolyneuropathieLeuchtende Nervenfasern in Füßen als Symbol für die Polyneuropathie Behandlung 2026

Polyneuropathie: Behandlung 2026 – 19 Studien, die wirklich weiterhelfen

Was hilft gegen brennende Füße, schlaflose Nächte und unsicheres Gehen? Was ist Mythos? Der große Studien-Check mit Praxis-Tipps.

Kribbeln, Brennen, Taubheit, dazu das Gefühl, auf Watte zu laufen: Schätzungen zufolge ist etwa jeder zehnte Mensch im höheren Lebensalter von einer Polyneuropathie betroffen, bei Diabetes entwickelt sie im Lauf der Jahre etwa jeder zweite. Die Forschung zur Polyneuropathie-Behandlung hat sich in den letzten zwei Jahren spürbar bewegt: neue Empfehlungen für Schmerzmittel, neue Trainingsdaten gegen Stürze, klare Ergebnisse zu beliebten Nahrungsergänzungen und neue Therapien für seltene, aber behandelbare Formen. Hier sind die 19 wichtigsten Studien, verständlich erklärt und mit konkreten Tipps für den Alltag.

Merksatz

Bei der Polyneuropathie gibt es selten die eine Wunderpille. Wirksam ist die Kombination: Ursache klären, Schmerzmittel richtig dosieren und kombinieren, Gleichgewicht trainieren, Füße schützen und teure Mittel ohne Nutzen weglassen.

Polyneuropathie Behandlung: Das Wichtigste in Kürze

  • ✓Schmerzmittel neu sortiert. Die internationale Schmerzgesellschaft (NeuPSIG) hat 2025 ihre Empfehlungen erneuert: Amitriptylin, Duloxetin sowie Pregabalin/Gabapentin bleiben erste Wahl. Capsaicin- und Lidocain-Pflaster sind zweite Wahl. Opioide rutschen in die dritte Reihe, gemeinsam mit Botulinumtoxin und Magnetstimulation des Gehirns (rTMS).
  • ✓Kombinieren statt ständig wechseln. Wenn ein Mittel nur teilweise hilft, bringt die Ergänzung durch ein zweites Mittel mehr als der Wechsel (OPTION-DM).
  • ✓Neue Wirkstoffklasse in Sicht, aber noch nicht da. Suzetrigin blockiert gezielt einen Natriumkanal (Nav1.8) in den Schmerzfasern und ist in den USA seit Januar 2025 für akute Schmerzen zugelassen. Für die schmerzhafte diabetische PNP laufen zwei Phase-3-Studien, die Rekrutierung soll Ende 2026 abgeschlossen sein. In Europa ist es für PNP derzeit keine Option.
  • ✓Rückenmarkstimulation mit 10 kHz. Für schwere, therapieresistente diabetische Nervenschmerzen gibt es inzwischen mehrere randomisierte Studien. Die neueste (2026) zeigt erstmals auch eine messbare Verbesserung von Gefühl und Nervenfaserdichte.
  • ✓Bewegung ist Therapie. Gleichgewichts- und Kombinationstraining senkt das Sturzrisiko. Bei Chemotherapie kann sensomotorisches Training sowie Kühlen oder Komprimieren der Hände die Nervenschädigung teilweise verhindern.
  • ✓Mythen im Faktencheck. Benfotiamin wirkte in einer sauberen deutschen Studie über 12 Monate nicht. Cannabis hilft kaum. Vitamin-B-Kombinationen lindern Schmerzen schlechter als Gabapentin. Zu viel Vitamin B6 kann selbst eine PNP auslösen; Australien schränkt hochdosierte B6-Präparate deshalb ab 2027 ein.
  • ✓Ursachensuche wird genauer. Die Hautbiopsie ist der am besten belegte Test für die Small-Fiber-Neuropathie. Hinter einer „idiopathischen“ PNP steckt häufiger als gedacht eine erbliche Ursache (RFC1-Gen), besonders bei chronischem Husten und Gangunsicherheit.
  • ✓Neue Risiken durch Abnehmspritzen. Sehr schneller Gewichtsverlust oder ein sehr rascher Abfall des HbA1c unter Semaglutid/Tirzepatid kann Nervenschäden auslösen. Die Empfehlung lautet: langsam und gut ernährt abnehmen.
  • ✓Seltene Formen gezielt behandelbar. Für die entzündliche CIDP (Efgartigimod, EU-Zulassung 2025) und die erbliche Amyloid-PNP (Eplontersen, EU-Zulassung 2025) gibt es neue Therapien. Sie müssen aber erst erkannt werden.

Alle 19 Studien auf einen Blick

Nr. Thema Evidenz
1 Welches Schmerzmittel hilft wirklich? Die neue Rangliste Hoch
2 Wenn ein Mittel nur halb hilft: kombinieren statt wechseln Hoch
3 Schmerz raubt den Schlaf, und schlechter Schlaf verstärkt den Schmerz Mittel
4 Cannabis und CBD bei Nervenschmerzen: viel Hoffnung, wenig Wirkung Hoch
5 Rückenmarkstimulation: weniger Schmerz, vielleicht sogar mehr Gefühl Mittel
6 Welches Training schützt wirklich vor Stürzen? Mittel
7 Wer sich kräftig bewegt, hat seltener eine Polyneuropathie Niedrig
8 Füße schützen: Was die internationale Fuß-Leitlinie empfiehlt Hoch
9 Chemotherapie: Kühlen oder Komprimieren der Hände schützt die Nerven Mittel
10 Gleichgewichtstraining während der Chemo beugt Nervenschäden vor Mittel
11 Benfotiamin: in einer sauberen Studie ohne Wirkung Mittel
12 Alpha-Liponsäure: etwas weniger Kribbeln, aber keine Nervenheilung Niedrig
13 B-Vitamine gegen Nervenschmerzen? Gabapentin wirkt deutlich besser Mittel
14 Vorsicht Vitamin B6: Zu viel kann selbst Nerven schädigen Niedrig
15 Brennende Füße, aber unauffällige Nervenmessung? Die Hautbiopsie hilft Mittel
16 Chronischer Husten und Gangunsicherheit: an das RFC1-Gen denken Niedrig
17 Abnehmspritzen: Zu schnell abnehmen kann Nerven schädigen Niedrig
18 CIDP: eine neue Spritze gegen die entzündliche Polyneuropathie Hoch
19 Erbliche Amyloid-Polyneuropathie: Das Fortschreiten lässt sich stoppen Mittel

A. Schmerzen und Schlaf: Was wirklich hilft

1Welches Schmerzmittel hilft wirklich? Die neue Rangliste

Evidenz: Hoch · Meta-Analyse, Grundlage internationaler Empfehlungen

Das Problem: Brennende Füße, Stromschläge in den Zehen, nachts keine Ruhe: Wer an Nervenschmerzen leidet, hat oft schon mehrere Tabletten ausprobiert und ist frustriert. Häufig liegt das nicht am falschen Medikament, sondern an falschen Erwartungen oder einer zu kurzen Testphase.

Was die Studie zeigt: Ein internationales Expertenteam der NeuPSIG (Neuropathic Pain Special Interest Group) hat 313 Studien mit fast 49.000 Teilnehmenden ausgewertet. Erste Wahl bleiben drei Gruppen: Amitriptylin (ein altes Antidepressivum in niedriger Dosis), Duloxetin und Pregabalin/Gabapentin. Amitriptylin schnitt am besten ab: Etwa jeder 4. bis 5. Behandelte erreicht eine deutliche Linderung (NNT 4,6, also die Zahl der Behandelten, damit eine Person profitiert). Bei Duloxetin ist es etwa jeder 7., bei Pregabalin/Gabapentin etwa jeder 9. Capsaicin-8%-Pflaster und Lidocain-Pflaster sind zweite Wahl: schwächer, aber kaum Nebenwirkungen. Opioide sind nur noch dritte Wahl.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Erwarten Sie eine Linderung um 30–50 %, keine völlige Schmerzfreiheit. Das ist bereits ein Erfolg.
  • ✓Ein Mittel erst nach 4–6 Wochen in ausreichender Dosis als „wirkungslos“ abhaken.
  • ✓Bei Nebenwirkungen nach dem Capsaicin-Pflaster fragen: eine Anwendung in der Praxis, Wirkung oft für Wochen.
  • ✓Opioide nicht als Dauerlösung: Abhängigkeit, Sturzgefahr und Verstopfung überwiegen oft den Nutzen.

Quelle: Soliman N, Moisset X, Ferraro MC, et al. Pharmacotherapy and non-invasive neuromodulation for neuropathic pain: a systematic review and meta-analysis. Lancet Neurol. 2025;24:413-428. DOI: 10.1016/S1474-4422(25)00068-7

2Wenn ein Mittel nur halb hilft: kombinieren statt wechseln

Evidenz: Hoch · große doppelblinde Crossover-Studie

Das Problem: „Die Tablette hilft ein bisschen, aber nicht genug.“ Viele wechseln dann das Präparat und fangen wieder bei null an. Eine große britische Studie zeigt, dass es einen besseren Weg gibt.

Was die Studie zeigt: In der OPTION-DM-Studie durchliefen 130 Menschen mit diabetischen Nervenschmerzen nacheinander drei Behandlungswege mit Amitriptylin, Duloxetin und Pregabalin. Half ein Mittel nach 6 Wochen nicht ausreichend, kam ein zweites dazu. Ergebnis: Alle drei Mittel wirkten im Mittel gleich gut, die Schmerzen sanken von 6,6 auf 3,3 Punkte (Skala 0–10). Wer mit einem Mittel allein nicht zufrieden war, profitierte von der Kombination deutlich stärker als von der Weiterführung ohne Zusatz. Die Nebenwirkungen waren vorhersehbar: Schwindel unter Pregabalin, Übelkeit unter Duloxetin, Mundtrockenheit unter Amitriptylin.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Wählen Sie das erste Mittel passend zu Ihrer Situation: bei Schlafstörungen eher Amitriptylin oder Pregabalin, bei gedrückter Stimmung eher Duloxetin.
  • ✓Bei Teilwirkung nach 6 Wochen gezielt nach einer Kombination fragen.
  • ✓Nebenwirkungen notieren: Das hilft, das passende Mittel zu finden.

Quelle: Tesfaye S, Sloan G, Petrie J, et al. Comparison of amitriptyline supplemented with pregabalin, pregabalin supplemented with amitriptyline, and duloxetine supplemented with pregabalin for the treatment of diabetic peripheral neuropathic pain (OPTION-DM). Lancet. 2022;400:680-690. DOI: 10.1016/S0140-6736(22)01472-6

3Schmerz raubt den Schlaf, und schlechter Schlaf verstärkt den Schmerz

Evidenz: Mittel · Übersichtsarbeit mit kleiner Meta-Analyse

Das Problem: Tagsüber abgelenkt, nachts brennen die Füße umso stärker: Schlafstörungen gehören zu den quälendsten Folgen der Polyneuropathie. Sie werden in der Sprechstunde aber oft gar nicht angesprochen.

Was die Studie zeigt: Ein dänisches Team hat 32 Studien zu Schlaf und diabetischer Neuropathie ausgewertet. Schlafstörungen sind bei Polyneuropathie deutlich häufiger, vor allem wenn die Nerven schmerzen. Sind auch die autonomen Nerven betroffen (die unbewusst Herz, Verdauung und Blutdruck steuern), ist eine Schlafapnoe (nächtliche Atemaussetzer) häufig. Es gibt Hinweise, dass schlechter Schlaf umgekehrt das Risiko für Nervenschäden erhöht, ein Teufelskreis. In einer kleinen Auswertung dreier Studien verbesserten Pregabalin und Gabapentin die schmerzbedingte Schlafstörung messbar.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Schlafprobleme aktiv beim Arzt ansprechen, sie sind Teil der Behandlung.
  • ✓Bei Schnarchen, Atemaussetzern oder starker Tagesmüdigkeit eine Schlafapnoe abklären lassen.
  • ✓Fragen Sie, ob das Schmerzmittel abends eingenommen werden kann.
  • ✓Kühle Füße, leichte Bettdecke oder ein Bettbogen lindern Berührungsschmerz in der Nacht.

Quelle: Alsatam Alraoui O, Borbjerg MK, Klonoff DC, et al. Sleep quality and diabetic neuropathy: A review and exploratory meta-analysis. J Diabetes Complications. 2026;40:109311. DOI: 10.1016/j.jdiacomp.2026.109311

4Cannabis und CBD bei Nervenschmerzen: viel Hoffnung, wenig Wirkung

Evidenz: Hoch für „kaum Nutzen“ · Cochrane-Review

Das Problem: CBD-Öl aus der Drogerie, Cannabisblüten auf Rezept: Kaum ein Mittel wird so stark beworben. Was sagt die beste verfügbare Evidenz?

Was die Studie zeigt: Die unabhängige Cochrane-Collaboration hat 2026 alle hochwertigen Studien neu bewertet: 21 Studien mit 2.187 Patientinnen und Patienten. Weder THC-betonte noch ausgewogene THC/CBD-Präparate noch CBD-dominante Produkte führten verlässlich zu einer Halbierung der Schmerzen. THC-betonte Präparate verursachten dafür häufiger Schwindel, Müdigkeit und Benommenheit. Reine CBD-Produkte zeigten keinen messbaren Nutzen.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Cannabis ist kein Ersatz für die erprobten Nervenschmerzmittel.
  • ✓Das Geld für frei verkäufliche CBD-Öle ist nach heutigem Wissen schlecht investiert.
  • ✓Wenn alles andere versagt hat, kann ein ärztlich begleiteter, zeitlich begrenzter Versuch vertretbar sein. Vorsicht wegen Sturzgefahr.

Quelle: Ateş G, Welsch P, Klose P, et al. Cannabis-based medicines for chronic neuropathic pain in adults. Cochrane Database Syst Rev. 2026;1:CD012182. DOI: 10.1002/14651858.CD012182.pub3

B. Wenn Tabletten nicht reichen

5Rückenmarkstimulation: weniger Schmerz, vielleicht sogar mehr Gefühl

Evidenz: Mittel · randomisiert, nicht verblindet, Hersteller beteiligt

Das Problem: Manche Menschen haben trotz mehrerer Medikamente weiter starke Schmerzen. Für sie gibt es eine technische Option: einen kleinen Stimulator am Rückenmark, der die Schmerzsignale dämpft.

Was die Studie zeigt: In der PDN-Sensory-Studie (2026) erhielten 91 Menschen mit schwerer schmerzhafter diabetischer Polyneuropathie entweder die übliche Behandlung oder zusätzlich einen Rückenmarkstimulator mit 10 kHz. Diese hohe Frequenz spürt man nicht als Kribbeln. 27 von 34 Stimulierten erreichten mindestens 50 % Schmerzlinderung, in der Vergleichsgruppe waren es 2 von 50. Überraschend: Das Gefühl in den Füßen besserte sich bei 55 % gegenüber 25 %, und in Hautproben nahm die Dichte der kleinen Nervenfasern leicht zu. Auch Schlaf und Lebensqualität verbesserten sich. Die frühere SENZA-PDN-Studie zeigte, dass die Wirkung über 2 bis 4 Jahre anhält.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Eine Option, wenn mindestens zwei Schmerzmittel nicht ausreichend geholfen haben.
  • ✓Vor der Implantation gibt es immer eine Testphase mit einem vorübergehenden Stimulator.
  • ✓Nach spezialisierten Schmerzzentren fragen. Wichtig zu wissen: Die Studie wurde vom Hersteller mitfinanziert, ob sich Nerven dauerhaft erholen, ist noch offen.

Quelle: Hurley RW, Siraj ES, Sills S, et al. Evaluating Improvement in Pain and Sensory Function When Using High-Frequency (10-kHz) Spinal Cord Stimulation in Individuals With Painful Diabetic Neuropathy (PDN-Sensory): A Multicenter Randomized Controlled Trial. Diabetes Care. 2026 (online 09/2026). DOI: 10.2337/dc26-0758

C. Bewegung, Gleichgewicht, Stürze und Füße

6Welches Training schützt wirklich vor Stürzen?

Evidenz: Mittel · Meta-Analyse vieler kleiner Studien

Das Problem: Wer die Füße nicht mehr richtig spürt, geht unsicher, besonders im Dunkeln und auf unebenem Boden. Stürze sind eine der gefährlichsten Folgen der Polyneuropathie. Doch Gleichgewicht lässt sich trainieren.

Was die Studie zeigt: Eine Auswertung von 21 Studien mit älteren Menschen mit diabetischer Polyneuropathie verglich fünf Trainingsformen. Am besten wirkten Gleichgewichtstraining und Kombinationstraining aus Gleichgewicht, Kraft und Ausdauer: Die Teilnehmenden standen schneller auf und gingen los, gingen zügiger und konnten länger auf einem Bein stehen. Krafttraining allein half ebenfalls. Vibrationsplatten verbesserten nur das ruhige Stehen, reine Fußgymnastik brachte kaum etwas.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓2–3 × pro Woche etwa 30 Minuten Gleichgewicht plus Kraft.
  • ✓Einfache Übungen für zuhause: Einbeinstand an der Küchenarbeitsplatte, Gehen auf einer Linie (Ferse vor Zehen), 10 × vom Stuhl aufstehen ohne Hände.
  • ✓Physiotherapie, Rehasport oder Gleichgewichtskurse sind verordnungsfähig.
  • ✓Nachtlicht im Flur, Stolperfallen und lose Teppiche entfernen.

Quelle: Wang D, Pang X, Shen P, Mao D, Song Q. Effectiveness of various exercise types in reducing fall risk among older adults with diabetic peripheral neuropathy: A systematic review and meta-analysis. J Exerc Sci Fit. 2025;23:157-166. DOI: 10.1016/j.jesf.2025.03.005

7Wer sich kräftig bewegt, hat seltener eine Polyneuropathie

Evidenz: Niedrig bis mittel · Querschnittsstudie mit objektiver Messung

Das Problem: Bewegung ist für Menschen mit Diabetes ohnehin wichtig. Doch schützt sie auch die Nerven? Eine Studie mit objektiv gemessener Bewegung liefert Hinweise.

Was die Studie zeigt: 2.878 Menschen mit Diabetes trugen einen Bewegungssensor am Handgelenk. Die Forschenden verglichen, wie viel und wie intensiv sich die Teilnehmenden bewegten und ob eine Polyneuropathie vorlag. Schon mehr mäßige Bewegung ging mit einem etwas geringeren Risiko einher. Bei intensiver Bewegung war die Chance auf eine Polyneuropathie um 60 % niedriger. Bei Frauen war zudem eine schmerzhafte Polyneuropathie seltener.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Jede Minute zählt, intensiver ist besser: zügiges Gehen, Radfahren (auch Heimtrainer), Schwimmen, Nordic Walking.
  • ✓Mit ausgeprägtem Taubheitsgefühl eher gelenk- und fußschonende Sportarten wählen und die Füße nach dem Training kontrollieren.
  • ✓Einordnung: Die Studie zeigt einen Zusammenhang, keinen Beweis. Wer schon eine Polyneuropathie hat, bewegt sich vielleicht weniger.

Quelle: Reynolds EL, Russman D, Baskozos G, et al. Physical activity decreases the likelihood of peripheral neuropathy in persons with diabetes. J Neurol Neurosurg Psychiatry. 2026;97:464-468. DOI: 10.1136/jnnp-2025-337592

8Füße schützen: Was die internationale Fuß-Leitlinie empfiehlt

Evidenz: Hoch · internationale GRADE-Leitlinie

Das Problem: Das Tückische an der Polyneuropathie: Eine Blase, ein Steinchen im Schuh oder eine Verbrennung werden nicht bemerkt. Daraus kann ein Geschwür werden, im schlimmsten Fall droht eine Amputation.

Was die Studie zeigt: Die Internationale Arbeitsgruppe Diabetischer Fuß (IWGDF) hat ihre Leitlinie zur Vorbeugung von Fußgeschwüren aktualisiert. Empfohlen werden eine jährliche Untersuchung des Schutzgefühls und der Durchblutung, eine Schulung zur täglichen Selbstkontrolle, kein Barfußgehen, passendes Schuhwerk, bei erhöhtem Risiko Diabetes-Schutzschuhe, regelmäßige podologische Fußpflege sowie Fuß- und Sprunggelenkstraining. Etwa 1.000 Schritte mehr pro Tag gelten als sicher. Operationen zur Nervenentlastung werden nicht empfohlen.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Mit den Augen fühlen: Füße täglich ansehen, auch die Sohlen (mit Spiegel oder Handy-Kamera).
  • ✓Schuhe vor dem Anziehen mit der Hand austasten.
  • ✓Badewasser mit dem Thermometer prüfen (max. 37 °C), keine Wärmflasche oder Heizdecke an die Füße.
  • ✓Nach podologischer Behandlung fragen: Bei Diabetes übernimmt die Krankenkasse sie unter bestimmten Voraussetzungen.

Quelle: Bus SA, et al. Guidelines on the prevention of foot ulcers in persons with diabetes (IWGDF 2023 update). Diabetes Metab Res Rev. 2024;40:e3651. DOI: 10.1002/dmrr.3651

D. Polyneuropathie durch Chemotherapie

9Chemotherapie: Kühlen oder Komprimieren der Hände schützt die Nerven

Evidenz: Mittel bis hoch · randomisiert, Vergleich innerhalb derselben Person

Das Problem: Taxane gehören zu den wichtigsten Chemotherapien bei Brustkrebs, doch sie schädigen häufig die Nerven. Manchmal muss die Therapie deshalb reduziert oder abgebrochen werden. Eine einfache Maßnahme kann vorbeugen.

Was die Studie zeigt: In der POLAR-Studie aus Heidelberg wurde bei 122 Frauen während der Infusion eine Hand gekühlt (gefrorener Handschuh) oder komprimiert (zwei OP-Handschuhe eine Nummer zu klein). Die andere Hand blieb unbehandelt und diente als Vergleich. Eine mittelschwere bis schwere Polyneuropathie trat an der gekühlten Hand bei 29 % statt 50 % auf, an der komprimierten Hand bei 24 % statt 38 %. Nervenschäden waren der häufigste Grund für Therapieabbrüche.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Vor Beginn einer Taxan-Chemotherapie das Behandlungsteam nach Kühlung oder Kompression fragen.
  • ✓Kompression ist günstig und wird oft besser vertragen als Kälte.
  • ✓Neue Taubheit oder Kribbeln sofort melden, damit die Therapie rechtzeitig angepasst werden kann.

Quelle: Michel LL, et al. Efficacy of Hand Cooling and Compression in Preventing Taxane-Induced Neuropathy: The POLAR Randomized Clinical Trial. JAMA Oncol. 2025;11:408-415. DOI: 10.1001/jamaoncol.2025.0001

10Gleichgewichtstraining während der Chemo beugt Nervenschäden vor

Evidenz: Mittel · randomisierte Studie, mittelgroß

Das Problem: Während einer Chemotherapie fühlen sich viele zu erschöpft für Sport. Doch schon kurze, gezielte Übungen können die Nerven schützen.

Was die Studie zeigt: In der Kölner STOP-Studie trainierten 158 Krebspatientinnen und -patienten unter Oxaliplatin oder Vinca-Alkaloiden zweimal pro Woche 15–30 Minuten: entweder sensomotorisch (Balanceübungen auf wackeligen Unterlagen), auf einer Vibrationsplatte oder gar nicht. Eine Polyneuropathie entwickelten 30 % der sensomotorisch Trainierenden und 41 % der Vibrationsgruppe, aber 71 % ohne Training. Die Trainierenden hatten auch weniger Brennen und Schmerzen und mussten seltener die Chemotherapie-Dosis reduzieren.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Schon ab Beginn der Chemotherapie mit Gleichgewichtstraining starten.
  • ✓Am besten angeleitet: onkologische Trainingstherapie, Physiotherapie oder Rehasport-Gruppen.
  • ✓Zuhause: Einbeinstand, Stehen auf einem gefalteten Handtuch oder Kissen, jeweils mit Festhaltemöglichkeit.

Quelle: Streckmann F, Elter T, Lehmann HC, et al. Preventive Effect of Neuromuscular Training on Chemotherapy-Induced Neuropathy: A Randomized Clinical Trial. JAMA Intern Med. 2024;184:1046-1053. DOI: 10.1001/jamainternmed.2024.2354

E. Nahrungsergänzung: Hoffnung und Mythen

11Benfotiamin: in einer sauberen Studie ohne Wirkung

Evidenz: Mittel · randomisiert, doppelblind, klein

Das Problem: Benfotiamin, eine gut aufnehmbare Vorstufe von Vitamin B1, wird seit Jahren als „Nervenvitamin“ beworben. Eine sorgfältige deutsche Studie hat es nun genau geprüft.

Was die Studie zeigt: Am Deutschen Diabetes-Zentrum in Düsseldorf erhielten 57 Menschen mit Typ-2-Diabetes und Polyneuropathie 12 Monate lang zweimal täglich 300 mg Benfotiamin oder ein Scheinmedikament (Placebo). Gemessen wurde mit sehr empfindlichen Methoden: Mikroskopie der Hornhautnerven, Hautbiopsie, Nervenleitmessung, Fragebögen. Das Ergebnis war eindeutig: kein Unterschied zu Placebo, weder bei den Nervenfasern noch bei Beschwerden oder Lebensqualität. Der Vitamin-B1-Spiegel im Blut stieg deutlich, die Nerven profitierten davon nicht. Die Studie wurde vom Hersteller mitfinanziert und trotzdem negativ veröffentlicht.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Benfotiamin ist sinnvoll bei nachgewiesenem Vitamin-B1-Mangel, etwa bei Alkoholkonsum, Mangelernährung oder nach Magen-OP.
  • ✓Als allgemeiner „Nervenschutz“ bei Diabetes ist es nicht belegt.
  • ✓Das Geld ist in Bewegung, gute Blutzuckereinstellung und Fußpflege besser investiert.

Quelle: Ziegler D, Sipola G, Strom A, et al. Effects of benfotiamine treatment over 12 months on morphometric, neurophysiological and clinical measures in type 2 diabetes patients with symptomatic polyneuropathy: a randomized, placebo-controlled, double-blind clinical trial (BOND study). BMJ Open Diabetes Res Care. 2026;14:e005773. DOI: 10.1136/bmjdrc-2025-005773

12Alpha-Liponsäure: etwas weniger Kribbeln, aber keine Nervenheilung

Evidenz: Niedrig bis mittel · Meta-Analyse kleiner Studien

Das Problem: Alpha-Liponsäure ist im deutschsprachigen Raum eines der am häufigsten eingesetzten Mittel bei diabetischer Polyneuropathie, als Tablette oder Infusion. Hilft sie wirklich?

Was die Studie zeigt: Eine Meta-Analyse von 15 Studien kommt zu einem gemischten Ergebnis. Missempfindungen wie Kribbeln, Brennen und Taubheit besserten sich, am deutlichsten bei 600 mg pro Tag. Die Nervenleitgeschwindigkeit und die Blutzuckerwerte veränderten sich dagegen nicht, die Nerven wurden also nicht „repariert“. Viele der Einzelstudien sind klein und methodisch schwach.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Ein Versuch mit 600 mg täglich über etwa 3 Monate ist vertretbar, wenn Kribbeln und Brennen im Vordergrund stehen.
  • ✓Tritt keine spürbare Besserung ein: wieder absetzen.
  • ✓Alpha-Liponsäure kann den Blutzucker leicht senken, bei Insulin oder Sulfonylharnstoffen auf Unterzuckerungen achten.
  • ✓Kein Ersatz für Schmerzmittel und gute Blutzuckereinstellung.

Quelle: Salinas AV, Caroca TM, Santibáñez FP, et al. Effectiveness of alpha lipoic acid supplementation on biochemical, clinical, and inflammatory parameters in patients with diabetic polyneuropathy: A systematic review and meta-analysis. Diabetes Metab Syndr. 2026;20:103374. DOI: 10.1016/j.dsx.2026.103374

13B-Vitamine gegen Nervenschmerzen? Gabapentin wirkt deutlich besser

Evidenz: Mittel · randomisiert, eine Klinik

Das Problem: Vitamin-B-Komplexe gelten als harmlose „Nervennahrung“ und werden oft statt echter Schmerzmittel genommen. Ein direkter Vergleich zeigt die Grenzen.

Was die Studie zeigt: 237 Menschen mit diabetischer Polyneuropathie erhielten 12 Wochen lang entweder einen Vitamin-B1-B6-B12-Komplex, nur Vitamin B12 oder das Nervenschmerzmittel Gabapentin. Gabapentin linderte die Schmerzen in allen Messungen deutlich besser als beide Vitamin-Varianten. Die Vitamine hatten dafür weniger Nebenwirkungen.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓B-Vitamine sind kein Schmerzmittel.
  • ✓Wichtig bleibt, einen echten Vitamin-B12-Mangel zu erkennen und zu behandeln.
  • ✓Erhöhtes B12-Mangel-Risiko: langjährige Metformin-Einnahme, vegane Ernährung, Magensäureblocker, Alkohol, höheres Alter. Hier den B12-Spiegel (ggf. Holo-Transcobalamin) bestimmen lassen.

Quelle: Poolsawatkitikool N. Effectiveness of Vitamin B1-6-12 Supplementation Compared With Vitamin B12 and Gabapentin in Patients With Diabetic Peripheral Neuropathy. Clin Diabetes. 2025;43:794-804. DOI: 10.2337/cd25-0039

14Vorsicht Vitamin B6: Zu viel kann selbst Nerven schädigen

Evidenz: Behördliche Bewertung · Fallmeldungen, keine Studie

Das Problem: Was viele nicht wissen: Ausgerechnet ein „Nervenvitamin“ kann in zu hoher Dosis eine Polyneuropathie auslösen. Die Symptome gleichen denen einer diabetischen Neuropathie: Kribbeln, Taubheit, Brennen.

Was die Studie zeigt: Die australische Arzneimittelbehörde TGA hat nach Hunderten von Meldungen über Nervenschäden durch B6-haltige Präparate reagiert. Ab dem 1. Juni 2027 sind Produkte mit mehr als 50 mg Vitamin B6 pro Tag dort nur noch nach Apothekerberatung erhältlich, mit mehr als 200 mg nur auf Rezept. Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) hat die sichere Tageshöchstmenge bereits 2023 auf 12 mg gesenkt. Oft summiert sich B6 unbemerkt aus mehreren Produkten: Multivitamin, Magnesium-Präparat, B-Komplex, Energydrinks.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Alle Nahrungsergänzungen auf „Vitamin B6“ oder „Pyridoxin“ prüfen und die Tagesmengen zusammenzählen.
  • ✓Bei unklarer Polyneuropathie den Vitamin-B6-Spiegel im Blut bestimmen lassen.
  • ✓Nach dem Absetzen bessern sich die Beschwerden oft, allerdings über Monate.

Quelle: Therapeutic Goods Administration (TGA). Notice of final decision to amend the current Poisons Standard – pyridoxine, pyridoxal, pyridoxamine (vitamin B6). Canberra: Australian Government; November 2025. TGA (PDF)

F. Diagnose: Wenn die Ursache „unklar“ ist

15Brennende Füße, aber unauffällige Nervenmessung? Die Hautbiopsie hilft

Evidenz: Mittel · Bewertung einer Fachgesellschaft

Das Problem: „Ihre Nerven sind in Ordnung“, obwohl die Füße brennen: Das erleben viele Menschen mit einer Small-Fiber-Neuropathie. Dabei sind nur die dünnen Schmerz- und Temperaturfasern geschädigt, und die sieht die übliche Nervenleitmessung nicht.

Was die Studie zeigt: Die US-Fachgesellschaft für Neuromuskuläre Medizin (AANEM) hat alle Tests zur Diagnose bewertet. Am besten belegt ist die Hautbiopsie: Eine 3-mm-Hautprobe vom Unterschenkel, in der die Nervenfasern gezählt werden. Sie erkennt etwa drei von vier Betroffenen. Die Mikroskopie der Hornhautnerven am Auge ist vielversprechend, aber noch nicht ausreichend geprüft. Eine gezielte Laborsuche fand in bis zu 64 % eine Ursache, etwa einen gestörten Zuckerstoffwechsel oder eine Autoimmunerkrankung.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Eine normale Nervenleitmessung schließt eine Polyneuropathie nicht aus.
  • ✓Bei typischen Beschwerden nach einer Hautbiopsie in einer neurologischen Spezialambulanz fragen.
  • ✓Sinnvolle Laborwerte: Zuckerbelastungstest (oGTT), HbA1c, Vitamin B12, Schilddrüse, Immunelektrophorese, Autoimmunwerte.

Quelle: Katzberg HD, So Y, Brannagan T, et al. Diagnostic and Screening Laboratory Tests in the Assessment of Patients With Small Fiber Neuropathy: An Evidence-Based Review – Report of the AANEM Small Fiber Neuropathy Task Force. Muscle Nerve. 2026;73:952-960. DOI: 10.1002/mus.70119

16Chronischer Husten und Gangunsicherheit: an das RFC1-Gen denken

Evidenz: Niedrig bis mittel · Beobachtungsstudie, ein Zentrum

Das Problem: „Idiopathisch“, also ohne erkennbare Ursache: Diese Diagnose frustriert viele Betroffene. Bei manchen steckt eine erbliche Veränderung dahinter, die sich an einem überraschenden Symptom verrät: jahrelangem trockenen Reizhusten.

Was die Studie zeigt: In Madrid wurden 90 Menschen mit „idiopathischer“ Polyneuropathie auf eine Veränderung im RFC1-Gen getestet, die Ursache der CANVAS-Erkrankung. 27 % trugen die krankhafte Genveränderung. Bei einem Viertel davon hatte eine zusätzliche Diagnose wie Diabetes oder MGUS (eine meist harmlose Eiweißveränderung im Blut) die eigentliche Ursache verschleiert. Typische Hinweise: chronischer Husten, Gangunsicherheit und Stürze, Gefühlsstörungen auch an den Armen, gestörte Gleichgewichtsreflexe. In einer großen nordamerikanischen Gruppe lag der Anteil nur bei 2 %. Wie häufig RFC1 ist, hängt also stark davon ab, wer getestet wird.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Unklare Polyneuropathie plus chronischer Husten oder deutliche Gangunsicherheit: nach einem RFC1-Gentest fragen.
  • ✓Eine klare Diagnose beendet die oft jahrelange Ursachensuche.
  • ✓Gleichgewichtstraining und Sturzprävention sind hier besonders wichtig.

Quelle: Gajate-García V, Fenollar-Cortés M, Galán L, et al. RFC1 Repeat Expansions in Chronic Idiopathic Axonal Polyneuropathy: Prevalence, Phenotype, and Diagnostic Implications. J Peripher Nerv Syst. 2026;31:e70155. DOI: 10.1111/jns.70155

G. Neue Risiken und gezielt behandelbare Sonderformen

17Abnehmspritzen: Zu schnell abnehmen kann Nerven schädigen

Evidenz: Niedrig · Fallberichte, aber wichtiges Warnsignal

Das Problem: Semaglutid und Tirzepatid haben die Behandlung von Übergewicht und Diabetes verändert. Mit ihrer Verbreitung tauchen aber auch Berichte über Nervenschäden auf, meist bei sehr schnellem Gewichtsverlust.

Was die Studie zeigt: Eine systematische Übersicht sammelte alle bis Juni 2026 berichteten Fälle: 31 Einzelfälle und eine Beobachtungsgruppe, fast alle seit 2024, zu 83 % unter Semaglutid oder Tirzepatid. Im Mittel hatten die Betroffenen 20 kg bzw. 22 % ihres Körpergewichts verloren, etwa 3,7 kg pro Monat. Die Beschwerden begannen nach etwa 5 Monaten: Fußheberschwäche durch Schädigung des Wadenbeinnervs, schmerzhafte Schädigung der Nervenwurzeln und -geflechte im Lendenbereich und Polyneuropathie. Zwei Drittel hatten Diabetes oder Vorstufen.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Die Spritzen sind für viele sinnvoll, Nervenkomplikationen sind selten.
  • ✓Nicht zu schnell abnehmen und das HbA1c nicht abrupt senken.
  • ✓Auf ausreichend Eiweiß, Vitamin B12, B1 und Folsäure achten.
  • ✓Neue Schmerzen, Taubheit oder ein „hängender Fuß“: rasch neurologisch abklären lassen.

Quelle: O’Gorman C, O’Gorman M, Warren N. Peripheral nerve complications from medications utilised for weight loss: a systematic review. J Neurol. 2026;273(8). DOI: 10.1007/s00415-026-14048-w

18CIDP: eine neue Spritze gegen die entzündliche Polyneuropathie

Evidenz: Hoch · randomisiert, doppelblind

Das Problem: Nicht jede Polyneuropathie ist unaufhaltsam. Bei der CIDP (chronische inflammatorische demyelinisierende Polyneuropathie) greift das Immunsystem die Nervenhüllen an. Sie ist gut behandelbar, muss aber erkannt werden.

Was die Studie zeigt: In der ADHERE-Studie erhielten 322 Menschen mit CIDP den Antikörper Efgartigimod als Spritze unter die Haut. 66 % sprachen an. Die Ansprechenden wurden dann zufällig auf Weiterbehandlung oder Placebo verteilt: Unter Efgartigimod erlitten 28 % einen Rückfall, unter Placebo 54 %. Das Rückfallrisiko sank damit um 61 %. Nebenwirkungen traten ähnlich häufig auf wie unter Placebo. Seit 2025 ist Efgartigimod in der EU für CIDP zugelassen.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Warnzeichen für CIDP: Zunahme über Wochen bis Monate, Kraftverlust (nicht nur Gefühlsstörung), Beteiligung von Armen und Beinen, fehlende Reflexe.
  • ✓Dann gezielt nach CIDP fragen: Nervenleitmessung, Nervenwasser, Nerven-Ultraschall.
  • ✓Behandlungsoptionen: Immunglobuline, Kortison und neu Efgartigimod.

Quelle: Allen JA, et al. Safety, tolerability, and efficacy of subcutaneous efgartigimod in patients with chronic inflammatory demyelinating polyradiculoneuropathy (ADHERE): a multicentre, randomised-withdrawal, double-blind, placebo-controlled, phase 2 trial. Lancet Neurol. 2024;23:1013-1024. DOI: 10.1016/S1474-4422(24)00309-0

19Erbliche Amyloid-Polyneuropathie: Das Fortschreiten lässt sich stoppen

Evidenz: Mittel bis hoch · Phase 3, Vergleich mit früherer Placebogruppe

Das Problem: Bei der hereditären Transthyretin-Amyloidose (hATTR) lagert sich ein fehlgefaltetes Eiweiß in Nerven und Herz ab. Früher war die Erkrankung kaum aufzuhalten. Heute gibt es wirksame Therapien, wenn sie früh erkannt wird.

Was die Studie zeigt: In der NEURO-TTRansform-Studie erhielten 144 Betroffene einmal im Monat Eplontersen, eine Spritze, die die Bildung des krankhaften Eiweißes in der Leber abschaltet. Das Eiweiß im Blut sank um 82 %. Die Nervenschädigung blieb über 66 Wochen praktisch stabil (Anstieg um 0,3 Punkte), während sie in einer früheren Placebogruppe um 25 Punkte zunahm. Die Lebensqualität verbesserte sich. Seit 2025 ist Eplontersen in der EU zugelassen.

✓ Praxis-Tipp

  • ✓Warnzeichen: rasch fortschreitende Polyneuropathie mit Durchfall, Kreislaufproblemen oder Potenzstörungen.
  • ✓Weitere Hinweise: beidseitiges Karpaltunnelsyndrom, Herzschwäche mit verdickter Herzwand, Verwandte mit ähnlichen Beschwerden.
  • ✓Dann nach einem TTR-Gentest fragen: Früh erkannt ist die Erkrankung gut behandelbar.

Quelle: Coelho T, et al. Eplontersen for Hereditary Transthyretin Amyloidosis With Polyneuropathy (NEURO-TTRansform). JAMA. 2023;330:1448-1458. DOI: 10.1001/jama.2023.18688

Wann Sie rasch zum Neurologen sollten

⚠ Warnzeichen

  • ⚠Die Beschwerden nehmen innerhalb von Tagen bis Wochen deutlich zu.
  • ⚠Kraftverlust, etwa ein „hängender Fuß“, Stolpern oder Schwäche beim Treppensteigen.
  • ⚠Nur eine Seite ist betroffen, oder die Hände sind früher betroffen als die Füße.
  • ⚠Zusätzlich Blasen- oder Darmstörungen, Kreislaufprobleme, ungewollter Gewichtsverlust.
  • ⚠Eine Wunde, Rötung oder Schwellung am Fuß, die Sie nicht spüren: am selben Tag ärztlich ansehen lassen.

Checkliste für Ihr nächstes Arztgespräch

  • ☐Ist die Ursache meiner PNP geklärt? Wurden Zucker-Belastungstest bzw. HbA1c, B12 (ggf. Holo-TC), Schilddrüse, Nierenwerte, Immunelektrophorese und bei Bedarf B6 bestimmt?
  • ☐Habe ich Warnzeichen für eine behandelbare Sonderform (rasche Zunahme, Schwäche, Beteiligung der Arme, Husten, Herz- oder Verdauungsbeschwerden, Familienfälle)?
  • ☐Ist mein Schmerzmittel ausreichend dosiert und lange genug getestet? Kommen eine Kombination oder ein Capsaicin-Pflaster in Frage?
  • ☐Schlafe ich schlecht? Könnte eine Schlafapnoe dahinterstecken?
  • ☐Habe ich eine Verordnung für Physiotherapie oder Rehasport mit Gleichgewichtstraining?
  • ☐Kontrolliere ich täglich meine Füße und habe ich passendes Schuhwerk bzw. podologische Betreuung?
  • ☐Welche Nahrungsergänzungen nehme ich, und wie viel B6 steckt insgesamt darin?
  • ☐Nehme ich eine Abnehmspritze? Nehme ich zu schnell ab und esse ich genug?

Ausblick: Was als Nächstes kommt

  • ▸Suzetrigin (Nav1.8-Blocker): zwei Phase-3-Studien bei schmerzhafter diabetischer PNP, Rekrutierung laut Hersteller bis Ende 2026 abgeschlossen. Ergebnisse frühestens 2027, eine EU-Zulassung für PNP ist offen. Der Nachfolger VX-993 ist in Phase 2.
  • ▸10-kHz-Rückenmarkstimulation (PDN-Sensory): Langzeitdaten müssen zeigen, ob sich die Nervenfasern dauerhaft erholen.
  • ▸Vitamin B6: Australische Beschränkung ab 1. Juni 2027. Ob EU und DACH-Länder die Höchstmengen in Nahrungsergänzungen verbindlich begrenzen, ist offen.
  • ▸Diabetesmedikamente als Nervenschutz? Eine dänische Registerstudie fand unter SGLT2-Hemmern etwas seltener eine PNP als unter GLP-1-Analoga (Kristensen FPB et al., Ann Intern Med 2026). Das ist ein Hinweis, kein Beweis; randomisierte Studien fehlen.
  • ▸RFC1-Gentest: zunehmend verfügbar. Es wird geklärt, wem er routinemäßig angeboten werden sollte.

Häufige Fragen zur Polyneuropathie

Ist eine Polyneuropathie heilbar?

Das hängt von der Ursache ab. Wird ein Vitamin-B12-Mangel, ein Alkoholproblem, eine Vitamin-B6-Überdosierung oder eine entzündliche Form wie die CIDP früh behandelt, können sich die Nerven teilweise erholen. Bei der diabetischen Polyneuropathie lässt sich das Fortschreiten durch gute Blutzuckereinstellung und Bewegung bremsen. Die Schmerzen sind meist gut behandelbar, auch wenn die Nerven nicht vollständig heilen.

Welches Medikament hilft am besten gegen Nervenschmerzen in den Füßen?

Erste Wahl sind Amitriptylin, Duloxetin sowie Pregabalin oder Gabapentin. Sie wirken im Durchschnitt ähnlich gut, unterscheiden sich aber in den Nebenwirkungen. Die Auswahl richtet sich nach Begleiterkrankungen, Schlaf und Stimmung. Hilft ein Mittel nur teilweise, ist eine Kombination oft besser als ein Wechsel.

Helfen Vitamine bei Polyneuropathie?

Nur, wenn ein Mangel vorliegt. Ein Vitamin-B12- oder B1-Mangel sollte immer ausgeglichen werden. Als Schmerzmittel oder allgemeiner „Nervenschutz“ sind Vitamin-B-Komplexe und Benfotiamin nicht belegt. Vorsicht bei Vitamin B6: Zu hohe Dauerdosen können selbst Nerven schädigen.

Welche Übungen helfen bei Polyneuropathie?

Am besten belegt ist Gleichgewichtstraining, kombiniert mit Kraft- und Ausdauertraining, 2–3 Mal pro Woche. Einfache Übungen sind Einbeinstand mit Festhaltemöglichkeit, Gehen auf einer Linie und Aufstehen vom Stuhl ohne Hände. Angeleitete Physiotherapie oder Rehasport sind ein guter Einstieg.

Warum brennen die Füße vor allem nachts?

Tagsüber lenken Bewegung und Eindrücke vom Schmerz ab, nachts fällt diese Ablenkung weg. Zudem reagieren geschädigte Nervenfasern empfindlich auf Wärme und Berührung durch die Bettdecke. Kühle Füße, eine leichte Decke oder ein Bettbogen und abends eingenommene Schmerzmittel können helfen.

⚠ Wichtiger Hinweis

Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Medikamente und Nahrungsergänzungsmittel bitte nie eigenmächtig beginnen, absetzen oder kombinieren. Die Evidenz-Einstufung ist eine vereinfachte redaktionelle Einordnung: Hoch = große randomisierte Studien, Meta-Analysen oder Leitlinien hoher Qualität; Mittel = kleinere randomisierte Studien oder gute Beobachtungsdaten; Niedrig = Fallberichte, Querschnittsstudien oder methodisch schwache Studien. Stand: September 2026.

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