Eine neue Studie verknüpft dünnere Wirbelknochen mit schnellerem geistigem Abbau – der Effekt ist messbar, aber klein.
Wer eine niedrigere Knochendichte in der Brustwirbelsäule hat, verliert über fünf Jahre im Schnitt etwas schneller an geistiger Leistungsfähigkeit. Das berichtet ein Forschungsteam der Johns Hopkins University im Fachjournal Radiology. Die Knochendichte stammte aus ganz normalen Brustkorb-CTs und wurde von einer künstlichen Intelligenz ausgewertet. Was bedeutet das für die Frage nach Knochendichte und Demenz – und was sollten Sie daraus mitnehmen?
Zwei Alterungsprozesse, die oft gemeinsam auftreten
Osteoporose – also Knochenschwund mit erhöhtem Bruchrisiko – und nachlassende Gedächtnisleistung sind typische Begleiter des Älterwerdens. Dass beides häufig bei denselben Menschen vorkommt, ist lange bekannt. Unklar war, ob die Knochendichte etwas darüber verrät, wie schnell sich das Gehirn in den folgenden Jahren verändert.
Im Fokus der Studie steht die weiße Substanz: die Nervenfaserbahnen, die verschiedene Hirnregionen miteinander verbinden. Im MRT lassen sich dort zwei Alterungszeichen messen:
- ▸ Marklagerveränderungen (Fachbegriff: White Matter Hyperintensities) – helle Flecken im MRT, die meist auf Schäden an kleinen Blutgefäßen hinweisen.
- ▸ Fraktionelle Anisotropie – ein Messwert aus der Diffusions-Bildgebung, der beschreibt, wie „geordnet“ die Faserbahnen sind. Sinkt er, lässt die Feinstruktur der Nervenbahnen nach.
Beide Marker gelten als frühe Hinweise auf Hirnalterung und sind mit einem erhöhten Demenzrisiko verbunden.
So lief die Studie ab
Die Forschenden um die Radiologin Sara Momtazmanesh werteten Daten der US-amerikanischen MESA-Studie aus, einer Langzeitkohorte an sechs Zentren, in die Erwachsene ohne bekannte Herz-Kreislauf-Erkrankung aufgenommen wurden. Es handelt sich um eine sogenannte Sekundäranalyse: Die Daten wurden ursprünglich für andere Fragestellungen erhoben.
- ▸ Ausgangspunkt (2016–2018): Bei 2.167 Teilnehmenden lag ein Brustkorb-CT ohne Kontrastmittel vor. Ein validiertes Deep-Learning-Programm vermaß darin die Knochendichte der Brustwirbel T1 bis T10.
- ▸ Ausschlüsse: Wer bereits eine Demenz oder einen Schlaganfall hatte, wurde ausgeschlossen.
- ▸ Auswertbare Gruppe: 715 Personen mit Messungen zu zwei Zeitpunkten, mittleres Alter 69 Jahre (Spanne 60–95), 397 Männer und 318 Frauen.
- ▸ Verlauf: Gedächtnis- und Denktests sowie Hirn-MRTs wurden nach rund fünf Jahren (2022–2024) wiederholt. MRT-Verlaufsdaten gab es für etwa 405 bis 408 Personen.
Die Auswertung berücksichtigte zahlreiche Einflussfaktoren, darunter Alter, Geschlecht, Bildung, das Alzheimer-Risikogen APOE-ε4, Blutdruck, Diabetes, Cholesterin, Rauchen, körperliche Aktivität, Nierenfunktion sowie Medikamente wie Osteoporose-Mittel und Hormonersatz.
Die Ergebnisse: Knochendichte und geistiger Abbau
Das robusteste Ergebnis betrifft die Denkleistung. Je 0,1 g/cm³ niedrigerer Knochendichte nahm ein zusammengesetzter Wert der globalen kognitiven Leistung um zusätzlich 0,025 Standardabweichungen pro Jahr ab. Über rund fünf Jahre summiert sich das auf etwa 0,15 Standardabweichungen – laut den Autoren etwa ein Drittel des allgemeinen, altersbedingten Rückgangs in diesem Zeitraum. Auch im Screening-Test CASI zeigte sich ein schnellerer Abbau.
| Messgröße | Ergebnis bei niedrigerer Knochendichte | Aussagekraft |
|---|---|---|
| Globale Denkleistung (Gesamtwert) | schnellerer Abbau | statistisch signifikant, Effekt klein |
| Einzeltests (Tempo, Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis) | kein Zusammenhang | – |
| Marklagerveränderungen gesamt | kein Zusammenhang | – |
| Marklagerveränderungen im Balken (Corpus callosum) | 12,8 % schnellere Zunahme pro Jahr | signifikant nach Korrektur |
| Faserstruktur der weißen Substanz gesamt | schnellerer Rückgang | nach Korrektur für Mehrfachtests nicht mehr signifikant |
| Faserstruktur in der vorderen inneren Kapsel | schnellerer Rückgang | signifikant nach Korrektur |
Alle Effekte bezogen auf je 0,1 g/cm³ niedrigere Wirbelknochendichte. Quelle: Momtazmanesh et al., Radiology 2026.
Auffällig war die Rolle von Diabetes: Bei Menschen mit Diabetes ging eine niedrigere Knochendichte mit einer schnelleren Zunahme der Marklagerveränderungen einher, bei Menschen ohne Diabetes nicht. Beim Faserstruktur-Wert zeigte sich der Zusammenhang nur bei Frauen. Beide Beobachtungen stammen aus Untergruppen-Analysen und sind daher vorsichtig zu lesen.
Merksatz
Niedrige Knochendichte ist in dieser Studie ein Begleitsignal für eine etwas schnellere Hirnalterung – kein Beweis, dass schwache Knochen das Gehirn schädigen.
Warum hängen Knochen und Gehirn zusammen?
Die Autoren diskutieren zwei Erklärungen. Die erste ist eine direkte Knochen-Gehirn-Achse: Knochen gibt Botenstoffe ab, etwa das Hormon Osteocalcin, das die Blut-Hirn-Schranke überwinden und Nervenzellen beeinflussen kann. Ob das beim Menschen eine relevante Rolle spielt, ist offen.
Die zweite, von den Forschenden selbst bevorzugte Deutung: Knochen und Gehirn leiden unter denselben Stoffwechselproblemen. Der Studienleiter Shadpour Demehri formuliert es laut Mitteilung der RSNA so (übersetzt): „Diese Studie handelt nicht von Ursache und Wirkung, sondern von der Beobachtung eines Stoffwechselsyndroms, das sowohl Knochen- als auch Hirnabbau verursachen könnte.“ Als mögliche gemeinsame Treiber nennt er Insulinresistenz, Fettstoffwechselstörungen und die hormonelle Umstellung in den Wechseljahren.
Aus neurologischer Sicht ist diese Lesart plausibel: Diabetes, Bluthochdruck und Fettstoffwechselstörungen schädigen kleine Hirngefäße und sind gut belegte Risikofaktoren für vaskuläre Hirnveränderungen – genau jene Veränderungen, die im MRT als Marklagerläsionen sichtbar werden.
Die ehrliche Einordnung
Die Studie ist methodisch sorgfältig, ihre Aussagekraft aber begrenzt. Das sagen die Autoren auch selbst:
- ▸ Kein Nachweis von Ursache und Wirkung. Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Gemeinsame Stoffwechselfaktoren könnten beide Befunde erklären.
- ▸ Keine Demenz-Diagnosen untersucht. Gemessen wurden Testwerte und MRT-Marker. Ob mehr Menschen tatsächlich an Demenz erkranken, kann die rund fünfjährige Nachbeobachtung laut Autoren nicht klären.
- ▸ Kleine Effekte. Die Zusammenhänge waren deutlich schwächer als die von Alter oder Diabetes. Für eine Vorhersage beim einzelnen Menschen reichen sie nach Einschätzung der Autoren noch nicht aus.
- ▸ Teils nicht robust. Der Hauptbefund zur gesamten weißen Substanz hielt der statistischen Korrektur nicht stand; die regionalen Befunde bezeichnen die Autoren als hypothesengenerierend.
- ▸ Verzerrung durch Ausfälle. Kränkere Menschen nehmen seltener an Folgeuntersuchungen teil – das kann Ergebnisse abschwächen und die Übertragbarkeit einschränken.
- ▸ Messmethode noch nicht praxisreif. Die KI-Messung aus dem CT stammt aus einem Forschungsprotokoll und muss an anderen Geräten und Kliniken erst bestätigt werden.
Ein interessantes Detail: Ohne statistische Bereinigung schnitten Menschen mit der niedrigsten Knochendichte zu Beginn sogar besser in den Denktests ab. Die Autoren führen das auf Unterschiede in Herkunft, Bildung und Stoffwechselgesundheit zwischen den Gruppen zurück. Das zeigt, wie stark solche Zusammenhänge von Begleitfaktoren abhängen.
Was Sie jetzt tun können
Eine CT-basierte „Gehirn-Warnung“ aus der Knochendichte gibt es im Praxisalltag nicht – weder in Deutschland noch in Österreich. Die Studie unterstreicht aber etwas Bekanntes: Was Knochen schützt, schützt oft auch Gefäße und Gehirn.
✓ Praxis-Tipp
- ✓ Befunde lesen: Steht in einem CT- oder Röntgenbefund „verminderte Knochendichte“ oder „Osteopenie“, sprechen Sie Ihre Hausärztin oder Ihren Hausarzt darauf an. Solche Nebenbefunde gehen leicht unter.
- ✓ Stoffwechsel ernst nehmen: Blutzucker, Blutdruck und Blutfette gut einstellen zu lassen, ist für Gefäße, Gehirn und Knochen gleichermaßen sinnvoll.
- ✓ In Bewegung bleiben: Regelmäßige Belastung und Krafttraining stärken den Knochen, Ausdauer und Koordination kommen Kreislauf und Sturzprävention zugute.
- ✓ Rauchstopp: Rauchen schadet Knochen und Hirngefäßen.
- ✓ Knochendichtemessung klären: Bei Risikofaktoren wie früheren Knochenbrüchen, langfristiger Kortisontherapie oder früher Menopause kann eine Messung mittels DXA (spezielles Röntgenverfahren) sinnvoll sein. Ob die Kasse die Kosten übernimmt, hängt von den Voraussetzungen ab – fragen Sie Ihre Ärztin oder Ihren Arzt.
⚠ Wann Sie ärztlichen Rat suchen sollten
- ⚠ Gedächtnisprobleme, die über Monate zunehmen oder den Alltag spürbar beeinträchtigen
- ⚠ Orientierungsprobleme, Wortfindungsstörungen oder Persönlichkeitsveränderungen, die Angehörigen auffallen
- ⚠ Plötzlich auftretende Verwirrtheit, Sprach- oder Sehstörungen oder Lähmungen – das kann ein Schlaganfall sein: sofort Notruf 112 (Österreich: 144)
Häufige Fragen
Verursacht Osteoporose Demenz?
Nein, das zeigt die Studie nicht. Sie beobachtet, dass niedrige Knochendichte und schnellerer geistiger Abbau gemeinsam auftreten. Die Autoren vermuten gemeinsame Stoffwechselursachen statt einer direkten Wirkung der Knochen auf das Gehirn.
Habe ich ein höheres Demenzrisiko, wenn meine Knochendichte niedrig ist?
Das lässt sich aus dieser Studie für einzelne Menschen nicht ableiten. Die Effekte waren klein, und Demenz-Diagnosen wurden nicht untersucht. Wichtiger sind die bekannten Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Diabetes, Bewegungsmangel, Rauchen und Hörverlust.
Kann man die Knochendichte aus einem normalen CT ablesen?
Grundsätzlich ja. Wirbelkörper sind auf vielen Brustkorb- und Bauch-CTs sichtbar, und KI-Programme können ihre Dichte vermessen. Als Routine-Screening ist das aber noch nicht etabliert; die übliche Methode zur Osteoporose-Diagnose bleibt die DXA-Messung.
Schützt eine Osteoporose-Behandlung das Gehirn?
Dafür gibt es aus dieser Studie keine Belege. Osteoporose-Medikamente werden zum Schutz vor Knochenbrüchen eingesetzt. Ob gezielte Maßnahmen gegen gemeinsame Stoffwechselursachen beide Systeme schützen, wollen die Forschenden erst noch untersuchen.
Was sind Marklagerveränderungen im MRT?
Helle Flecken in der weißen Substanz, die meist auf Veränderungen kleiner Blutgefäße zurückgehen. Sie sind im Alter häufig und oft harmlos, in größerer Zahl aber mit Schlaganfall- und Demenzrisiko verbunden. Die Bewertung gehört in ärztliche Hände.
⚠ Wichtiger Hinweis
Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Bei Beschwerden oder Fragen zu Ihrer Knochen- oder Hirngesundheit wenden Sie sich bitte an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt. Beginnen, ändern oder beenden Sie keine Therapie ohne ärztliche Rücksprache.
Quelle
Momtazmanesh S, Hathaway QA, Bancks MP, et al. Deep Learning–derived Bone Mineral Density and Longitudinal White Matter Microstructure and Cognitive Decline: Multi-Ethnic Study of Atherosclerosis. Radiology 2026;320(3):e260656. DOI: 10.1148/radiol.260656
Zitat: Pressemitteilung der Radiological Society of North America (RSNA) vom 22.09.2026.



