Kamillentee zum Einschlafen kennt jeder – doch dass derselbe Pflanzenstoff, der der Kamille ihre beruhigende Tradition eingebracht hat, heute in der NAD⁺- und Longevity-Forschung eine bemerkenswerte Nebenrolle spielt, wissen die wenigsten. Apigenin ist der stille Star unter den Flavonoiden: unscheinbar, günstig, doppelt interessant.
Was ist Apigenin – und wo kommt es vor?
Apigenin ist ein Flavonoid aus der Untergruppe der Flavone – sekundäre Pflanzenstoffe, mit denen Pflanzen sich vor UV-Strahlung und Fressfeinden schützen. Die reichsten Quellen in der menschlichen Ernährung:
| Quelle | Apigenin-Gehalt (ca.) | Anmerkung |
|---|---|---|
| Getrocknete Petersilie | bis ~4.500 mg/100 g | Rekordhalter – aber wer isst 100 g davon? |
| Frische Petersilie | ~200–300 mg/100 g | Realistischer, als Kraut dennoch Kleinstmengen |
| Kamillentee | ~0,8–1,2 % der Trockenblüte (v. a. als Apigenin-Glykoside) | Die traditionsreichste Quelle |
| Sellerie & Knollensellerie | ~2–20 mg/100 g | Alltagstauglichste Gemüsequelle |
Wirkung 1: Der Ruhe-Aspekt – was hinter der Kamillen-Tradition steckt
Die jahrhundertealte Verwendung der Kamille als Abend-Tee hat ein plausibles molekulares Korrelat: Apigenin bindet in Labormodellen an Benzodiazepin-Bindungsstellen des GABA-A-Rezeptors – jenes Rezeptorsystems, das im Gehirn für „Bremsen und Beruhigen“ zuständig ist. Anders als Schlafmedikamente tut es das schwach und modulierend; in Tiermodellen zeigte es anxiolytische (entspannende) Effekte ohne Muskelerschlaffung oder Abhängigkeitszeichen.
Am Menschen ist vor allem der Kamillenextrakt (standardisiert auf Apigenin) untersucht: Eine randomisierte Studie an Patienten mit generalisierter Angststörung (Amsterdam et al. 2009) sowie Untersuchungen an älteren Erwachsenen mit Schlafproblemen beobachteten günstige Effekte auf Anspannungs- und Schlafqualitäts-Scores gegenüber Placebo. Wichtig für die ehrliche Einordnung: Diese Studien testeten Kamillenextrakt, nicht isoliertes hochdosiertes Apigenin – für Letzteres stammen die Daten überwiegend aus Zell- und Tiermodellen. Populär wurde die abendliche Apigenin-Einnahme (meist 50 mg) durch den Stanford-Neurowissenschaftler Andrew Huberman, der sie als Teil seines „Sleep Stacks“ beschreibt.
Wirkung 2: Der NAD⁺-Aspekt – Apigenin als CD38-Hemmer
Der Grund, warum Apigenin in modernen Longevity-Formulierungen auftaucht, ist ein anderer: CD38. Dieses Enzym sitzt auf Immun- und anderen Zellen und ist einer der größten NAD⁺-Verbraucher des Körpers – seine Aktivität steigt mit dem Alter deutlich an und gilt als wesentlicher Treiber des altersbedingten NAD⁺-Abfalls (Hintergründe in unserem NAD⁺-Grundlagenartikel).
Die Schlüsselarbeit stammt von Escande et al. (2013, Diabetes): Apigenin hemmte CD38 in Zellkulturen und erhöhte in adipösen Mäusen den NAD⁺-Spiegel im Gewebe, begleitet von verbesserten Stoffwechselparametern. Nachfolgende Arbeiten (u. a. Ogura et al. 2020) bestätigten den Mechanismus. Damit ergibt sich eine elegante Arbeitsteilung, die moderne NAD⁺-Stacks nutzen:
Das Badewannen-Prinzip: NAD⁺-Vorstufen wie NMN drehen den Wasserhahn auf (Nachschub), Apigenin verkleinert den Abfluss (CD38-Hemmung). Beides zusammen adressiert denselben Pegel von zwei Seiten. Wichtig: Diese Arbeitsteilung ist mechanistisch gut begründet, am Menschen als Kombination aber noch nicht in klinischen Studien geprüft.
Dosierung, Einnahmezeitpunkt und Sicherheit
- Übliche Dosierung: 50 mg täglich – so auch im Booster des AVEA Vitality Bundles enthalten; Hubermans Sleep-Stack-Empfehlung liegt ebenfalls bei 50 mg.
- Einnahmezeitpunkt: Wer den Ruhe-Aspekt nutzen möchte, nimmt Apigenin klassisch abends. In NAD⁺-Stacks wird es dagegen häufig morgens zusammen mit den übrigen Komponenten eingenommen – für die CD38-Hemmung ist die Tageszeit nach heutigem Wissen unerheblich.
- Verträglichkeit: In üblichen Dosierungen gilt Apigenin als gut verträglich; als Bestandteil von Kamille, Petersilie und Sellerie hat es eine lange Verzehrhistorie.
- Wechselwirkungen: Flavonoide können Cytochrom-P450-Enzyme beeinflussen; bei sedierenden Medikamenten, Blutverdünnern oder Dauermedikation gilt: vorher ärztlich abklären. Schwangere und Stillende verzichten mangels Daten auf isolierte Apigenin-Präparate (Kamillentee in üblichen Mengen ist davon unbenommen).
Transparenz zur Studienlage: Für Apigenin existieren keine zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben (EFSA). Die CD38-/NAD⁺-Befunde stammen aus Zell- und Tiermodellen, die Entspannungs-Daten überwiegend aus Kamillenextrakt-Studien. Wer Apigenin supplementiert, handelt auf Basis plausibler Mechanismen und früher Evidenz – nicht auf Basis gesicherter Wirknachweise. Anhaltende Schlafprobleme gehören zudem ärztlich abgeklärt; erste Anlaufstellen und Ursachen haben wir im Artikel „Ständig müde“ beschrieben.
In Kombinationspräparaten trifft Apigenin häufig auf Resveratrol – die beiden adressieren komplementäre Punkte des NAD⁺-Systems (Sirtuin-Aktivierung vs. CD38-Hemmung; zu Ersterem unser Artikel Resveratrol & Sirtuine). Ein Produkt, das beide mit der NAD⁺-Vorstufe NMN und Ubiquinol vereint, haben wir ausführlich geprüft: der AVEA Vitality Bundle Test.
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Häufige Fragen zu Apigenin
Macht Apigenin müde oder benommen?
Apigenin ist kein Sedativum im pharmakologischen Sinn – es moduliert GABA-Rezeptoren deutlich schwächer als Schlafmedikamente. Die meisten Anwender beschreiben allenfalls eine milde abendliche Entspannung; Benommenheit am Folgetag ist untypisch. Bei morgendlicher Einnahme im NAD⁺-Stack berichten Anwender in aller Regel keine Müdigkeit.
Reicht Kamillentee nicht aus?
Für das Abendritual: unbedingt – und die Humanstudien wurden ja gerade mit Kamillen-Zubereitungen durchgeführt. Für die in der CD38-Forschung verwendeten Apigenin-Mengen liefert eine Tasse Tee jedoch nur einen Bruchteil (zudem als Glykoside mit begrenzter Aufnahme). Tee und 50-mg-Supplement verfolgen schlicht unterschiedliche Ziele.
Warum ist Apigenin in NAD⁺-Produkten enthalten, obwohl es keine NAD⁺-Vorstufe ist?
Genau das ist der Clou: Apigenin liefert kein NAD⁺, sondern soll dessen Abbau bremsen, indem es das Enzym CD38 hemmt – den größten altersbedingten NAD⁺-Verbraucher. Vorstufe (Zufluss) und CD38-Hemmer (Abflussbremse) ergänzen sich mechanistisch – die Kombination am Menschen ist allerdings noch nicht klinisch geprüft.
Ist Apigenin dasselbe wie Quercetin?
Nein – beide sind Flavonoide, gehören aber verschiedenen Untergruppen an (Apigenin: Flavone; Quercetin: Flavonole) und werden in unterschiedlichen Kontexten erforscht: Quercetin vor allem als Senolytikum und Antioxidans, Apigenin als CD38-Hemmer und GABA-Modulator. In manchen Longevity-Protokollen tauchen beide nebeneinander auf.
Quellen (Auswahl)
- Escande C. et al. (2013): Flavonoid apigenin is an inhibitor of the NAD+-ase CD38. Diabetes.
- Ogura Y. et al. (2020): CD38 inhibition by apigenin (Folgearbeiten zum Mechanismus). Aging/Metabolism-Umfeld.
- Amsterdam J. D. et al. (2009): A randomized, double-blind, placebo-controlled trial of oral Matricaria recutita (chamomile) extract therapy for generalized anxiety disorder. J Clin Psychopharmacol.
- Salehi B. et al. (2019): The therapeutic potential of apigenin. Int J Mol Sci.
- Camacho-Pereira J. et al. (2016): CD38 dictates age-related NAD decline. Cell Metabolism.
Hinweis: Dieser Artikel dient der redaktionellen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Für Apigenin existieren keine zugelassenen gesundheitsbezogenen Angaben; beschriebene Studienergebnisse stellen keine Wirkversprechen dar.



