TinnitusSymbolbild Tinnitus Studien: leuchtendes Ohr, dessen chaotische Schallwellen sich in ruhige Lichtbänder verwandeln

Studien-Kompass Tinnitus · Stand September 2026

Tinnitus-Studien 2026: 19 Studien, die Betroffene kennen sollten

Von Verhaltenstherapie über Apps auf Rezept bis zu Lenire und Ginkgo – was die Forschung wirklich zeigt, verständlich eingeordnet

Kaum ein Beschwerdebild zieht so viele Heilversprechen an wie Tinnitus. Umso wichtiger ist ein nüchterner Blick auf die Tinnitus-Studien selbst. Dieser Überblick stellt 19 Leitlinien, Meta-Analysen und klinische Studien vor, die für Betroffene besonders relevant sind – jeweils mit Ergebnis, ehrlicher Einordnung, konkretem Praxis-Tipp und Link zur Originalquelle.

14,4 %
der Erwachsenen haben Tinnitus
2,3 %
sind schwer belastet
0
zugelassene Tinnitus-Medikamente
19
Studien in diesem Überblick

Das Wichtigste in Kürze

  • Die kognitive Verhaltenstherapie ist die am besten belegte Behandlung – sie senkt die Belastung, auch wenn der Ton bleibt.
  • Geprüfte Tinnitus-Apps wirken nachweislich, in einer Studie sogar deutlich besser als eine Schein-App. In Deutschland gibt es sie als DiGA auf Rezept.
  • Bei Hörverlust gehören Hörgeräte an den Anfang; bei einseitiger Taubheit kann ein Cochlea-Implantat den Tinnitus deutlich lindern.
  • Geräte wie Lenire zeigen Effekte bei stärkerem Tinnitus – echte Placebo-Vergleiche fehlen aber noch.
  • Medikamente, Ginkgo und Hirnstimulation per rTMS oder tDCS haben keinen sicheren Nutzen.

⚠ Warnzeichen: Bitte zeitnah ärztlich abklären lassen

  • Plötzlicher Tinnitus mit Hörverlust auf einem Ohr (möglicher Hörsturz)
  • Einseitiger oder pulsierender, herzschlagsynchroner Tinnitus
  • Zusätzlich Schwindel, Gesichtslähmung oder andere neurologische Symptome
  • Starke seelische Belastung oder Suizidgedanken – sofort Hilfe holen: Notruf 112 oder Telefonseelsorge (Deutschland 0800 111 0 111, Österreich 142, Schweiz 143)

So ist dieser Überblick aufgebaut

  1. Leitlinien und Grundlagen – Studien 1, 2, 3
  2. Psychologische Therapie – Studien 4, 9, 11
  3. Digitale Therapie und Apps – Studien 5, 6, 7, 8
  4. Hörversorgung und Kombination – Studien 10, 12
  5. Neue Geräte und Neuromodulation – Studien 13, 14, 15, 16
  6. Medikamente und Mythen – Studien 17, 18, 19

Die farbigen Etiketten zeigen die Einordnung auf einen Blick: Belegt · Mit Vorbehalt · Nicht empfohlen

Kapitel 1

Leitlinien und Grundlagen

Was Fachgesellschaften empfehlen – und wie verbreitet Tinnitus ist

1
Leitlinie
Leitlinie

Tinnitus-Leitlinie: Was deutsche Fachleute empfehlen – und wovon sie abraten

Die S3-Leitlinie „Chronischer Tinnitus“ ist der Maßstab für die Behandlung im deutschsprachigen Raum

Die Tinnitus-Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für HNO-Heilkunde, veröffentlicht 2022 in der Fachzeitschrift HNO, bündelt das Wissen aus Studien und Expertenkonsens. Ihre Botschaft ist klar: Beratung, Verhaltenstherapie und – bei Hörverlust – Hörgeräte bilden das Fundament. Für Tabletten, Nahrungsergänzungsmittel und Hirnstimulation sieht sie keine ausreichende Grundlage.

Worum es ging

Eine S3-Leitlinie ist die höchste Qualitätsstufe medizinischer Leitlinien in Deutschland: Sie beruht auf einer systematischen Auswertung der Studienlage und einem formalen Abstimmungsprozess mehrerer Fachgesellschaften. Die Tinnitus-Leitlinie richtet sich an Erwachsene mit chronischem Tinnitus, also einem Ohrgeräusch, das länger als drei Monate besteht.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Beratung (Counselling) soll die Basis jeder Behandlung sein – starke Empfehlung.
  • Verhaltenstherapie in verschiedenen Formen wird empfohlen – bei hoher Evidenzqualität, der stärksten Stufe.
  • Hörgeräte sollen bei Tinnitus mit Hörminderung empfohlen werden.
  • Cochlea-Implantate (elektronische Innenohrprothesen) werden für hochgradig Schwerhörige und Ertaubte mit Tinnitus stark empfohlen.
  • Reine Rauschgeräte (Noiser) sollen nicht empfohlen werden – ein Nutzen über Beratung hinaus ist nicht belegt.
  • Für Medikamente einschließlich Nahrungsergänzungsmitteln sowie für Magnet- und Stromstimulation des Gehirns liegt keine oder nur sehr unzureichende Evidenz vor.

MERKSATZ

Nicht das Abschalten des Tons ist das realistische Ziel, sondern ein Alltag, in dem der Tinnitus keine Hauptrolle mehr spielt – dafür gibt es gut belegte Wege.

Die ehrliche Einordnung

Die Leitlinie spiegelt den Wissensstand ihrer Literaturrecherche wider. Neuere Entwicklungen – etwa Studien zu Tinnitus-Apps nach 2022 oder die Zulassungsstudie des Geräts Lenire von 2024 – sind darin noch nicht berücksichtigt. Zudem beruhen einige Empfehlungen, etwa zu Hörgeräten, auf mittlerer Evidenzqualität. An den Kernaussagen haben neuere Studien jedoch nichts geändert.

✓ Praxis-Tipp

Fragen Sie in der HNO-Praxis gezielt nach einer vollständigen Basisdiagnostik mit Hörtest und standardisiertem Tinnitus-Fragebogen. Sie ist die Grundlage für jede weitere Entscheidung.

Quelle: Mazurek B, Hesse G, Sattel H, Kratzsch V, Lahmann C, Dobel C. S3-Leitlinie: Chronischer Tinnitus. HNO 2022;70(11):795–827. https://doi.org/10.1007/s00106-022-01207-4

2
Leitlinie
Leitlinie

Neue US-Tinnitus-Leitlinie: Keine Tabletten, dafür Verhaltenstherapie und Hörhilfen

Erstmals seit 2014 gibt es in den USA wieder eine umfassende Behandlungsleitlinie für Tinnitus

Eine Arbeitsgruppe des US-Veteranenministeriums (VA) und des Verteidigungsministeriums (DoD) hat eine neue Tinnitus-Leitlinie erarbeitet, 2025 zusammengefasst in der Fachzeitschrift JAMA Otolaryngology–Head & Neck Surgery. Sie deckt sich in den Kernpunkten mit der deutschen Leitlinie – und sagt deutlich, wo die Evidenz nicht ausreicht.

Worum es ging

Tinnitus ist unter US-Veteranen die häufigste anerkannte Dienstbeschädigung. Ein multidisziplinäres Expertengremium wertete die Studienlage systematisch aus und beantwortete 20 Schlüsselfragen zur Untersuchung und Behandlung von Erwachsenen mit belastendem Tinnitus. Jede Empfehlung wurde nach Qualität der Evidenz und Stärke abgestuft.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Aufklärung und Selbstmanagement stehen am Anfang der Versorgung.
  • Kognitive Verhaltenstherapie wird unterstützt – laut Arbeitsgruppe wird sie bislang zu selten genutzt.
  • Hörgeräte bei Hörverlust und Cochlea-Implantate für geeignete Kandidaten werden befürwortet, ebenso Umgebungsklang zur Entlastung.
  • Für Tinnitus, der sich mit Kiefer-, Nacken- oder Kopfbewegungen verändert, werden gezielte Massagetechniken im Mund- und Gesichtsbereich genannt.
  • Medikamente sollen nicht zur Behandlung des Tinnitus selbst verschrieben werden: Ein Nutzen für die Lebensqualität sei nicht belegt, manche Mittel könnten abhängig machen.

MERKSATZ

Zwei große Leitlinien auf zwei Kontinenten kommen zum selben Ergebnis: Verhaltenstherapie und Hörversorgung ja – Tabletten gegen den Ton selbst nein.

Die ehrliche Einordnung

Die Leitlinie wurde für die Versorgung von Veteranen und Soldaten entwickelt und ist an das US-Gesundheitssystem angepasst. Die Autorinnen und Autoren betonen selbst, dass bei vielen Fragen die Evidenz nicht ausreichte und Wissenslücken bestehen. Einzelne Empfehlungen lassen sich daher nicht eins zu eins auf Deutschland oder Österreich übertragen.

✓ Praxis-Tipp

Wenn Ihnen ein Medikament „gegen Tinnitus“ angeboten wird, fragen Sie nach, welche Studie den Nutzen belegt. Sinnvoll können Medikamente dagegen bei Begleitproblemen wie Schlafstörung oder Depression sein.

Quelle: Sherlock LP, et al. Clinical Practice Guideline for Management of Tinnitus: Recommendations From the US VA/DOD Clinical Practice Guideline Work Group. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg 2025;151(5):513–520. https://doi.org/10.1001/jamaoto.2025.0052

3
Meta-Analyse
Grundlagenwissen

Wie häufig ist Tinnitus? Die bislang größte weltweite Auswertung

Jeder siebte Erwachsene hört Ohrgeräusche – doch nur wenige leiden stark darunter

Ein internationales Forschungsteam um C. M. Jarach hat alle verfügbaren Bevölkerungsstudien zur Häufigkeit von Tinnitus zusammengeführt und 2022 in JAMA Neurology veröffentlicht. Das Ergebnis rückt Tinnitus in ein neues Licht: Er ist ausgesprochen häufig – schwer belastend aber nur für einen kleinen Teil der Betroffenen.

Worum es ging

Die Forschenden werteten 113 Studien aus den Jahren 1972 bis 2021 aus, die Tinnitus in der Allgemeinbevölkerung erfasst hatten. Studien an Patientengruppen oder speziellen Berufsgruppen wurden ausgeschlossen, damit die Zahlen die normale Bevölkerung abbilden. Aus 83 Studien ließ sich die Häufigkeit (Prävalenz) berechnen, aus 12 die Zahl der Neuerkrankungen.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • 14,4 % der Erwachsenen weltweit haben Tinnitus.
  • Die Häufigkeit steigt mit dem Alter: 9,7 % bei 18- bis 44-Jährigen, 13,7 % bei 45- bis 64-Jährigen und 23,6 % ab 65 Jahren.
  • Männer und Frauen sind etwa gleich häufig betroffen.
  • Schwerer Tinnitus liegt nur bei 2,3 % vor, chronischer Tinnitus bei 9,8 %.
  • Ärztlich diagnostiziert wurde Tinnitus nur bei 3,4 % – viele Betroffene suchen also nie Hilfe.

MERKSATZ

Tinnitus ist kein seltenes Leiden, sondern ein häufiges Phänomen – und die allermeisten Menschen damit führen ein gutes Leben.

Die ehrliche Einordnung

Die einzelnen Studien schwankten enorm – von 4,1 % bis 37,2 %. Das liegt vor allem daran, dass Tinnitus unterschiedlich definiert und abgefragt wurde, etwa „jemals“ oder „dauerhaft“. Die Gesamtzahlen sind daher Schätzungen mit Unsicherheit. Zudem stammen die meisten Daten aus Europa, Nordamerika und Asien.

✓ Praxis-Tipp

Wenn der Tinnitus Sie belastet, zählen Sie zu der Gruppe, für die es wirksame Hilfe gibt. Suchen Sie aktiv Beratung – das ist kein Überreagieren, sondern der erste Schritt der empfohlenen Behandlung.

Quelle: Jarach CM, Lugo A, Scala M, et al. Global Prevalence and Incidence of Tinnitus: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Neurol 2022;79(9):888–900. https://doi.org/10.1001/jamaneurol.2022.2189

Kapitel 2

Psychologische Therapie

Der am besten belegte Weg: den Umgang mit dem Tinnitus verändern

4
Cochrane-Review
Gut belegt

Verhaltenstherapie bei Tinnitus: Was der Cochrane-Review zeigt

28 Studien, 2.733 Teilnehmende: Die kognitive Verhaltenstherapie ist die bestbelegte Tinnitus-Behandlung

Die Cochrane Collaboration, ein unabhängiges Netzwerk zur Bewertung medizinischer Studien, hat 2020 alle randomisierten Studien zur kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) bei Tinnitus ausgewertet. Das Fazit: Die KVT senkt die Tinnitus-Belastung spürbar und ohne relevante Nebenwirkungen – auch wenn sie den Ton selbst meist nicht leiser macht.

Worum es ging

Die kognitive Verhaltenstherapie ist eine Form der Psychotherapie, die belastende Gedanken, Aufmerksamkeitsmuster und Gewohnheiten rund um den Tinnitus verändert. Das Team um T. Fuller schloss 28 Studien mit 2.733 Erwachsenen ein, die seit mindestens drei Monaten Tinnitus hatten. Die Therapie dauerte 3 bis 22 Wochen und fand meist in Kliniken oder online statt.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Im Vergleich zu keiner Behandlung verringerte die KVT die Beeinträchtigung der Lebensqualität durch den Tinnitus – umgerechnet um knapp 11 Punkte im Tinnitus-Fragebogen THI. Als klinisch spürbar gelten 7 Punkte.
  • Auch im Vergleich zur reinen Hörversorgung schnitt die KVT besser ab (moderate Aussagekraft).
  • Depressive Beschwerden gingen leicht zurück.
  • Schwere Nebenwirkungen traten praktisch nicht auf.

MERKSATZ

Die KVT verändert nicht das Geräusch, sondern Ihre Reaktion darauf – und genau das entscheidet über die Belastung.

Die ehrliche Einordnung

Die Autoren bewerten die Aussagekraft für den Hauptvergleich als niedrig, unter anderem weil Teilnehmende in Psychotherapie-Studien nicht verblindet werden können. Belastbare Ergebnisse gibt es vor allem für das Therapieende; Daten nach 6 oder 12 Monaten fehlten weitgehend. Ob die KVT Angst oder allgemeine Lebensqualität verbessert, blieb unsicher.

✓ Praxis-Tipp

Fragen Sie nach Psychotherapeutinnen und -therapeuten mit Erfahrung in Tinnitus-Behandlung oder nach Tinnitus-Bewältigungsgruppen. Bei langen Wartezeiten sind geprüfte Online-Programme und Apps eine gute Brücke.

Quelle: Fuller T, Cima R, Langguth B, Mazurek B, Vlaeyen JWS, Hoare DJ. Cognitive behavioural therapy for tinnitus. Cochrane Database Syst Rev 2020;1:CD012614. https://doi.org/10.1002/14651858.CD012614.pub2

9
Randomisierte Studie
Belegt

Achtsamkeit bei Tinnitus: Wirksamer als Entspannungstraining

Achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie (MBCT) im direkten Vergleich

Ein Londoner Team um den Psychologen Laurence McKenna hat untersucht, ob achtsamkeitsbasierte kognitive Therapie bei chronischem Tinnitus hilft. Die 2017 in Psychotherapy and Psychosomatics veröffentlichte Studie zeigt: MBCT senkte die Tinnitus-Belastung stärker als ein intensives Entspannungstraining – und das anhaltend.

Worum es ging

MBCT (Mindfulness-Based Cognitive Therapy) verbindet Achtsamkeitsmeditation mit Elementen der Verhaltenstherapie. Statt gegen den Tinnitus anzukämpfen, üben Teilnehmende, ihn wertfrei wahrzunehmen. 75 Erwachsene mit belastendem Tinnitus erhielten per Zufall entweder acht wöchentliche MBCT-Sitzungen à 120 Minuten oder ebenso umfangreiches Entspannungstraining.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Beide Gruppen verbesserten sich bei Tinnitus-Schwere, Lautheit, psychischer Belastung, Angst und Depression.
  • MBCT senkte die Tinnitus-Schwere aber stärker: um 6,3 Punkte mehr im Tinnitus-Fragebogen.
  • Nach sechs Monaten war der Vorsprung sogar etwas größer (7,2 Punkte).
  • MBCT wirkte unabhängig von Schweregrad, Dauer des Tinnitus oder Hörverlust.

MERKSATZ

Nicht gegen den Tinnitus kämpfen, sondern die Beziehung zu ihm verändern – das ist der Kern der Achtsamkeit.

Die ehrliche Einordnung

Die Studie fand an einem einzigen spezialisierten Zentrum statt, mit 75 Teilnehmenden. Die Therapie wurde von erfahrenen Psychologinnen und Psychologen in Gruppen angeboten – solche Angebote sind nicht überall verfügbar. Die Autoren fordern selbst weitere Studien zur Übertragbarkeit.

✓ Praxis-Tipp

Achtsamkeitskurse (MBSR/MBCT) werden vielerorts angeboten, teils mit Zuschuss der Krankenkasse. Fragen Sie nach Angeboten mit Tinnitus-Erfahrung oder beginnen Sie mit kurzen, angeleiteten Übungen.

Quelle: McKenna L, Marks EM, Hallsworth CA, Schaette R. Mindfulness-Based Cognitive Therapy as a Treatment for Chronic Tinnitus: A Randomized Controlled Trial. Psychother Psychosom 2017;86(6):351–361. https://doi.org/10.1159/000478267

11
Randomisierte Studie
Kein Zusatznutzen

Tinnitus-Retraining-Therapie im Härtetest: Nicht besser als Standardbetreuung

Eine große, placebokontrollierte US-Studie über 18 Monate

Die Tinnitus-Retraining-Therapie (TRT) ist international bekannt, aber umstritten. Ein Team um Roberta Scherer und Craig Formby hat sie in einer großen Studie geprüft, veröffentlicht 2019 in JAMA Otolaryngology–Head & Neck Surgery. Das Ergebnis überraschte.

Worum es ging

Die TRT kombiniert spezielle Tinnitus-Beratung mit Klangtherapie über Rauschgeräte. 151 Soldaten, Veteranen und Angehörige mit mittel- bis schwergradigem Tinnitus und weitgehend normalem Gehör wurden an sechs Militärkliniken zufällig eingeteilt: vollständige TRT, TRT-Beratung mit Placebo-Rauschgerät oder Standardbetreuung. Beobachtet wurde über 18 Monate.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Zwischen den drei Gruppen gab es keinen Unterschied – weder im Tinnitus-Fragebogen TQ noch im TFI oder THI.
  • Alle Gruppen verbesserten sich deutlich, auch die Standardbetreuung.
  • Nach 18 Monaten erreichten 77,6 % eine Verbesserung um mindestens 7 Punkte im TQ; im THI waren es 56,8 %.

MERKSATZ

Teure Spezialprogramme sind kein Muss: Eine gute, strukturierte Standardbetreuung hilft genauso – und Besserung ist die Regel.

Die ehrliche Einordnung

Die Studie schloss nur Menschen mit weitgehend normalem Gehör ein und fand in einem militärischen Umfeld statt. Für Menschen mit Hörverlust, bei denen Hörgeräte Teil der Therapie sind, gilt das Ergebnis nicht automatisch. Zudem war die Standardbetreuung in dieser Studie bereits eine strukturierte, gute Versorgung.

✓ Praxis-Tipp

Bevor Sie viel Geld für ein Rauschgerät-Programm ausgeben, klären Sie Hörvermögen und Beratungsbedarf. Einfache Klangquellen wie Naturgeräusche oder leise Musik können abends trotzdem entlastend sein.

Quelle: Scherer RW, Formby C; Tinnitus Retraining Therapy Trial Research Group. Effect of Tinnitus Retraining Therapy vs Standard of Care on Tinnitus-Related Quality of Life: A Randomized Clinical Trial. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg 2019;145(7):597–608. https://doi.org/10.1001/jamaoto.2019.0821

Kapitel 3

Digitale Therapie und Apps

Verhaltenstherapie aus dem Smartphone – teils auf Rezept

5
Meta-Analyse
Belegt

Tinnitus-Online-Therapie: Wie gut helfen Internetprogramme?

Eine Meta-Analyse mit 14 Studien und 1.574 Teilnehmenden

Psychotherapieplätze sind knapp, Tinnitus-Belastung wartet nicht. Ein Forschungsteam um E. Sia hat 2024 im Journal of Personalized Medicine ausgewertet, wie gut internetbasierte Therapien bei Tinnitus wirken. Das Ergebnis macht Mut.

Worum es ging

Die Forschenden sammelten Studien bis Februar 2024, in denen Menschen mit Tinnitus internetbasierte Programme nutzten – vor allem Online-Verhaltenstherapie, aber auch Hörtrainings. Gemessen wurde die Belastung mit gängigen Fragebögen wie dem Tinnitus Handicap Inventory (THI) oder dem Tinnitus Functional Index (TFI). Insgesamt flossen 14 Studien mit 1.574 Teilnehmenden ein.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Mit Online-Therapie sank der THI-Wert im Mittel um rund 18 Punkte, der TFI-Wert um rund 25 Punkte.
  • In Kontrollgruppen ohne Online-Therapie waren es rund 14 (THI) beziehungsweise 4 Punkte (TFI).
  • Die Effektstärken lagen für die Online-Therapie im großen Bereich.
  • Als Gründe vermuten die Autoren bessere Therapietreue, leichten Zugang und Anpassbarkeit.

MERKSATZ

Eine gute Online-Therapie ist kein Notbehelf, sondern eine wirksame Form der Tinnitus-Behandlung.

Die ehrliche Einordnung

Die Meta-Analyse verglich vor allem Vorher-nachher-Werte, teils auch über Studien hinweg, statt ausschließlich direkte Vergleiche innerhalb randomisierter Studien. Die Programme unterschieden sich stark in Inhalt und Dauer. Die Zahlen zeigen daher eine klare Richtung, aber keine exakte Wirkungsgröße für ein bestimmtes Programm.

✓ Praxis-Tipp

Achten Sie bei der Auswahl auf Programme, die auf Verhaltenstherapie beruhen und in Studien geprüft wurden. In Deutschland gibt es mit der DiGA Kalmeda eine erstattungsfähige Option auf Rezept.

Quelle: Sia E, Tirelli G, et al. Efficacy of Internet-Based Therapies for Tinnitus: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. J Pers Med 2024;14(8):813. https://doi.org/10.3390/jpm14080813

6
Randomisierte Studie
Belegt

Kalmeda: Was die Studie zur Tinnitus-App auf Rezept zeigt

Randomisierte Studie mit 187 Teilnehmenden bildet die Grundlage für die dauerhafte DiGA-Zulassung

Seit einigen Jahren kann in Deutschland eine Tinnitus-App auf Rezept verordnet werden: Kalmeda ist als digitale Gesundheitsanwendung (DiGA) dauerhaft gelistet. Die entscheidende Studie erschien 2023 in PLOS Digital Health, Langzeitdaten folgten 2025 im Journal of Medical Internet Research.

Worum es ging

Die App vermittelt Inhalte der kognitiven Verhaltenstherapie: Aufmerksamkeitslenkung, Entspannung, Achtsamkeit, Akzeptanz und Selbstwirksamkeit. In der Studie um U. Walter wurden 187 Menschen mit chronischem Tinnitus zufällig aufgeteilt: Die eine Hälfte nutzte die App sofort, die andere erst nach drei Monaten Wartezeit. Verordnet war die App für insgesamt neun Monate.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Nach drei Monaten war die Tinnitus-Belastung (gemessen mit dem Tinnitus-Fragebogen TQ) in der App-Gruppe deutlich geringer als in der Wartegruppe – mit großer Effektstärke.
  • Auch Depressivität und empfundener Stress gingen in der App-Gruppe zurück.
  • Über die gesamten neun Monate verbesserte sich die Belastung weiter; im Mittel sank der TQ-Wert um rund 12,5 Punkte.
  • Behandlungsbedingte Nebenwirkungen wurden nicht berichtet.

MERKSATZ

Eine geprüfte Tinnitus-App kann die Wartezeit auf eine Psychotherapie sinnvoll überbrücken – oder selbst die Behandlung sein.

Die ehrliche Einordnung

Verglichen wurde mit einer Wartegruppe, nicht mit einer Schein-App. Ein Teil des Effekts kann daher auf Erwartung und Zuwendung beruhen. Nach den ersten drei Monaten erhielten beide Gruppen die App, sodass es für die Langzeitphase keine Kontrollgruppe mehr gab. Die Selbstwirksamkeit, ein Nebenziel, veränderte sich nicht.

✓ Praxis-Tipp

Sprechen Sie Ihre HNO- oder Hausarztpraxis gezielt auf eine DiGA-Verordnung an; gesetzlich Versicherte in Deutschland erhalten die App dann kostenfrei. In Österreich und der Schweiz lohnt eine Nachfrage bei der Kasse.

Quelle: Walter U, et al. Randomized controlled trial of a smartphone-based cognitive behavioral therapy for chronic tinnitus. PLOS Digit Health 2023;2(9):e0000337. Langzeitdaten: Walter U, et al. J Med Internet Res 2025;27:e59575. https://doi.org/10.1371/journal.pdig.0000337

7
Randomisiert, placebokontrolliert
Belegt

Tinnitus-App gegen Schein-App: Doppelblinde Studie zeigt echten Effekt

Eine Studie aus Japan prüft erstmals besonders streng, ob der Inhalt einer Tinnitus-App wirkt

Helfen Tinnitus-Apps wirklich – oder nur, weil man etwas tut? Ein japanisches Team um K. Wasano hat das 2026 in JAMA Otolaryngology–Head & Neck Surgery mit einer doppelblinden, scheinkontrollierten Studie untersucht. Die Antwort fällt eindeutig aus.

Worum es ging

60 Erwachsene mit leichtem bis schwerem chronischem Tinnitus nutzten 16 Wochen lang entweder eine therapeutische App mit Aufklärung und Elementen der Verhaltenstherapie oder eine äußerlich gleiche Schein-App ohne diese Funktionen. Weder Teilnehmende noch Studienteam wussten, wer welche App hatte. Danach folgte eine achtwöchige Nachbeobachtung, in der die Therapiefunktionen gesperrt waren.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Nach 16 Wochen hatte sich der Tinnitus-Fragebogen THI in der Therapie-Gruppe um 20,4 Punkte stärker verbessert als in der Schein-Gruppe.
  • Der Vorteil hielt bis Woche 24 an (18,3 Punkte), obwohl die App in dieser Phase nicht mehr therapeutisch nutzbar war.
  • Schwere Nebenwirkungen oder gefährliche Fehlfunktionen traten nicht auf.

MERKSATZ

Nicht das Smartphone hilft, sondern der therapeutische Inhalt: Eine gut gemachte App wirkt deutlich besser als eine leere Hülle.

Die ehrliche Einordnung

Mit 60 Teilnehmenden war die Studie klein und fand in einem einzigen Land statt. Getestet wurde ein Prototyp, der in Europa nicht erhältlich ist. Die Ergebnisse belegen das Prinzip – dass therapeutische App-Inhalte wirken –, lassen sich aber nicht automatisch auf jede Tinnitus-App übertragen.

✓ Praxis-Tipp

Prüfen Sie vor der Nutzung einer Tinnitus-App, ob sie auf Verhaltenstherapie beruht und ob Studien vorliegen. Reine Geräusch- oder Entspannungs-Apps ersetzen keine therapeutischen Inhalte.

Quelle: Wasano K, et al. Mobile Application as a Digital Therapeutic for Chronic Tinnitus: A Randomized Clinical Trial. JAMA Otolaryngol Head Neck Surg 2026;152(7):677–685. https://doi.org/10.1001/jamaoto.2026.0858

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Randomisierte Studie
Belegt

Digitale Tinnitus-Beratung: Studie in 33 deutschen HNO-Praxen

Funktioniert App-Beratung auch im ganz normalen Praxisalltag?

Viele Studien zu Tinnitus-Apps stammen aus spezialisierten Zentren. Ein Team um P. Brueggemann hat 2025 in der Fachzeitschrift Audiology Research untersucht, ob digitale Tinnitus-Beratung auch in gewöhnlichen HNO-Praxen hilft. Das Ergebnis ist positiv.

Worum es ging

204 Patientinnen und Patienten mit chronischem Tinnitus aus 33 HNO-Praxen in Deutschland wurden zufällig in zwei Gruppen eingeteilt. Die eine erhielt zehn Wochen lang zusätzlich zur üblichen Behandlung eine leitliniengerechte Beratung per Smartphone-App („Meine Tinnitus App“), die andere nur die übliche Behandlung. Gemessen wurde die Tinnitus-Belastung mit dem Mini-Tinnitus-Fragebogen (Mini-TQ-12).

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Die Tinnitus-Belastung sank in der App-Gruppe signifikant stärker – im Mittel um 4,5 Punkte mehr im Mini-TQ-12.
  • Auch die Alltagsbelastung und Bewältigungsschwierigkeiten verbesserten sich deutlich.
  • Die Effekte lagen im mittleren bis großen Bereich.

MERKSATZ

Gute Tinnitus-Beratung muss nicht an Sprechzeiten gebunden sein – auch per App kann sie im Alltag wirken.

Die ehrliche Einordnung

Die Studie war nicht verblindet: Die Teilnehmenden wussten, ob sie die App bekamen. Eine Schein-App gab es nicht, und die Beobachtungszeit war mit zehn Wochen kurz. Ob die Verbesserung langfristig anhält, lässt sich daraus nicht ablesen.

✓ Praxis-Tipp

Nutzen Sie digitale Beratung als Ergänzung zum Gespräch in der Praxis, nicht als Ersatz. Notieren Sie Fragen, die beim Lesen der App-Inhalte aufkommen, und bringen Sie sie zum nächsten Termin mit.

Quelle: Brueggemann P, et al. Digital Tinnitus Counseling in Clinical Practice: A Multicenter Randomized Controlled Trial. Audiol Res 2025;15(6):173. https://doi.org/10.3390/audiolres15060173

Kapitel 4

Hörversorgung und Kombination

Wenn das Gehör mitspielt: Hörgeräte, Implantate, Kombinationen

10
Großes RCT (461 Pat.)
Belegt

Tinnitus-Kombinationstherapie: Was die große UNITI-Studie zeigt

Die bislang größte europäische Tinnitus-Studie vergleicht Einzel- und Kombinationsbehandlungen

Helfen zwei Tinnitus-Behandlungen besser als eine? Das hat die europäische UNITI-Studie untersucht, veröffentlicht 2025 in Nature Communications. Das Ergebnis: Kombinationen schnitten etwas besser ab – aber aus einem anderen Grund, als man vermuten würde.

Worum es ging

An fünf Zentren in der EU wurden 461 Menschen mit chronischem Tinnitus zufällig einer von zehn Behandlungen zugeteilt: vier Einzelbausteine – kognitive Verhaltenstherapie, Hörgeräte, strukturierte Beratung per App und Klangtherapie per App – oder eine von sechs Zweierkombinationen. Die Zuteilung berücksichtigte das Hörvermögen. Hauptmaß war die Veränderung im Tinnitus-Fragebogen THI nach zwölf Wochen.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Alle Behandlungen waren sicher und führten zu spürbaren Verbesserungen.
  • Kombinationen senkten den THI-Wert im Mittel um 14,9 Punkte, Einzeltherapien um 11,7 Punkte – ein statistisch signifikanter Unterschied.
  • Einen echten Verstärkungseffekt (Synergie) fanden die Forschenden nicht.
  • Stattdessen glich ein gut wirksamer Baustein einen weniger wirksamen aus – die Autoren sprechen von einem kompensatorischen Mechanismus.

MERKSATZ

Kombinieren lohnt sich vor allem dann, wenn unklar ist, welcher Baustein im Einzelfall am besten passt.

Die ehrliche Einordnung

Eine unbehandelte Kontroll- oder Placebogruppe gab es nicht; alle Teilnehmenden erhielten eine aktive Behandlung. Ein Teil der Verbesserung kann daher auch auf Zuwendung und natürlichen Verlauf zurückgehen. Die Behandlungsdauer von zwölf Wochen sagt zudem wenig über den langfristigen Verlauf.

✓ Praxis-Tipp

Bei Hörverlust ist die Kombination aus Hörgerät und Verhaltenstherapie (auch als App) ein naheliegender, gut begründeter Start. Besprechen Sie mit Ihrer HNO-Praxis, welche zwei Bausteine für Sie infrage kommen.

Quelle: Schoisswohl S, et al. Single versus combination treatment in tinnitus: an international, multicentre, parallel-arm, superiority, randomised controlled trial. Nat Commun 2025. https://doi.org/10.1038/s41467-025-66165-1

12
Meta-Analyse
Belegt

Cochlea-Implantat bei einseitiger Taubheit: Deutlich weniger Tinnitus

Eine Meta-Analyse mit 796 Erwachsenen

Wer auf einem Ohr taub ist, leidet oft zusätzlich unter Tinnitus. Ein Team der Mayo Clinic um Ghazal Daher hat 2023 in Otology & Neurotology ausgewertet, was ein Cochlea-Implantat in dieser Situation bewirkt. Neben besserem Hören sank auch die Tinnitus-Belastung deutlich.

Worum es ging

Ein Cochlea-Implantat (CI) ist eine elektronische Innenohrprothese, die den Hörnerv direkt elektrisch anregt. Die Forschenden werteten 36 Studien mit 796 Erwachsenen aus, die auf einem Ohr ertaubt waren (einseitige Taubheit) und ein CI erhalten hatten. Im Schnitt waren sie bei der Operation 51 Jahre alt; die Taubheit bestand im Mittel seit gut sechs Jahren.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Die Tinnitus-Belastung sank im Mittel um rund 30 Punkte im Tinnitus-Fragebogen THI.
  • Das Sprachverstehen im Störgeräusch verbesserte sich, besonders wenn Störlärm von der gesunden Seite kam.
  • Die Fähigkeit, Geräusche zu orten, wurde deutlich besser.
  • Auch die selbst eingeschätzte Hörqualität und Lebensqualität stiegen.

MERKSATZ

Für Menschen mit einseitiger Taubheit und Tinnitus kann ein Cochlea-Implantat doppelt helfen: beim Hören und beim Ohrgeräusch.

Die ehrliche Einordnung

Die meisten eingeschlossenen Studien verglichen Werte vor und nach der Operation, ohne Kontrollgruppe. Die Teilnehmenden waren sorgfältig ausgewählte Kandidaten; das Ergebnis gilt also nicht für Tinnitus bei normalem oder nur leicht vermindertem Gehör. Ein CI erfordert eine Operation und intensives Hörtraining.

✓ Praxis-Tipp

Wenn Sie auf einem Ohr taub sind und unter Tinnitus leiden, lassen Sie sich in einem Cochlea-Implantat-Zentrum beraten. Dort wird geprüft, ob Sie als Kandidatin oder Kandidat infrage kommen.

Quelle: Daher GS, Kocharyan A, Dillon MT, Carlson ML. Cochlear Implantation Outcomes in Adults With Single-Sided Deafness: A Systematic Review and Meta-analysis. Otol Neurotol 2023;44(4):297–309. https://doi.org/10.1097/MAO.0000000000003833

Kapitel 5

Neue Geräte und Neuromodulation

Ton plus Reiz, Magnet- und Stromstimulation: der kritische Blick

13
RCT ohne Placebo-Arm
Mit Vorbehalt

Lenire bei Tinnitus: Was die erste große Studie zeigt

Ton plus Zungenreiz: die TENT-A1-Studie mit 326 Teilnehmenden

Lenire ist eines der meistdiskutierten Tinnitus-Geräte der letzten Jahre. Die erste große Studie dazu erschien 2020 in Science Translational Medicine. Sie zeigt deutliche Verbesserungen – hat aber eine Schwäche, die man kennen sollte.

Worum es ging

Das Gerät kombiniert Töne über Kopfhörer mit schwachen elektrischen Impulsen auf der Zunge – man spricht von bimodaler Neuromodulation. Die Idee aus Tierversuchen: Zwei gleichzeitige Sinnesreize können das Hörsystem im Gehirn „umprogrammieren“. In der TENT-A1-Studie um Brendan Conlon nutzten 326 Erwachsene mit chronischem Tinnitus das Gerät zwölf Wochen lang, verteilt auf drei Gruppen mit unterschiedlichen Stimulationseinstellungen. Beobachtet wurde bis zwölf Monate nach Behandlungsende.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • In allen drei Gruppen sank die Tinnitus-Belastung zum Behandlungsende deutlich, gemessen mit THI und TFI – mit großen Effektstärken.
  • Bei bestimmten Einstellungen hielt die Verbesserung bis zwölf Monate nach Therapieende an.
  • Therapietreue und Zufriedenheit waren hoch; behandlungsbedingte schwere Nebenwirkungen traten nicht auf.

MERKSATZ

Die TENT-A1-Studie ist ein vielversprechender Startpunkt – aber noch kein Beweis, dass Lenire besser wirkt als eine Scheinbehandlung.

Die ehrliche Einordnung

Alle drei Gruppen erhielten eine aktive Stimulation – eine Scheinbehandlung mit Placebo-Gerät gab es nicht. Wie viel der Verbesserung auf das Gerät selbst und wie viel auf Erwartung, Zuwendung oder natürlichen Verlauf zurückgeht, lässt sich daher nicht sicher trennen. Die Studie wurde vom Hersteller durchgeführt; die Autoren bezeichnen sie selbst als explorativ.

✓ Praxis-Tipp

Wenn Sie Lenire erwägen: Klären Sie vorher Hörstatus und Belastungsgrad und fragen Sie nach Kosten, Therapiedauer und Nachbetreuung. Basismaßnahmen wie Beratung und Verhaltenstherapie sollten bereits ausgeschöpft sein.

Quelle: Conlon B, Langguth B, et al. Bimodal neuromodulation combining sound and tongue stimulation reduces tinnitus symptoms in a large randomized clinical study. Sci Transl Med 2020;12(564):eabb2830. https://doi.org/10.1126/scitranslmed.abb2830

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Einarmige Zulassungsstudie
Mit Vorbehalt

Lenire-Zulassungsstudie: Wer vom Tinnitus-Gerät profitiert – und wer nicht

Die TENT-A3-Studie führte zur US-Zulassung – mit einer wichtigen Einschränkung

Die TENT-A3-Studie, 2024 in Nature Communications veröffentlicht, war die Grundlage für die Zulassung des Tinnitus-Geräts Lenire durch die US-Behörde FDA. Sie zeigt: Ein Vorteil gegenüber reiner Klangtherapie fand sich nur bei stärker belasteten Menschen.

Worum es ging

112 Teilnehmende mit chronischem Tinnitus dienten als ihre eigene Kontrollgruppe: Sechs Wochen lang erhielten sie nur Klangtherapie über das Gerät, danach sechs Wochen die Kombination aus Ton und elektrischer Zungenstimulation. Als „Ansprecher“ galt, wer sich im Tinnitus-Fragebogen THI um mehr als 7 Punkte verbesserte.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Bei mittelschwerem oder schwererem Tinnitus sprachen 58,6 % auf die Kombination an, gegenüber 43,2 % auf Klangtherapie allein.
  • Ein zweiter Fragebogen (TFI) bestätigte das: 45,5 % gegenüber 29,6 % Ansprecher.
  • In der Gesamtgruppe inklusive leichtem Tinnitus zeigte sich kein Vorteil der Kombination.
  • Gerätebedingte schwere Nebenwirkungen traten nicht auf.

MERKSATZ

Wenn Lenire hilft, dann am ehesten bei mittelschwerem bis schwerem Tinnitus – bei leichtem Tinnitus ist das Gerät nicht sinnvoll.

Die ehrliche Einordnung

Die Studie war einarmig: Alle erhielten erst Klang, dann die Kombination – immer in dieser Reihenfolge. Ein Teil der Verbesserung in der zweiten Phase kann daher schlicht auf die längere Behandlungsdauer oder die natürliche Besserung zurückgehen. Eine Scheinbehandlung fehlte auch hier. Durchgeführt wurde die Studie vom Hersteller.

✓ Praxis-Tipp

Lassen Sie Ihren Belastungsgrad mit einem standardisierten Fragebogen (z. B. THI oder Tinnitus-Fragebogen nach Goebel und Hiller) bestimmen, bevor Sie über ein Gerät entscheiden. Das Ergebnis ist ein wichtiges Entscheidungskriterium.

Quelle: Boedts M, Buechner A, et al. Combining sound with tongue stimulation for the treatment of tinnitus: a multi-site single-arm controlled pivotal trial. Nat Commun 2024;15:6806. https://doi.org/10.1038/s41467-024-50473-z

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Doppelblind, Crossover
Vielversprechend

Somatischer Tinnitus: Ton plus Hautreiz macht ihn leiser

Eine doppelblinde Studie der Universität Michigan

Bei manchen Menschen verändert sich der Tinnitus, wenn sie den Kiefer bewegen, die Zähne zusammenbeißen oder den Kopf drehen – man spricht von somatischem Tinnitus. Ein Team der Universität Michigan um G. R. Jones und Susan Shore hat dafür eine gezielte Behandlung getestet. Die Ergebnisse erschienen 2023 in JAMA Network Open.

Worum es ging

Grundlage ist Tierforschung: Im Hirnstamm (dem dorsalen Cochleariskern) laufen Hör- und Körperreize zusammen. Präzise zeitlich abgestimmte Kombinationen aus Ton und leichtem elektrischen Hautreiz an Wange oder Nacken sollen dort überaktive Nervenzellen beruhigen. 99 Erwachsene mit belastendem somatischem Tinnitus nutzten ein Heimgerät täglich 30 Minuten – sechs Wochen die Kombination und sechs Wochen nur Töne, in zufälliger Reihenfolge und doppelblind.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Nur die Kombination senkte die Belastung klinisch relevant: um 12 Punkte im Tinnitus Functional Index (TFI) nach sechs Wochen.
  • Der Tinnitus wurde um mehr als 6 dB leiser – subjektiv mehr als halb so laut; nach weiteren sechs Wochen bis zu 11 dB.
  • Reine Tonbehandlung hatte kaum Wirkung.
  • Die Verbesserungen hielten auch in den behandlungsfreien Pausen an.

MERKSATZ

Verändert sich Ihr Tinnitus mit Kiefer- oder Kopfbewegungen, ist das ein wichtiger Hinweis – für die Diagnose und für künftige Therapien.

Die ehrliche Einordnung

Die Studie schloss nur Menschen mit somatischem Tinnitus ein und fand an einem einzigen Zentrum statt. Die Teilnehmenden waren überwiegend weiß und im Mittel 47 Jahre alt. Die Studie stammt von der Arbeitsgruppe, die das Verfahren entwickelt hat. Das Gerät ist bislang nicht breit verfügbar.

✓ Praxis-Tipp

Testen Sie vorsichtig, ob sich Ihr Tinnitus beim Zähnezusammenbeißen, Kieferverschieben oder Kopfdrehen verändert, und berichten Sie das ärztlich. Bei somatischem Tinnitus kann auch eine Untersuchung von Kiefergelenk und Halswirbelsäule sinnvoll sein.

Quelle: Jones GR, et al. Reversing Synchronized Brain Circuits Using Targeted Auditory-Somatosensory Stimulation to Treat Phantom Percepts: A Randomized Clinical Trial. JAMA Netw Open 2023;6(6):e2315914. https://doi.org/10.1001/jamanetworkopen.2023.15914

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Meta-Analyse
Gemischt

Neuromodulation bei Tinnitus: Welche Stimulation wirkt – und welche nicht

Eine Meta-Analyse von 26 randomisierten Studien bringt Ordnung in das Gerätefeld

Magnetspulen am Kopf, Strom über die Kopfhaut, Reize an Ohr oder Zunge: Das Angebot an Stimulationsverfahren gegen Tinnitus wächst. Eine Meta-Analyse um D. Kitsis, 2026 in The Laryngoscope veröffentlicht, hat die randomisierten Studien der letzten zehn Jahre verglichen – mit ernüchternden und ermutigenden Ergebnissen.

Worum es ging

Neuromodulation bedeutet, die Aktivität von Nervenzellen durch äußere Reize gezielt zu verändern. Eingeschlossen wurden 26 randomisierte Studien mit 1.576 Erwachsenen mit chronischem Tinnitus aus den Jahren 2015 bis 2025: transkranielle Elektrostimulation (tES/tDCS, 11 Studien), repetitive transkranielle Magnetstimulation (rTMS, 8), Vagusnerv-Stimulation (2), akustisches „Coordinated Reset“ (1) und bimodale Stimulation (4).

Die wichtigsten Ergebnisse

  • tDCS zeigte im Mittel keinen sicheren Nutzen gegenüber Schein- oder Kontrollbehandlung.
  • Auch rTMS brachte im Mittel keinen signifikanten Vorteil.
  • Coordinated Reset war in der einzigen Studie nicht besser als breitbandiges Rauschen.
  • Die Vagusnerv-Stimulation zeigte bescheidene Effekte; Sicherheitsbedenken betrafen nur implantierte Varianten.
  • Bimodale Stimulation brachte die beständigsten, klinisch bedeutsamen Verbesserungen, oft um 10 bis 20 Punkte in THI oder TFI, mit Effekten bis zu zwölf Monate.

MERKSATZ

Nicht jedes Gerät, das mit Hirnstimulation wirbt, hilft bei Tinnitus – rTMS und tDCS sind nach heutigem Stand keine Standardtherapie.

Die ehrliche Einordnung

Für die meisten Verfahren gab es nur wenige, teils kleine Studien mit unterschiedlichen Protokollen. Für die bimodale Stimulation lagen nur vier Studien vor, überwiegend ohne echte Scheinbehandlung. Die Autoren fordern selbst größere, einheitlich aufgebaute Studien mit langer Nachbeobachtung.

✓ Praxis-Tipp

Fragen Sie bei jedem Stimulationsangebot nach randomisierten, scheinkontrollierten Studien zu genau diesem Verfahren. Nebenwirkungen nicht-invasiver Methoden waren in der Analyse mild – das Hauptrisiko ist, Zeit und Geld zu verlieren.

Quelle: Kitsis D, Sideris G, et al. Neuromodulation for Subjective Tinnitus: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Trials. Laryngoscope 2026;136(10):4152–4166. https://doi.org/10.1002/lary.70633

Kapitel 6

Medikamente und Mythen

Tabletten, Ginkgo und der Placebo-Effekt

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Netzwerk-Meta-Analyse
Sehr geringe Evidenz

Medikamente gegen Tinnitus: Was 60 Studien wirklich zeigen

Eine Netzwerk-Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 – und warum Vorsicht bei den Rankings geboten ist

Viele Betroffene hoffen auf eine Tablette gegen das Ohrgeräusch. Ein chinesisches Forschungsteam um P. Li hat 2025 im BMJ Open 60 Medikamentenstudien in einer Netzwerk-Meta-Analyse verglichen. Die Ranglisten klingen verheißungsvoll – die Aussagekraft ist es nicht.

Worum es ging

Eine Netzwerk-Meta-Analyse vergleicht viele Behandlungen gleichzeitig, auch wenn sie nie direkt gegeneinander getestet wurden. Eingeschlossen wurden 60 randomisierte Studien aus 21 Ländern zu Medikamenten bei subjektivem Tinnitus. Betrachtet wurden Tinnitus-Schwere, Lästigkeit und Lautheit. Die Studienqualität wurde systematisch bewertet: Nur 22 % hatten ein geringes Verzerrungsrisiko.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Rechnerisch schnitten Ginkgo biloba mit Vitaminen (Schwere), Acamprosat (Lästigkeit) und Fluoxetin (Lautheit) am besten ab.
  • Die Gewissheit der Evidenz wurde nach dem GRADE-System als sehr gering eingestuft.
  • Im Netzwerk gab es mehrere widersprüchliche Vergleiche und eine erhebliche Streuung der Ergebnisse.
  • Die Autoren sehen Antioxidantien und GABA-Agonisten als „vielversprechend“ und fordern größere, bessere Studien.

MERKSATZ

Eine gute Platzierung in einer Rangliste ist kein Wirksamkeitsnachweis – bei sehr geringer Evidenz bleibt die Frage offen.

Die ehrliche Einordnung

Die sehr großen berechneten Effekte einzelner Mittel stammen aus wenigen, oft kleinen Studien mit Qualitätsmängeln. Sie widersprechen zudem hochwertigeren Einzelanalysen – etwa dem Cochrane-Review, der für Ginkgo keinen Nutzen fand. Leitlinien empfehlen daher weiterhin kein Medikament zur Behandlung des Tinnitus selbst.

✓ Praxis-Tipp

Nehmen Sie keine Medikamente „gegen Tinnitus“ auf eigene Faust ein. Medikamente können aber sinnvoll sein, wenn Schlafstörungen, Angst oder Depression hinzukommen – das gehört in ärztliche Hände.

Quelle: Li P, et al. Pharmacotherapy options for the management of subjective tinnitus: a systematic review and network meta-analysis. BMJ Open 2025;15(5):e096995. https://doi.org/10.1136/bmjopen-2024-096995

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Cochrane-Review
Nicht empfohlen

Ginkgo bei Tinnitus: Was der Cochrane-Review sagt

12 Studien, 1.915 Teilnehmende: Die unabhängige Bewertung eines Klassikers

Ginkgo-Präparate gehören zu den am häufigsten gekauften Mitteln gegen Ohrgeräusche. Die Cochrane Collaboration hat 2022 alle randomisierten Studien dazu ausgewertet. Das Ergebnis ist ernüchternd.

Worum es ging

Ginkgo biloba ist ein Pflanzenextrakt aus den Blättern des Ginkgobaums, dem durchblutungsfördernde und antioxidative Wirkungen zugeschrieben werden. Das Team um Magdalena Sereda schloss 12 randomisierte Studien mit insgesamt 1.915 Teilnehmenden ein. Elf verglichen Ginkgo mit Placebo, eine Ginkgo plus Hörgerät mit Hörgerät allein.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Auf die Tinnitus-Schwere hatte Ginkgo nach drei bis sechs Monaten wahrscheinlich wenig bis keinen Effekt im Vergleich zu Placebo (THI-Unterschied: 1,35 Punkte auf einer Skala bis 100).
  • Auch bei Lautheit und Lebensqualität zeigte sich kaum ein Unterschied.
  • Schwere Nebenwirkungen wie Blutungen oder Krampfanfälle traten in den Studien nicht gehäuft auf.

MERKSATZ

Ginkgo ist nach heutigem Wissen keine wirksame Tinnitus-Behandlung – das Geld ist anderswo besser investiert.

Die ehrliche Einordnung

Die Studienqualität war überwiegend schwach: Das Verzerrungsrisiko war meist hoch oder unklar, und die Studien maßen sehr unterschiedlich, sodass nur wenige Daten zusammengeführt werden konnten. Die Autoren bewerten die Gewissheit der Evidenz als gering bis sehr gering. Einen Nutzen belegen die Daten aber nicht.

✓ Praxis-Tipp

Wenn Sie Ginkgo einnehmen, besprechen Sie das ärztlich – besonders, wenn Sie Blutverdünner wie ASS, Clopidogrel oder Antikoagulanzien nehmen, da Ginkgo die Blutungsneigung erhöhen kann.

Quelle: Sereda M, Xia J, et al. Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database Syst Rev 2022;11(11):CD013514. https://doi.org/10.1002/14651858.CD013514.pub2

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Meta-Analyse
Grundlagenwissen

Der Placebo-Effekt bei Tinnitus: Warum Wundermittel scheinbar wirken

Eine Meta-Analyse aus 23 Medikamentenstudien macht den Effekt messbar

„Bei mir hat es geholfen“ – solche Berichte finden sich zu fast jedem Tinnitus-Mittel. Eine Meta-Analyse, 2024 in Otology & Neurotology erschienen, zeigt, wie viel Verbesserung allein durch Placebo entsteht. Das hilft, Heilversprechen besser einzuordnen.

Worum es ging

Ein Placebo ist ein Scheinmedikament ohne Wirkstoff. Das Team um R. K. Walters wertete die Placebo-Gruppen aus 23 randomisierten, placebokontrollierten Studien aus, in denen Tinnitus mit Tabletten oder Injektionen ins Mittelohr behandelt wurde. Verglichen wurden die Tinnitus-Werte vor und nach der Scheinbehandlung.

Die wichtigsten Ergebnisse

  • Unter Placebo verbesserte sich der Tinnitus-Fragebogen THI im Mittel um 5,6 Punkte – ein statistisch klarer Effekt.
  • Die empfundene Lautheit sank leicht (0,8 Punkte auf einer visuellen Skala).
  • Lästigkeit und Wahrnehmungshäufigkeit veränderten sich unter Placebo kaum.
  • Die Verbesserungen durch echte Behandlungen fielen laut den Autoren deutlicher aus als die Placebo-Effekte.

MERKSATZ

Ein Mittel ist erst dann wirksam, wenn es besser abschneidet als Placebo – Erfahrungsberichte können das nicht zeigen.

Die ehrliche Einordnung

Eingeschlossen waren nur englischsprachige Studien mit Tabletten oder Mittelohr-Injektionen; Geräte, Operationen und Psychotherapie wurden nicht betrachtet. Die Verbesserung unter Placebo umfasst neben Erwartungseffekten auch den natürlichen Verlauf und statistische Effekte. Sie ist also nicht allein „Einbildung“.

✓ Praxis-Tipp

Fragen Sie bei jedem Tinnitus-Angebot: Gibt es eine Studie mit Placebo- oder Schein-Vergleich? Eine Verbesserung um wenige Punkte ist auch ohne Wirkstoff zu erwarten.

Quelle: Walters RK, et al. The Placebo Effect on Tinnitus: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Otol Neurotol 2024;45(4):e263–e270. https://doi.org/10.1097/MAO.0000000000004139

Alle Ergebnisse auf einen Blick

Behandlung Studien Einordnung
Beratung und Aufklärung Leitlinien Immer der erste Schritt
Kognitive Verhaltenstherapie Nr. 1, 2, 4 Am besten belegt
Achtsamkeit (MBCT) Nr. 9 Wirksame Alternative
KVT-Apps / DiGA Nr. 5–8 Belegt, in Deutschland auf Rezept
Hörgeräte bei Hörverlust Nr. 1, 10 Empfohlen
Cochlea-Implantat (einseitige Taubheit) Nr. 12 Deutliche Linderung
Tinnitus-Retraining-Therapie Nr. 11 Nicht besser als Standardbetreuung
Lenire (Ton + Zungenreiz) Nr. 13, 14, 16 Option bei starker Belastung, ohne echtes Placebo
Ton + Hautreiz (somatischer Tinnitus) Nr. 15 Vielversprechend, kaum verfügbar
rTMS / tDCS Nr. 16 Im Mittel kein sicherer Nutzen
Medikamente gegen Tinnitus Nr. 2, 17 Nicht empfohlen
Ginkgo, Zink, Vitamine Nr. 1, 18 Nicht empfohlen

✓ Praxis-Tipp: Ihr Fahrplan in vier Schritten

  • 1Warnzeichen ausschließen und Gehör sowie Belastung standardisiert testen lassen
  • 2Bei Hörminderung Hörgeräte ausprobieren
  • 3Verhaltenstherapie beginnen – in Präsenz, online oder als geprüfte App
  • 4Erst wenn das nicht reicht: Geräteverfahren mit Fachleuten besprechen

Häufige Fragen

Welche Tinnitus-Behandlung ist am besten belegt?

Die kognitive Verhaltenstherapie – in Präsenz, online oder als geprüfte App. Bei Hörminderung gehören Hörgeräte dazu.

Gibt es ein Medikament gegen Tinnitus?

Nein. Kein Medikament ist für Tinnitus zugelassen, und Leitlinien raten von Tabletten gegen den Ton selbst ab. Medikamente können aber Begleitprobleme wie Schlafstörung oder Depression lindern.

Hilft Ginkgo bei Tinnitus?

Laut Cochrane-Review wahrscheinlich wenig bis gar nicht. Bei Einnahme von Blutverdünnern ist zudem Vorsicht geboten.

Lohnt sich Lenire?

Am ehesten bei mittelschwerem bis schwerem Tinnitus, wenn Basismaßnahmen nicht reichen. Bei leichtem Tinnitus zeigte die Zulassungsstudie keinen Vorteil; echte Placebo-Vergleiche fehlen.

Kann ich eine Tinnitus-App auf Rezept bekommen?

In Deutschland ja – die DiGA Kalmeda kann ärztlich verordnet werden. In Österreich und der Schweiz gelten andere Regeln.

⚠ Wichtiger Hinweis

Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Die Zusammenfassungen beruhen auf den veröffentlichten Studien und ihren Kurzfassungen. Bei neu aufgetretenem, einseitigem oder pulsierendem Tinnitus, bei plötzlichem Hörverlust oder starker Belastung wenden Sie sich bitte an eine HNO-Praxis oder Ihre Hausarztpraxis.

Stand: September 2026