Abnehmspritze absetzen: Kann Unterstützung den Jo-Jo-Effekt bremsen?
Eine kleine US-Pilotstudie testete eine App und Fertigmahlzeiten für die Zeit nach der Spritze – ein interessanter Ansatz, aber noch kein Beweis.
Wer die Abnehmspritze absetzt, nimmt meist wieder zu. Ein US-Forschungsteam hat nun erstmals in einer randomisierten Pilotstudie getestet, ob gezielte Unterstützung ab dem Absetzen das bremsen kann. Mit einer Abnehm-App oder mit gelieferten, kalorienarmen Fertigmahlzeiten stieg das Gewicht in den ersten vier Monaten deutlich weniger als ohne diese Hilfe. Die Studie mit 39 Teilnehmenden ist allerdings sehr klein.1
Abnehmspritze absetzen: Warum das Gewicht zurückkommt
Abnehmspritzen wie Semaglutid (Wegovy) oder Tirzepatid (Mounjaro) ahmen Darmhormone nach, die satt machen und den Appetit dämpfen. Fällt diese Wirkung weg, kehren Hunger und Appetit zurück – und mit ihnen das Gewicht. Das zeigen große Studien sehr deutlich:
- ▸ Semaglutid: In einer Verlängerung der Zulassungsstudie STEP 1 hatten die Teilnehmenden unter der Spritze im Schnitt 17,3 Prozent abgenommen. Ein Jahr nach dem Ende von Spritze und Lebensstilprogramm hatten sie rund zwei Drittel davon wieder zugenommen. Auch Blutdruck, Blutzucker und andere Herz-Kreislauf-Werte näherten sich größtenteils wieder den Ausgangswerten an.2
- ▸ Tirzepatid: In der Studie SURMOUNT-4 nahmen die Teilnehmenden zunächst 36 Wochen lang Tirzepatid und verloren dabei im Schnitt 20,9 Prozent ihres Gewichts. Wer danach auf ein Scheinmedikament wechselte, nahm im folgenden Jahr wieder 14 Prozent zu. Wer weiterbehandelt wurde, nahm noch einmal 5,5 Prozent ab.3
- ▸ Wie schnell? Eine Metaanalyse – eine gemeinsame Auswertung vieler Studien – fand einen deutlichen Wiederanstieg bereits ab etwa acht Wochen nach dem Absetzen von Abnehmmedikamenten. Nach zwölf Wochen war er nur bei GLP-1-basierten Mitteln deutlich nachweisbar.4
Die Autoren der STEP-1-Verlängerung sehen darin eine Bestätigung, dass Adipositas eine chronische Erkrankung ist, die eine dauerhafte Behandlung braucht.2 Trotzdem setzen viele Menschen die Spritze irgendwann ab – etwa wegen der Kosten, wegen Nebenwirkungen oder weil sie ihr Zielgewicht erreicht haben.1 Wie man sie in dieser Phase am besten unterstützt, ist kaum untersucht.
So lief die Pilotstudie ab
Das Team um Kelseanna Hollis-Hansen (Food is Medicine Institute der Tufts University) und Forschende des UT Southwestern Medical Center in Dallas veröffentlichte die Studie im Fachjournal Obesity Science & Practice. Sie lief von März 2024 bis August 2025 komplett aus der Ferne.1
- ▸ Teilnehmende: 39 Erwachsene, im Schnitt knapp 50 Jahre alt, 82 Prozent Frauen. Alle hatten mit einem GLP-1-Medikament mehr als 10 Prozent abgenommen – im Mittel 18,1 Prozent – und es vor höchstens 30 Tagen beendet. Am häufigsten war das Semaglutid, teils in Kombination mit Cagrilintid, seltener Tirzepatid.
- ▸ Drei Gruppen, per Los verteilt: normale Versorgung (14 Personen), die Abnehm-App Noom (12 Personen) oder gelieferte Fertigmahlzeiten (13 Personen) – jeweils vier Monate lang und für die Teilnehmenden kostenlos.
- ▸ App-Gruppe: Die App arbeitet mit Methoden der Verhaltenspsychologie, etwa Ernährungs- und Gewichtsprotokoll und Lektionen zum Umgang mit Essauslösern. Empfohlen waren 15 Minuten täglich.
- ▸ Mahlzeiten-Gruppe: Die Teilnehmenden wählten pro Woche 10 von Ernährungsfachleuten entwickelte Fertiggerichte aus über 70 Angeboten, die nach Hause geliefert wurden. Hauptmahlzeiten hatten 160 bis 460 Kilokalorien, Frühstücke 130 bis 310.
- ▸ Messung: Das Gewicht wurde mit einer Bluetooth-Waage zu Hause erfasst, mindestens einmal im Monat.
- ▸ Hauptziel: Vorrangig sollte geprüft werden, ob die Teilnehmenden die Angebote nutzen und zufrieden sind. Das Gewicht war ein erkundendes Nebenergebnis.
Die Ergebnisse: Deutlich weniger Wiederzunahme
| Gruppe | Gewichtszunahme nach 4 Monaten (Schätzung) | Zunahme pro Monat |
|---|---|---|
| Normale Versorgung | 10,75 % | 2,94 % |
| Abnehm-App | 3,60 % | 0,42 % |
| Fertigmahlzeiten | 3,58 % | 0,61 % |
Werte aus einem statistischen Modell; die Monatswerte stammen aus einer eigenen Steigungsschätzung und ergeben mal vier nicht exakt die Gesamtwerte. Quelle: Hollis-Hansen et al., Obesity Science & Practice 20261
Beide Unterstützungsgruppen nahmen damit rund 7 Prozentpunkte weniger zu als die Vergleichsgruppe. Die Unterschiede waren statistisch signifikant. Auch als die Forschenden berücksichtigten, wie viel jemand zuvor abgenommen hatte und wie schwer er zu Beginn war, blieben sie bestehen, wenn auch etwas kleiner (rund 6 Prozentpunkte).1
Bei Ernährungsqualität, empfundener Gesundheit, Therapietreue und Zufriedenheit fanden sich dagegen keine klaren Unterschiede. Unerwünschte Ereignisse wurden nicht berichtet. Die Mahlzeiten-Gruppe aß im Schnitt gut 8 der 10 Gerichte pro Woche, die App wurde im Schnitt an knapp 3 Tagen pro Woche genutzt.1
Das Absetzen der Abnehmspritze ist kein Ende, sondern ein Übergang – und der sollte geplant sein, bevor die letzte Spritze gesetzt ist.
Die ehrliche Einordnung
Die Autorinnen und Autoren formulieren selbst vorsichtig: Strukturierte Unterstützung könnte die frühe Gewichtszunahme abschwächen; größere, vielfältigere und längere Studien seien nötig.1 Dafür gibt es gute Gründe:
- ⚠ Sehr klein: Geplant waren 60 Teilnehmende, erreicht wurden 39; nur 34 schlossen die letzte Wiegung ab. Die Studie war laut Autoren nicht darauf ausgelegt, die Wirksamkeit sicher nachzuweisen.
- ⚠ Ungleiche Gruppen: In der Vergleichsgruppe waren ausschließlich Frauen; sie hatten zu Beginn den niedrigsten BMI und zuvor am meisten abgenommen (21,2 Prozent). In einer Metaanalyse zeigten vor allem Studien mit größerem Gewichtsverlust eine deutliche Wiederzunahme.4 Die Bereinigung um Gewichtsverlust und Ausgangsgewicht verkleinerte den Effekt etwas.
- ⚠ Nur vier Monate: Die großen Studien zeigen, dass die Wiederzunahme über ein Jahr und länger weitergeht.2,3 Ob App oder Mahlzeiten sie dauerhaft bremsen oder nur verzögern, ist offen.
- ⚠ Wenig vielfältig: Die Teilnehmenden waren überwiegend Frauen, gut gebildet und mit stabilem Einkommen. Die „normale Versorgung“ war nicht einheitlich geregelt.
- ⚠ Interessenkonflikte: Die Erstautorin erhielt nach Abschluss der Studie Forschungsgeld vom App-Anbieter Noom für eine größere Folgestudie; laut Angabe hatte die Firma keinen Einfluss auf diese Arbeit. Eine Mitautorin hat zahlreiche Verbindungen zu Herstellern von Abnehmmedikamenten.
- ⚠ USA-Kontext: „Medically tailored meals“ sind in den USA ein eigenes Versorgungsangebot (dort rund 372 US-Dollar pro Monat). In Deutschland und Österreich gibt es dafür kein direktes Gegenstück.
Was Sie jetzt tun können
Die wichtigste Erkenntnis kommt aus den großen Studien: Ohne Medikament kommt das Gewicht bei den meisten zurück, mit fortgesetzter Behandlung bleibt es stabil oder sinkt weiter.2,3 Die neue Pilotstudie deutet an, dass strukturierte Begleitung den Übergang zumindest in den ersten Monaten erleichtern könnte.1
- ✓ Nicht spontan aufhören: Besprechen Sie das Absetzen vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt – auch die Frage, ob eine Weiterbehandlung für Sie sinnvoll ist.
- ✓ Ab dem ersten Tag einen Plan haben: In der Studie begann die Unterstützung unmittelbar nach dem Absetzen – nicht erst, wenn die Waage wieder steigt.1
- ✓ Struktur statt Willenskraft: Feste Mahlzeiten mit kontrollierten Portionen oder ein begleitendes Programm nehmen Entscheidungen ab, wenn der Appetit zurückkommt.
- ✓ Gewicht im Blick behalten: Regelmäßiges Wiegen hilft, eine Zunahme früh zu bemerken und rechtzeitig gegenzusteuern.
- ✓ Rückfall ist kein Versagen: Die Wiederzunahme nach dem Absetzen ist biologisch erklärbar und wurde in allen großen Studien beobachtet.2,3,4
Häufige Fragen zum Absetzen der Abnehmspritze
Nicht jeder gleich stark, aber im Durchschnitt deutlich: In STEP 1 kamen binnen eines Jahres rund zwei Drittel des verlorenen Gewichts zurück.2 In SURMOUNT-4 hielten nach einem Jahr ohne Medikament nur 16,6 Prozent mindestens 80 Prozent ihres Gewichtsverlusts.3
Eine Metaanalyse fand einen messbaren Anstieg bereits rund acht Wochen nach dem Absetzen.4 In der Pilotstudie lag die Zunahme ohne zusätzliche Unterstützung nach vier Monaten bei geschätzt knapp 11 Prozent.1
In der Pilotstudie war die Wiederzunahme mit App deutlich geringer, obwohl die App im Schnitt nur an knapp drei Tagen pro Woche genutzt wurde. Bei 12 Personen in der App-Gruppe und vier Monaten Beobachtung ist das ein erster Hinweis, kein Beweis.1
Größtenteils nicht: In der STEP-1-Verlängerung kehrten die meisten Herz-Kreislauf- und Stoffwechselwerte ein Jahr nach dem Absetzen in Richtung Ausgangswert zurück.2
Das ist eine individuelle Entscheidung, die Nutzen, Nebenwirkungen und Kosten abwägt. Die Studien zeigen, dass fortgesetzte Behandlung das Gewicht hält.3 Besprechen Sie Ihre Situation mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Beginnen, ändern oder beenden Sie eine Therapie mit Abnehmmedikamenten nur in Absprache mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
- Hollis-Hansen K, Vonderschmidt A, Haskins C et al.: Preventing Weight Regain After Glucagon-Like Peptide-1 Therapy Discontinuation: A Pilot Randomized Controlled Trial. Obes Sci Pract 2026;12(5):e70194. doi:10.1002/osp4.70194
- Wilding JPH, Batterham RL, Davies M et al.: Weight regain and cardiometabolic effects after withdrawal of semaglutide: The STEP 1 trial extension. Diabetes Obes Metab 2022;24(8):1553–1564. doi:10.1111/dom.14725
- Aronne LJ, Sattar N, Horn DB et al.: Continued Treatment With Tirzepatide for Maintenance of Weight Reduction in Adults With Obesity: The SURMOUNT-4 Randomized Clinical Trial. JAMA 2024;331(1):38–48. doi:10.1001/jama.2023.24945
- Wu H, Yang W, Guo T et al.: Trajectory of the body weight after drug discontinuation in the treatment of anti-obesity medications. BMC Med 2025;23(1):398. doi:10.1186/s12916-025-04200-0
Zuletzt medizinisch geprüft: Oktober 2026



