Bakterien auf der Zunge und Denkleistung: Was eine neue Studie wirklich zeigt
Forschende aus Exeter und Brüssel finden Spuren – aber keinen Beweis
Auf Ihrer Zunge leben Hunderte Bakterienarten. Einige davon könnten mit Ihrer geistigen Leistungsfähigkeit zusammenhängen: Ein Team der University of Exeter und der Vrije Universiteit Brussel hat bei 60 gesunden Erwachsenen untersucht, wie Mundbakterien und Gehirn zusammenhängen. Die Studie erschien im Oktober 2026 im Fachjournal PLOS One.1 Das Ergebnis ist spannend, aber deutlich bescheidener, als manche Schlagzeile vermuten lässt.
Warum Forschende auf die Zunge schauen
Der Hintergrund ist ein Stoffwechselweg, den viele nicht kennen: Wenn Sie nitratreiches Gemüse essen – etwa Rote Bete, Rucola oder Spinat –, gelangt das Nitrat ins Blut und wird von den Speicheldrüsen wieder in den Mund abgegeben. Dort wandeln bestimmte Bakterien, vor allem auf dem Zungenrücken, Nitrat in Nitrit um. Aus Nitrit kann der Körper Stickstoffmonoxid (NO) bilden, einen Botenstoff, der Blutgefäße weit stellt.1
Ohne die passenden Mundbakterien funktioniert dieser Weg schlechter. So senkte eine antiseptische Mundspülung mit Chlorhexidin in einer Studie mit 36 gesunden Personen nach sieben Tagen die Nitritwerte in Speichel und Blut.4 Da eine gute Durchblutung auch für das Gehirn wichtig ist, liegt die Frage nahe: Hängt die Bakterienzusammensetzung im Mund mit der Denkleistung zusammen?
Dazu kommt ein zweiter Strang: Bakterien, die typisch für Parodontitis sind (eine chronische Entzündung des Zahnhalteapparats), werden seit Jahren mit Gedächtnisabbau und Demenz in Verbindung gebracht. Eine Meta-Analyse aus 47 Langzeitstudien fand ein leicht erhöhtes Risiko für geistigen Abbau und Demenz bei schlechter Zahnfleischgesundheit, stufte die Qualität der Evidenz aber als niedrig ein.2
So lief die Studie ab
Die Forschenden rekrutierten je 30 Personen in Exeter (Großbritannien) und Brüssel (Belgien), jeweils 15 jüngere (im Mittel Anfang bis Mitte 20) und 15 ältere Erwachsene (im Mittel zwischen Anfang 60 und Anfang 70). Alle waren gesund, rauchten nicht, nahmen keine Antibiotika und nutzten nicht regelmäßig Mundspülungen.1
- ▸ Zungenabstrich: Die Bakterien wurden per Gensequenzierung (16S-rRNA – ein „genetischer Fingerabdruck“ von Bakterien) bestimmt.
- ▸ Blut und Speichel: Gemessen wurden Nitrat und Nitrit.
- ▸ Blutdruck: inklusive mittlerem arteriellem Druck (MAP, der durchschnittliche Druck in den Arterien).
- ▸ Denktests: zehn Tablet-Tests zu Gedächtnis, Aufmerksamkeit, räumlichem Denken, Gefühlserkennung und Risikoentscheidungen.
Die wichtigsten Ergebnisse
1. Der Wohnort prägt die Mundflora. Die Bakteriengemeinschaften unterschieden sich zwischen Großbritannien und Belgien. Unter allen gemessenen Faktoren war der Ort der einzige, der die Zusammensetzung statistisch signifikant erklärte.1
2. Das Alter verändert die Mundflora – in beiden Ländern gleich. 17 Bakterienarten unterschieden sich zwischen Jung und Alt, und zwar unabhängig vom Land. Bei Älteren häufiger: Gattungen wie Treponema und Tannerella, die zu den typischen Parodontitis-Keimen zählen. Bei Jüngeren häufiger: unter anderem Neisseria flavescens, ein Bakterium, das an der Nitratumwandlung beteiligt sein kann.1
| Häufiger bei Älteren | Häufiger bei Jüngeren |
|---|---|
| Prevotella fusca | Prevotella scopos |
| Filifactor alocis | Neisseria flavescens |
| Treponema medium, T. amylovorum | Fusobacterium hwasookii |
| Gattung Tannerella | Oribacterium asaccharolyticum |
Auswahl; vollständige Liste mit 17 Arten in der Originalstudie.1
3. Das Alter erklärt die Denkleistung am besten. Mit jedem Lebensjahr sank der Gesamtwert der Denktests leicht – in Belgien und Großbritannien nahezu gleich. Das ist erwartbar und bestätigt vor allem, dass die Tests funktionieren.1
4. Einzelne Bakterien hingen mit einzelnen Tests zusammen. Haemophilus parainfluenzae, ein weiterer Nitratverwerter, war in Belgien mit schnelleren Reaktionen bei der Gefühlserkennung und beim visuellen Lernen verbunden, außerdem mit besserer Arbeitsgedächtnis-Leistung. In Großbritannien war dasselbe Bakterium bei zwei Tests mit schnelleren, bei der Gefühlserkennung aber mit langsameren Reaktionen verbunden. Prevotella histicola ging in beiden Ländern mit schnelleren Reaktionszeiten einher.1
5. Blutdruck zählt. Ein höherer mittlerer arterieller Druck war in beiden Ländern mit langsameren Reaktionen in mehreren Tests verbunden.1
Die Studie zeigt Zusammenhänge zwischen Zungenbakterien und Testergebnissen bei gesunden Menschen. Sie zeigt nicht, dass Bakterien die Denkleistung verbessern oder vor Demenz schützen.
Die ehrliche Einordnung
Aus neurologischer Sicht ist die Studie ein interessanter Baustein – mehr nicht. Die Autorinnen und Autoren sagen das selbst: Die Ergebnisse seien wegen der kleinen Stichprobe als explorativ und assoziativ zu verstehen, nicht als Bestätigung.1
- ⚠ Kleine Gruppen: 15 Personen pro Alters- und Ländergruppe.
- ⚠ Momentaufnahme: Jede Person wurde nur an einem Tag gemessen. Ursache und Wirkung lassen sich so nicht trennen.
- ⚠ Keine Erkrankten: Alle Teilnehmenden waren gesund. Unterschiede in den Tests spiegeln normale Schwankungen, keine Gedächtnisstörung – auch das betonen die Autoren.
- ⚠ Ernährung nicht kontrolliert: Die Nitratzufuhr beeinflusst Blutwerte und Bakterien stark. Laut Autoren hat das fehlende Ernährungsprotokoll vermutlich viel Streuung verursacht; Bewegung und Schlaf wurden ebenfalls nicht erfasst.
- ⚠ Widersprüchliche Richtungen: Dasselbe Bakterium war je nach Test und Land mit besseren oder schlechteren Ergebnissen verbunden. Neisseria flavescens, das als „günstiger“ Nitratverwerter gilt, war in der britischen Gruppe sogar bei den schwächeren Testpersonen häufiger.
- ⚠ Nitratwerte uneinheitlich: Höhere Nitritwerte im Blut gingen in Großbritannien mit langsameren Reaktionen einher. Ob das Alter diese Zusammenhänge verändert, ließ sich nach statistischer Korrektur nicht nachweisen.
- ⚠ Viele Einzeltests: Zehn Tests, zahlreiche Bakterien, zwei Länder – bei so vielen Vergleichen entstehen auch Zufallstreffer.
Größere Übersichtsarbeiten stützen zwar einen Zusammenhang zwischen Zahnfleischerkrankungen und späterem geistigen Abbau, betonen aber die heterogene Datenlage und mögliche umgekehrte Kausalität: Wer geistig abbaut, putzt oft auch schlechter.2,5
Mundbakterien und Gehirn: Was Sie jetzt tun können
Eine „Bakterienkur“ für das Gehirn lässt sich aus dieser Studie nicht ableiten. Einige vernünftige Schritte sind dennoch durch andere Daten gut begründet:
- ✓ Zahnfleisch ernst nehmen: Regelmäßige Zahnarztkontrollen und eine behandelte Parodontitis sind ohnehin sinnvoll – und schlechte Mundgesundheit ist mit höherem Risiko für geistigen Abbau verbunden.2,5
- ✓ Gemüse statt Pillen: Nitratreiches Gemüse gehört zu einer ausgewogenen Ernährung. In einer kontrollierten Studie verbesserte eine einmalige Dosis Rote-Bete-Saft bei 40 gesunden Erwachsenen die Leistung in einer von drei Rechenaufgaben.3 Das ist ein kleiner Kurzzeiteffekt, kein Demenzschutz.
- ✓ Antiseptische Mundspülungen nicht als Dauerroutine: Chlorhexidin verändert die Mundflora deutlich und senkte in Studien die Nitritverfügbarkeit.4 Verwenden Sie solche Spülungen so, wie Zahnärztin oder Zahnarzt es empfehlen.
- ✓ Blutdruck kennen: Höherer Blutdruck war in dieser Studie mit langsameren Reaktionen verbunden.1 Lassen Sie ihn regelmäßig messen.
Fragen Sie beim nächsten Zahnarztbesuch gezielt nach einem Parodontitis-Screening. Der Befund ist schnell erhoben und gibt Ihnen eine konkrete Grundlage – im Gegensatz zu kommerziellen „Mundflora-Tests“, deren Ergebnisse sich derzeit nicht sinnvoll in Empfehlungen übersetzen lassen.
- ⚠ Vergesslichkeit, die im Alltag zunehmend stört oder anderen auffällt
- ⚠ Orientierungsprobleme an bekannten Orten oder Wortfindungsstörungen
- ⚠ Zahnfleischbluten, Mundgeruch, zurückgehendes Zahnfleisch oder lockere Zähne
Häufige Fragen
Das ist nicht belegt. Bei Parodontitis-Keimen gibt es Hinweise aus Beobachtungsstudien und Laborexperimenten, aber keinen Beweis für eine Ursache beim Menschen.2,5 Die neue Studie hat Demenz gar nicht untersucht.
Derzeit nicht. Die Studie zeigt, dass sich die Mundflora schon zwischen zwei europäischen Ländern deutlich unterscheidet. Ein „Normalwert“ für gute Denkleistung existiert nicht.
Kurzfristig gibt es kleine Effekte in einzelnen Tests.3 Ob regelmäßiger Konsum vor geistigem Abbau schützt, ist nicht geklärt. In der aktuellen Studie bekamen die Teilnehmenden kein Nitrat.
Nicht grundsätzlich. Antiseptische Spülungen haben bei bestimmten Zahnproblemen ihren Platz. Als tägliche Gewohnheit ohne Grund können sie aber nützliche Bakterien und die Nitritbildung reduzieren.4
Vermutlich durch Ernährung, Lebensstil, Zahnpflege und weitere Umweltfaktoren. Genau das macht es schwer, Ergebnisse aus einem Land auf ein anderes zu übertragen – auch auf Deutschland oder Österreich.1
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche oder zahnärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Gedächtnisproblemen oder Beschwerden im Mundraum wenden Sie sich bitte an Ihre Hausärztin, Ihren Hausarzt, eine neurologische oder zahnärztliche Praxis.
- L’Heureux JE, Roelands B, Wylie L et al.: Oral microbiome signatures of ageing and cognitive function across distinct geographical cohorts. PLoS One 2026;21(10):e0359559. doi:10.1371/journal.pone.0359559
- Asher S, Stephen R, Mäntylä P et al.: Periodontal health, cognitive decline, and dementia: A systematic review and meta-analysis of longitudinal studies. J Am Geriatr Soc 2022;70(9):2695–2709. doi:10.1111/jgs.17978
- Wightman EL, Haskell-Ramsay CF, Thompson KG et al.: Dietary nitrate modulates cerebral blood flow parameters and cognitive performance in humans: A double-blind, placebo-controlled, crossover investigation. Physiol Behav 2015;149:149–158. doi:10.1016/j.physbeh.2015.05.035
- Bescos R, Ashworth A, Clarke C et al.: Effects of Chlorhexidine mouthwash on the oral microbiome. Sci Rep 2020;10(1):5254. doi:10.1038/s41598-020-61912-4
- Dibello V, Custodero C, Cavalcanti R et al.: Impact of periodontal disease on cognitive disorders, dementia, and depression: a systematic review and meta-analysis. GeroScience 2024;46(5):5133–5169. doi:10.1007/s11357-024-01243-8
Zuletzt medizinisch geprüft: Oktober 2026



