Eine Auswertung von fast 100.000 Schlafmessungen zeigt: Nicht nur die Dauer zählt – auch, wie viel REM-Schlaf in der Nacht steckt.
Wer regelmäßig weniger als 5 Stunden Schlaf bekommt, erkrankt in den folgenden Jahren häufiger – an Herzschwäche, Typ-2-Diabetes, Demenz, Parkinson und mehr als 30 weiteren Diagnosen. Das berichten Forschende der Capital Medical University und der Peking University in Peking im Fachjournal PLOS Medicine. Ihre Daten stammen aus der britischen UK Biobank: 95.559 Erwachsene trugen eine Woche lang ein Messgerät am Handgelenk und wurden danach im Median 8,9 Jahre beobachtet.1
Schlaf ist eines der wenigen Gesundheitsthemen, bei dem fast jeder Mensch eigene Erfahrungswerte hat – und gleichzeitig oft falsch schätzt, wie viel er tatsächlich schläft. Genau hier setzt die neue Studie an: Statt Fragebögen nutzte sie objektive Messdaten. Das macht sie interessant. Ihre Grenzen sind aber ebenso wichtig wie ihre Schlagzeile.
Warum Schlafforschung oft auf wackligen Beinen steht
Dass sowohl sehr kurzer als auch sehr langer Schlaf mit einem höheren Sterberisiko einhergeht, ist seit Langem bekannt. Eine Meta-Analyse – also eine statistische Zusammenfassung vieler Einzelstudien – mit über 1,38 Millionen Teilnehmenden fand für kurzen Schlaf ein um 12 Prozent und für langen Schlaf ein um 30 Prozent erhöhtes Sterberisiko.2 Allerdings beruhten alle diese Studien auf Selbstauskünften per Fragebogen.
Die amerikanischen Fachgesellschaften für Schlafmedizin empfehlen Erwachsenen deshalb seit 2015, regelmäßig mindestens sieben Stunden pro Nacht zu schlafen.3 Über die einzelnen Schlafphasen – Leichtschlaf, Tiefschlaf und REM-Schlaf, die Traumphase mit schnellen Augenbewegungen – sagen solche Empfehlungen wenig. Sie lassen sich nur mit Messgeräten erfassen.
So lief die Studie ab
Die Teilnehmenden trugen zwischen 2013 und 2015 sieben Tage und Nächte am Stück einen Beschleunigungssensor (Akzelerometer) am dominanten Handgelenk. Ein Deep-Learning-Algorithmus namens SleepNet schätzte daraus sechs Kenngrößen:
- ▸ Gesamtschlafdauer
- ▸ REM-Schlaf, Tiefschlaf und Leichtschlaf
- ▸ Wachzeit nach dem Einschlafen (nächtliches Wachliegen)
- ▸ Unregelmäßigkeit – wie stark die Schlafdauer von Nacht zu Nacht schwankte
Das Durchschnittsalter bei Aufnahme in die UK Biobank lag bei 56 Jahren, 56 Prozent waren Frauen, 97 Prozent hatten eine weiße Herkunft. Neue Diagnosen erfasste das Team über Krankenhausdaten. Insgesamt prüften die Forschenden 1.049 Krankheitsbilder – ein sogenannter „phänomweiter“ Ansatz, bei dem nicht eine Erkrankung, sondern das gesamte Diagnosespektrum durchsucht wird. Um Zufallsbefunde bei so vielen Tests zu vermeiden, setzten sie eine strenge statistische Korrektur (Bonferroni) an.1
Weniger als 5 Stunden Schlaf: die wichtigsten Ergebnisse
Insgesamt fanden die Forschenden 156 statistisch robuste Zusammenhänge zwischen Schlafmerkmalen und neu auftretenden Erkrankungen. Die auffälligsten Befunde:1
Kurze Nächte. Im Vergleich mit Menschen, die 6 bis 8 Stunden schliefen, hatte die Gruppe mit weniger als 5 Stunden Schlaf ein erhöhtes Risiko für 37 Erkrankungen. Darunter waren Herzschwäche (Hazard Ratio 1,73 – also ein etwa 73 Prozent höheres Erkrankungsrisiko im Beobachtungszeitraum), Demenz (2,57), Parkinson-Krankheit (2,37), Delir, Stürze, chronisch-obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Vorhofflimmern und Typ-2-Diabetes (1,31).
Der „Sweet Spot“. Für 86 Erkrankungen verlief der Zusammenhang mit der Schlafdauer nicht linear, sondern U-förmig. Bei 69 davon lag das niedrigste Risiko zwischen 6 und 8 Stunden Schlaf pro Nacht.
REM-Schlaf. Mehr REM-Schlaf ging mit einem niedrigeren Risiko für 83 Erkrankungen einher. Verglichen wurden Menschen am unteren und oberen Viertel der Verteilung – ein Unterschied von 47,6 Minuten REM-Schlaf pro Nacht.
| Mehr REM-Schlaf (+47,6 Min.) | Hazard Ratio | Risiko im Vergleich |
|---|---|---|
| Herzschwäche | 0,74 | rund 26 % niedriger |
| Demenz (alle Formen) | 0,54 | rund 46 % niedriger |
| Alzheimer-Krankheit | 0,69 | rund 31 % niedriger |
| Multiple Sklerose | 0,48 | rund 52 % niedriger |
| Parkinsonismus (Parkinson-ähnliche Bewegungsstörungen) | 0,20 | rund 80 % niedriger |
Tiefschlaf, Wachphasen, Unregelmäßigkeit. Mehr Tiefschlaf war unter anderem mit weniger Typ-2-Diabetes, Depression und Parkinson-Krankheit verbunden. Längeres nächtliches Wachliegen ging mit mehr Alkohol- und Substanzabhängigkeit einher, stark schwankende Schlafzeiten mit mehr Angststörungen und Depressionen.1
Und zu langer Schlaf? Bei mehr als 8 Stunden blieb nach strenger Korrektur vor allem ein Zusammenhang übrig: ein höheres Risiko für Depressionen (Hazard Ratio 1,60). Die Autorinnen und Autoren halten hier umgekehrte Kausalität für wahrscheinlich – vermehrtes Schlafbedürfnis ist ein bekanntes Frühzeichen einer Depression.1
Warum das für das Gehirn besonders relevant ist
Aus neurologischer Sicht fallen die Befunde zu Demenz und Parkinson ins Auge. Ein Zusammenhang zwischen REM-Schlaf und Demenz ist nicht neu: Bereits 2017 fand die Framingham-Studie mit Schlaflabor-Messungen, dass jeder Prozentpunkt weniger REM-Schlaf mit einem um etwa 9 Prozent höheren Demenzrisiko einherging – allerdings bei nur 321 Teilnehmenden und 32 Demenzfällen.4
Gleichzeitig ist die Datenlage nicht einheitlich. Eine 2026 in Neurology veröffentlichte Auswertung von fünf US-Kohorten mit über 5.400 Teilnehmenden und Schlaflabor-Messung zu Hause fand für keines von neun Schlafmustern einen signifikanten Zusammenhang mit dem Demenzrisiko. Längerer, ungestörter Schlaf hing dort lediglich mit etwas besserer geistiger Leistungsfähigkeit zusammen.5
Wichtig ist hier auch: Demenz und Parkinson entwickeln sich über viele Jahre, und Schlafstörungen gehören bei beiden zu den möglichen frühen Veränderungen. Ein Teil der kurzen Nächte könnte also bereits Ausdruck einer beginnenden Erkrankung sein – und nicht deren Auslöser.
Die ehrliche Einordnung
Die Studie ist groß und methodisch sorgfältig. Was sie nicht zeigt, benennen die Autorinnen und Autoren zum Teil selbst:1
- ⚠ Keine Ursache-Wirkung: Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie. Kausale Schlüsse seien nicht möglich, schreiben die Autoren selbst – auch wenn sie an anderer Stelle formulieren, 6 bis 8 Stunden Schlaf könnten das Krankheitsrisiko „wirksam senken“. Diese Aussage geht über die eigenen Daten hinaus.
- ⚠ Umgekehrte Kausalität: Schloss das Team alle Diagnosen der ersten zwei Jahre aus, blieben nur 95 der 156 Zusammenhänge bestehen – etwa 60 Prozent.
- ⚠ Die Schlafphasen sind geschätzt: Ein Handgelenkssensor misst Bewegung, keine Hirnströme. Die Übereinstimmung von SleepNet mit dem Schlaflabor beschreiben die Autoren als eher bescheiden; der REM-Schlaf wurde im Mittel um 17 Minuten unterschätzt.
- ⚠ Nur eine Woche: Eine einzige Messwoche bildet gewohnheitsmäßigen Schlaf nicht vollständig ab.
- ⚠ Kleine Fallzahlen bei Extremwerten: Der auffällige Befund zu Parkinsonismus bei weniger als 5 Stunden Schlaf (fast sechsfaches Risiko) beruht auf nur 31 Fällen; das Vertrauensintervall reicht von 2,6 bis 13,4.
- ⚠ Begrenzte Übertragbarkeit: Die UK Biobank besteht überwiegend aus gesundheitsbewussten, gut gebildeten Menschen europäischer Herkunft. Erfasst wurden zudem nur Krankenhausdiagnosen.
Was Sie jetzt tun können
Die Studie liefert keinen Anlass zur Panik nach einer schlechten Nacht. Einzelne kurze Nächte sind etwas anderes als dauerhaft weniger als 5 Stunden Schlaf. Sie bestätigt aber, was Fachgesellschaften seit Jahren empfehlen: Ausreichend und regelmäßig zu schlafen, gehört zu den Grundpfeilern der Gesundheit.3
- ✓ Planen Sie für Erwachsene mindestens sieben Stunden Schlafgelegenheit pro Nacht ein.
- ✓ Halten Sie Ihre Schlafzeiten möglichst regelmäßig – auch am Wochenende.
- ✓ Schlafen Sie über Wochen deutlich zu kurz, obwohl Sie Zeit dafür hätten? Lassen Sie die Ursache ärztlich abklären.
- ✓ Werten Sie Schlafphasen aus Smartwatches als grobe Orientierung, nicht als Diagnose.
- ⚠ anhaltende Ein- oder Durchschlafprobleme über mehrere Wochen
- ⚠ neu auftretendes, stark vermehrtes Schlafbedürfnis oder Tagesmüdigkeit
- ⚠ Schlafprobleme zusammen mit Gedächtnisstörungen, Zittern oder verlangsamten Bewegungen
- ⚠ Schlafprobleme zusammen mit gedrückter Stimmung oder Antriebslosigkeit
Häufige Fragen
Die Studie zeigt, dass Menschen mit so kurzem Schlaf häufiger erkrankten. Ob der Schlafmangel die Ursache ist, kann sie nicht beweisen. Kurzer Schlaf kann auch ein frühes Symptom einer noch unerkannten Erkrankung sein.
In dieser Studie lag das niedrigste Risiko für die meisten Erkrankungen zwischen 6 und 8 Stunden. Die amerikanischen Schlafgesellschaften empfehlen Erwachsenen mindestens sieben Stunden. Der individuelle Bedarf schwankt.
Das ist nicht belegt. Mehr REM-Schlaf ging in der Studie mit weniger Demenzdiagnosen einher. Eine andere große Studie mit Schlaflabor-Messungen fand jedoch keinen solchen Zusammenhang. Gezielt „mehr REM-Schlaf“ zu trainieren, ist bislang keine belegte Maßnahme.
In dieser Studie war langer Schlaf nach strenger Prüfung vor allem mit Depressionen verbunden – vermutlich, weil ein erhöhtes Schlafbedürfnis ein Frühzeichen der Depression sein kann. Ältere Meta-Analysen fanden auch bei langem Schlaf ein höheres Sterberisiko.
Nur näherungsweise. Handgelenkssensoren schätzen Schlafphasen aus Bewegung. Selbst der in der Studie verwendete Forschungsalgorithmus stimmte nur mäßig mit dem Schlaflabor überein.
- Luo J, Liu R, Yin J et al.: Accelerometer-derived real-world sleep stages and risk of incident diseases: A UK Biobank cohort study and phenome-wide association analysis. PLoS Med 2026;23(9):e1005213. doi:10.1371/journal.pmed.1005213
- Cappuccio FP, D’Elia L, Strazzullo P et al.: Sleep duration and all-cause mortality: a systematic review and meta-analysis of prospective studies. Sleep 2010;33(5):585–592. doi:10.1093/sleep/33.5.585
- Watson NF, Badr MS, Belenky G et al.: Recommended Amount of Sleep for a Healthy Adult: A Joint Consensus Statement of the American Academy of Sleep Medicine and Sleep Research Society. Sleep 2015;38(6):843–844. doi:10.5665/sleep.4716
- Pase MP, Himali JJ, Grima NA et al.: Sleep architecture and the risk of incident dementia in the community. Neurology 2017;89(12):1244–1250. doi:10.1212/WNL.0000000000004373
- Yiallourou S, Wiedner C, Yang Q et al.: Association of Sleep Variables With Cognitive Performance and the Risk of Dementia in the Sleep and Dementia Consortium. Neurology 2026;107(4):e218182. doi:10.1212/WNL.0000000000218182
Zuletzt medizinisch geprüft: Oktober 2026



