Über 1.000 Apps zu Parkinson und Demenz – aber nur 2 % nennen sich Medizinprodukt
Was eine neue Analyse von App-Store-Einträgen zeigt – und woran Sie gute Apps erkennen
Wer im App Store nach Hilfe bei Parkinson oder Alzheimer sucht, findet Hunderte Angebote: Gedächtnistraining, Medikamentenwecker, Symptomtagebücher. Ein Forschungsteam der Universität Luxemburg hat 1.187 solcher Apps systematisch ausgewertet. Das Ergebnis, veröffentlicht am 1. Oktober 2026 in der Fachzeitschrift PLOS Digital Health: Nur rund 2 % der Apps für Parkinson und Demenz geben überhaupt an, als Medizinprodukt zertifiziert zu sein – und die fast durchweg glänzenden Sternebewertungen verraten wenig über die Qualität.1
Für Betroffene und Angehörige ist das eine wichtige Nachricht. Denn eine App, die gut aussieht und viele Sterne hat, ist noch lange keine App, die nachweislich hilft. Dieser Ratgeber erklärt, was die Studie gefunden hat, was sie nicht zeigt – und wie Sie in Deutschland und Österreich seriöse Angebote erkennen.
Was die Forschenden untersucht haben
Das Team um Isabel Schwaninger und Jochen Klucken vom Luxembourg Centre for Systems Biomedicine durchsuchte im Mai 2024 den Apple App Store und den Google Play Store nach den Begriffen „parkinson“, „alzheimer“, „dementia“ und „neurodegenerative“ – und zwar über 175 Länder-Stores hinweg.1 Gefunden wurden 1.237 Treffer, darunter 50 Apps, die in beiden Stores angeboten werden. Übrig blieben 1.187 einzelne Apps: 798 bei Apple, 439 bei Google.
Ausgewertet wurden zwei Informationsquellen, auf die sich auch Patientinnen und Patienten stützen: die Beschreibungen der Hersteller und die Bewertungen der Nutzer. Für die grosse Textmenge setzte das Team zusätzlich ein Sprachmodell (eine KI zur Textanalyse) ein und prüfte dessen Einordnungen anschliessend von Hand.
Die wichtigsten Ergebnisse in Zahlen
Weil es im App Store kein Feld „Medizinprodukt ja/nein“ gibt, durchsuchten die Forschenden alle Beschreibungen nach Begriffen wie „medical device“, „certified“ oder „FDA-cleared“ – übersetzt in 30 Sprachen. Von 57 Treffern blieben nach manueller Prüfung 26 Apps, die eine Zertifizierung als Medizinprodukt angaben: 18 bei Apple (2,2 %) und 8 bei Google (1,8 %).1
| Befund (Stand der Daten: Mai 2024) | Apple App Store | Google Play Store |
|---|---|---|
| Ausgewertete Apps | 798 | 439 |
| Geben Medizinprodukt-Zertifizierung an | 18 (2,2 %) | 8 (1,8 %) |
| In der Kategorie „Medizin“ eingeordnet | ca. 24 % | ca. 14 % |
| Davon direkt für Patienten gedacht | 63 % | 54 % |
| Als kostenlos angegeben | 90,6 % | 97,7 % (40,5 % mit In-App-Käufen) |
| Anteil der 4–5-Sterne-Bewertungen | 85,4 % | 96,9 % |
Auffällig ist, wo die Apps überhaupt einsortiert sind: Ein grosser Teil steht nicht unter „Medizin“, sondern unter „Gesundheit & Fitness“, „Lifestyle“, „Bildung“ – oder sogar unter „Spiele“. Die Kategorie wählen die Hersteller selbst.
Unter den patientennahen Apps im Medizin-Bereich dominierten Angebote zur Alltagsunterstützung (etwa Erinnerungen, Organisation, Information). Apps mit nachgewiesener therapeutischer oder diagnostischer Funktion waren dagegen eine Rarität: Bei Apple fielen nur 1 % in die Gruppe „digitale Therapie“ und 3 % in „digitale Diagnostik“, bei Google gar keine App in die Therapie-Gruppe.1 Mehrere Apps beschrieben zwar diagnostische oder therapeutische Funktionen, wurden aber mangels Zulassung oder wissenschaftlichem Beleg nicht so eingestuft.
Warum Sterne und Werbetexte wenig verraten
Fast alle Bewertungen waren positiv: 85 % (Apple) bzw. 97 % (Google) vergaben vier oder fünf Sterne. Die Autoren werten diesen hohen Anteil als Hinweis auf eine Verzerrung – die Sterne sagten kaum etwas über den tatsächlichen Nutzen.1 In positiven Rezensionen ging es vor allem um Bedienbarkeit („einfach“, „gut“), in negativen vor allem um Kosten und Werbung.
Auch Herstellerbeschreibungen sind Marketing. Sie werden von den App Stores nicht inhaltlich geprüft. Dass dieses Problem nicht neu ist, zeigte bereits eine Untersuchung von Apps zu psychischen Erkrankungen: 64 % der 73 untersuchten Apps versprachen Wirksamkeit, oft mit wissenschaftlich klingender Sprache – aber nur eine einzige App nannte eine Literaturquelle, und keine verwies auf eine Zertifizierung.2
Viele Sterne zeigen, dass eine App gefällt – nicht, dass sie wirkt. Für den Nutzen zählen Prüfzeichen und Studien, nicht Rezensionen.
CE-Kennzeichen und DiGA: Was die Prüfzeichen bedeuten
CE-Kennzeichen als Medizinprodukt: Eine App, die Krankheiten erkennen, überwachen oder behandeln soll, gilt in der EU als Medizinprodukt und braucht ein CE-Kennzeichen. Es belegt vor allem Sicherheit und technische Funktionstauglichkeit. Ein nachgewiesener Behandlungsnutzen ist damit noch nicht automatisch verbunden – darauf weisen auch die Studienautoren hin.1 Für allgemeine Gesundheits-Apps ohne Medizinprodukt-Status gibt es inzwischen eine internationale technische Spezifikation (CEN-ISO/TS 82304-2), die Qualität in vier Bereichen bewertet: gesund und sicher, einfach zu bedienen, sichere Daten, robuste Technik.3
DiGA – die „App auf Rezept“ in Deutschland: Digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) sind CE-gekennzeichnete Medizinprodukte, die das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) zusätzlich auf Datenschutz, Datensicherheit und einen positiven Versorgungseffekt prüft.4 Gesetzlich Versicherte erhalten sie auf ärztliche Verordnung oder auf Antrag bei der Krankenkasse kostenlos. Eine Auswertung aller 35 dauerhaft gelisteten DiGA (Stand Juli 2024) ergab, dass jede ihren Nutzen mit einer randomisierten kontrollierten Studie belegt hatte – dem Goldstandard klinischer Forschung.5
Wichtig ist der Unterschied zwischen dauerhaft und vorläufig gelisteten DiGA: Bei vorläufig aufgenommenen Anwendungen läuft der Nutzennachweis noch. Beides steht im offiziellen DiGA-Verzeichnis, das Sie selbst durchsuchen können.4 Für Parkinson und Demenz ist das Angebot dort im Vergleich zu den Tausenden Store-Apps klein – ein Blick ins Verzeichnis lohnt sich dennoch, etwa im Bereich kognitiver Störungen.
In Österreich gibt es bislang kein reguläres Erstattungssystem, das dem deutschen DiGA-Verzeichnis entspricht; ein solcher Weg wird derzeit vorbereitet und diskutiert. Das CE-Kennzeichen gilt dagegen EU-weit – und auch Patientinnen und Patienten in Österreich können das deutsche DiGA-Verzeichnis als Orientierung für geprüfte Qualität nutzen.
Die ehrliche Einordnung: Was die Studie nicht zeigt
Die Analyse ist hilfreich, hat aber klare Grenzen – viele davon nennen die Autoren selbst:1
- ▸ „Angegeben“ heisst nicht „geprüft“. Gezählt wurde, wie viele Apps sich in ihrer Beschreibung als Medizinprodukt ausgeben. Ein Abgleich mit der europäischen Medizinprodukte-Datenbank EUDAMED fand nicht statt. Es kann also Apps mit CE-Kennzeichen geben, die das nicht erwähnen – und umgekehrt.
- ▸ Kein Wirksamkeitstest. Ob einzelne Apps Betroffenen helfen, wurde nicht untersucht. Die Studie bewertet die Informationslage im Store, nicht die Apps selbst.
- ▸ Daten von Mai 2024. Der App-Markt verändert sich schnell; heutige Zahlen können abweichen.
- ▸ Explorative KI-Auswertung. Die Einordnung durch das Sprachmodell wurde zwar manuell kontrolliert, aber ohne formale Gütekennzahlen. Die Autoren sprechen ausdrücklich von hypothesengenerierenden Ergebnissen.
- ▸ Nur englische Rezensionen, nur ein Ausschnitt. Die Bewertungen sind nicht repräsentativ für alle Nutzer oder für Menschen mit Parkinson oder Demenz insgesamt.
Aus neurologischer Sicht gilt dennoch: Die Kernbotschaft ist robust. Wer eine App zur Unterstützung bei einer neurodegenerativen Erkrankung sucht, kann sich weder auf Sterne noch auf Werbetexte verlassen.
Was Sie jetzt tun können: Apps für Parkinson und Demenz richtig prüfen
- ✓ Zuerst im DiGA-Verzeichnis suchen (diga.bfarm.de): Gibt es für Ihre Diagnose eine geprüfte Anwendung? Achten Sie auf „dauerhaft aufgenommen“.
- ✓ Nach dem CE-Kennzeichen fragen: Steht es in der App (oft unter „Über“, „Impressum“ oder „Gebrauchsanweisung“) samt Hersteller und Zweckbestimmung?
- ✓ Studien statt Schlagworte: „Wissenschaftlich entwickelt“ ist kein Beleg. Seriöse Anbieter nennen veröffentlichte Studien.
- ✓ Datenschutz prüfen: Wer betreibt die App, wo werden Gesundheitsdaten gespeichert, gibt es eine verständliche Datenschutzerklärung?
- ✓ Kostenfallen erkennen: „Gratis“ bedeutet oft Abo, In-App-Käufe oder Werbung – genau das bemängeln viele negative Bewertungen.
- ✓ Bedienbarkeit testen: Grosse Schaltflächen, gut lesbare Schrift, wenig Feinmotorik nötig – bei Zittern oder nachlassendem Gedächtnis entscheidend.
Nehmen Sie die App, die Sie interessiert, zum nächsten Termin in der neurologischen Praxis mit. Ein gemeinsamer Blick auf Zweck, Kosten und Datenschutz dauert wenige Minuten – und bei einer passenden DiGA kann direkt ein Rezept ausgestellt werden.
- ⚠ Die App verspricht, Parkinson oder Demenz zu „heilen“ oder aufzuhalten.
- ⚠ Die App stellt eine Diagnose, ohne als Medizinprodukt ausgewiesen zu sein.
- ⚠ Die App empfiehlt, Medikamente zu ändern oder abzusetzen.
- ⚠ Neue oder rasch zunehmende Beschwerden (Stürze, Verwirrtheit, Halluzinationen) gehören in ärztliche Hände – nicht in ein App-Tagebuch.
Häufige Fragen
Nein. Eine Erinnerungs- oder Informations-App braucht oft gar keine Zulassung und kann im Alltag nützlich sein. Sobald eine App aber Krankheiten erkennen, überwachen oder behandeln will, sollte sie als Medizinprodukt gekennzeichnet sein.
Gesetzlich Versicherte in Deutschland erhalten eine im Verzeichnis gelistete DiGA per ärztlicher oder psychotherapeutischer Verordnung oder auf direkten Antrag bei der Krankenkasse – passende Diagnose vorausgesetzt. Die Kasse schickt dann einen Freischaltcode.
Ein reguläres System wie in Deutschland gibt es bislang nicht. Fragen Sie bei Ihrer Krankenkasse nach, ob einzelne Anwendungen im Rahmen von Pilotprojekten übernommen werden.
Das kann keine App versprechen. Für leichte kognitive Störungen finden sich im DiGA-Verzeichnis geprüfte Trainingsanwendungen.4 Eine Demenz aufhalten oder heilen kann nach heutigem Wissen jedoch keine App.
Suchen Sie in der App nach CE-Kennzeichen, Hersteller und Zweckbestimmung. Bei DiGA reicht ein Blick ins BfArM-Verzeichnis. Im Zweifel hilft eine Nachfrage beim Hersteller oder in der ärztlichen Praxis.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Apps können die Behandlung von Parkinson oder Demenz ergänzen, aber nicht ersetzen. Ändern Sie Medikamente nie eigenständig aufgrund einer App-Empfehlung.
- Schwaninger I, Ighanian P, Borga L et al.: Value in app store metadata and user reviews: A dual perspective on quality of Parkinson’s and dementia apps. PLOS Digit Health 2026;5(10):e0001730. doi:10.1371/journal.pdig.0001730
- Larsen ME, Huckvale K, Nicholas J et al.: Using science to sell apps: Evaluation of mental health app store quality claims. NPJ Digit Med 2019;2:18. doi:10.1038/s41746-019-0093-1
- Hoogendoorn P, Versluis A, van Kampen S et al.: What Makes a Quality Health App – Developing a Global Research-Based Health App Quality Assessment Framework for CEN-ISO/TS 82304-2: Delphi Study. JMIR Form Res 2023;7:e43905. doi:10.2196/43905
- Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM): DiGA-Verzeichnis – Verzeichnis erstattungsfähiger digitaler Gesundheitsanwendungen nach § 139e SGB V. diga.bfarm.de
- Goeldner M, Gehder S: Digital Health Applications (DiGAs) on a Fast Track: Insights From a Data-Driven Analysis of Prescribable Digital Therapeutics in Germany From 2020 to Mid-2024. J Med Internet Res 2024;26:e59013. doi:10.2196/59013
Zuletzt medizinisch geprüft: Oktober 2026



