Eine große US-Studie bestätigt das „Adipositas-Paradox“ bei Demenz – und rückt ein unterschätztes Thema in den Mittelpunkt: die Ernährung.
Menschen, die zum Zeitpunkt ihrer Demenz-Diagnose übergewichtig oder adipös sind, sterben im weiteren Verlauf seltener als Normalgewichtige. Das zeigt eine Auswertung von 4.523 US-Erwachsenen, die Forschende der Columbia University und der New York University Ende September 2026 im Journal of Alzheimer’s Disease veröffentlicht haben.1 Für Angehörige ist die wichtigste Botschaft dabei nicht „mehr essen“, sondern: Beim Thema Demenz und Übergewicht zählt vor allem, ungewollten Gewichtsverlust früh zu erkennen.
Ein scheinbarer Widerspruch
Übergewicht in den mittleren Lebensjahren gilt als Risikofaktor für Demenz. Die Lancet-Kommission zur Demenzprävention zählt es zu den 14 veränderbaren Risikofaktoren, an denen sich ansetzen lässt.2 Umso überraschender wirkt ein Befund, der sich seit Jahren in Studien zeigt: Ist die Demenz einmal da, haben Menschen mit mehr Gewicht offenbar die besseren Überlebenschancen.
Fachleute sprechen vom „Adipositas-Paradox“ – also der Beobachtung, dass Übergewicht bei bestimmten Erkrankungen mit einer niedrigeren statt höheren Sterblichkeit einhergeht. Schon 2014 fand eine schwedische Registerstudie mit 11.398 neu diagnostizierten Demenzpatienten: Je höher der Body-Mass-Index (BMI, das Verhältnis von Gewicht zu Körpergröße), desto geringer das Sterberisiko – zumindest bis in den Bereich des Übergewichts. Untergewichtige hatten dagegen ein deutlich erhöhtes Risiko.3
Die große Frage blieb: Ist der Effekt echt – oder ein statistisches Trugbild? Genau das wollte das US-Team klären.
So lief die Studie ab
Die Forschenden nutzten Daten der Health and Retirement Study, einer landesweit repräsentativen Langzeitbefragung von US-Bürgerinnen und -Bürgern ab 51 Jahren. Laut Mitteilung der Columbia University flossen Daten von 1998 bis 2022 ein. Ausgewählt wurden 4.523 Personen, die bei Studienbeginn geistig fit waren und im Verlauf eine Demenz entwickelten.
Weil diese Menschen über viele Jahre begleitet wurden, ließ sich ihr Gewicht vor der Diagnose, zum Zeitpunkt der Diagnose und danach verfolgen – bis zum Tod oder Studienende. Berücksichtigt wurden laut Mitteilung unter anderem Vorerkrankungen, Rauchen, soziale Faktoren und ein vorangegangener Gewichtsverlust.
Die Ergebnisse: Demenz und Übergewicht im Vergleich
Verglichen wurde das Sterberisiko der Gewichtsgruppen mit dem der Normalgewichtigen (BMI 18,5 bis 24,9):
| Gewichtsgruppe bei Diagnose | BMI | Sterberisiko vs. Normalgewicht |
|---|---|---|
| Übergewicht | 25,0–29,9 | rund 16 % niedriger* |
| Adipositas Grad 1 | 30,0–34,9 | 27 % niedriger (HR 0,73; 95-%-KI 0,62–0,86) |
| Adipositas Grad 2 und 3 | ab 35,0 | rund 22 % niedriger* |
HR = Hazard Ratio (relatives Risiko über die Zeit); KI = Konfidenzintervall. Der Wert für Adipositas Grad 1 stammt aus der Zusammenfassung der Studie.1 *Werte laut Mitteilung der Columbia University; die zugehörigen Konfidenzintervalle lagen bei Redaktionsschluss nicht vor.
Den stärksten Zusammenhang fanden die Forschenden also bei leichter Adipositas. Wichtig: Das sind relative Risiken. Wie viele Monate oder Jahre die Betroffenen im Schnitt länger lebten, geht aus den zugänglichen Studiendaten nicht hervor.
Echter Effekt oder statistischer Fehler?
Der Kern der Arbeit ist die Prüfung möglicher Verzerrungen. Drei Erklärungen standen im Raum:
- ▸ Gewichtsverlust vor der Diagnose: Demenz beginnt im Gehirn lange vor den ersten deutlichen Symptomen. Eine frühere Auswertung derselben Datenbasis zeigte, dass das Gewicht schon mindestens zehn Jahre vor der Diagnose sinkt, kurz davor schneller abfällt und danach weiter zurückgeht.4 Wer bei der Diagnose „normalgewichtig“ ist, kann also in Wahrheit bereits viel abgenommen haben – und schlicht kränker sein.
- ▸ Überlebenseffekt: Wer trotz Übergewicht alt genug wird, um eine Demenz zu entwickeln, gehört womöglich zu einer besonders robusten Gruppe.
- ▸ Auswahlverzerrung (in der Fachsprache „Collider-Bias“): Wenn nur Menschen mit Demenz betrachtet werden, können sich Zusammenhänge rein rechnerisch verschieben.
Laut Studie sprachen die Zusatzanalysen nicht dafür, dass diese Mechanismen den Befund wesentlich erklären.1 Die Mitautorin Yuan Zhang formulierte es laut Mitteilung so (übersetzt): Die untersuchten Hauptquellen für Verzerrung erklären den Überlebensvorteil nicht.
Übergewicht im mittleren Alter erhöht das Demenzrisiko. Ist die Demenz aber bereits da, ist Gewichtsverlust das größere Warnsignal.
Warum mehr Gewicht schützen könnte
Eine abschließende Erklärung liefert die Studie nicht – die Autoren schreiben selbst, dass die zugrunde liegenden Mechanismen nicht vollständig verstanden sind.1 Die naheliegendste Vermutung betrifft die Ernährung. Demenz verändert Appetit, Antrieb und die Fähigkeit, selbstständig zu essen. Viele Betroffene vergessen Mahlzeiten, erkennen Speisen nicht mehr oder bekommen im Verlauf Schluckstörungen.
Die Europäische Gesellschaft für klinische Ernährung (ESPEN) hält in ihrer Leitlinie von 2024 fest, dass Demenz mit einem erhöhten Risiko für Mangelernährung und Austrocknung einhergeht.5 Körperreserven – Fett, aber auch Muskelmasse – könnten in dieser Lage als Puffer dienen, etwa bei Infekten oder Phasen, in denen kaum gegessen wird. Diese Hypothese ist plausibel, wurde in der Studie aber nicht direkt gemessen.
Die ehrliche Einordnung
Die Studie ist groß, bevölkerungsbezogen und methodisch sorgfältig. Trotzdem gilt es, ihre Grenzen klar zu benennen:
- ⚠ Beobachtung, kein Experiment: Die Daten zeigen einen Zusammenhang, keinen Beweis, dass das Gewicht selbst die Lebenszeit verlängert. Nicht erfasste Faktoren können mitspielen.
- ⚠ Keine Empfehlung zum Zunehmen: Erstautorin Virginia Chang betont laut Mitteilung, die Studie sei nicht dafür ausgelegt gewesen, absichtliches Zunehmen zu prüfen. Betroffene sollten deshalb nicht gezielt übergewichtig werden.
- ⚠ Nur US-Daten: Ernährung, Versorgung und Pflege unterscheiden sich von Deutschland und Österreich.
- ⚠ BMI ist ein grobes Maß: Er unterscheidet nicht zwischen Fett und Muskeln.
- ⚠ Keine Aussage zur Lebensqualität: Länger leben heißt nicht automatisch besser leben – das wurde nicht untersucht.
Die Autoren selbst sehen das Gewicht bei der Diagnose daher als Prognose-Hinweis neben anderen Faktoren – also als Signal, wie der Verlauf sein könnte, nicht als Therapieziel.1
- ⚠ Gewicht sinkt, ohne dass eine Diät gemacht wird
- ⚠ Kleidung oder Gürtel sitzen spürbar lockerer
- ⚠ Mahlzeiten werden ausgelassen, vergessen oder nur angerührt
- ⚠ Husten oder Verschlucken beim Essen und Trinken
- ⚠ Auffällig wenig Trinken, trockene Schleimhäute, Verwirrtheit nimmt plötzlich zu
Was Sie jetzt tun können
Die ESPEN-Leitlinie empfiehlt für Menschen mit Demenz, regelmäßig auf Mangelernährung und Flüssigkeitsmangel zu achten, den Ernährungszustand zu erfassen und eng zu beobachten.5 Trinknahrung (energiereiche Zusatznahrung) wird empfohlen, um den Ernährungszustand zu verbessern – nicht aber, um die geistige Leistung zu steigern. Spezielle „Demenz-Trinknahrungen“, ketogene Diät, Omega-3-Präparate oder Appetitanreger werden nicht routinemäßig empfohlen.5
- ✓ Wiegen Sie regelmäßig – etwa einmal im Monat, immer zur gleichen Tageszeit – und notieren Sie das Gewicht.
- ✓ Sprechen Sie ungewollte Gewichtsabnahme bei Hausarzt, Neurologin oder Gedächtnisambulanz an.
- ✓ Bieten Sie Lieblingsspeisen, kleine Portionen und Fingerfood an – Essen in Gesellschaft hilft oft.
- ✓ Denken Sie an Zähne und Prothese: Schmerzen im Mund sind ein häufiger, übersehener Grund fürs Nicht-Essen.
- ✓ Fragen Sie nach einer Ernährungsberatung (in Österreich: Diätologie) – und nach Trinknahrung, wenn das Essen nicht mehr reicht.
Häufige Fragen
Nein. Die Studie hat das nicht untersucht, und die Autoren raten ausdrücklich davon ab. Ziel ist, das Gewicht stabil zu halten und Mangelernährung zu vermeiden – nicht, Übergewicht aufzubauen.
Doch – vor allem in den mittleren Lebensjahren.2 Die neue Studie betrifft eine andere Frage: das Überleben, wenn die Demenz bereits diagnostiziert ist. Beide Aussagen widersprechen sich nicht.
Die Erkrankung beeinflusst Appetit, Antrieb und Essverhalten. Hinzu kommen Schluckstörungen, Zahnprobleme, Nebenwirkungen von Medikamenten und schlicht das Vergessen von Mahlzeiten. Der Gewichtsverlust beginnt oft schon Jahre vor der Diagnose.4
Ja. In der schwedischen Registerstudie hatten untergewichtige Patienten (BMI unter 18,5) ein erhöhtes Sterberisiko.3 Untergewicht und rascher Gewichtsverlust gehören deshalb immer ärztlich abgeklärt.
Nein. Laut ESPEN-Leitlinie verbessert Trinknahrung den Ernährungszustand, ist aber nicht geeignet, das Gedächtnis zu verbessern oder den geistigen Abbau aufzuhalten.5
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Bei ungewolltem Gewichtsverlust, Ess- oder Schluckproblemen eines Menschen mit Demenz wenden Sie sich bitte an die behandelnde Ärztin oder den behandelnden Arzt.
- Chang VW, Hayes-Larson E, Zheng H, Zhang YS: Body mass index and mortality in incident dementia. J Alzheimers Dis 2026 (online 30.09.2026). doi:10.1177/13872877261491694
- Livingston G, Huntley J, Liu KY et al.: Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. Lancet 2024;404(10452):572–628. doi:10.1016/S0140-6736(24)01296-0
- García-Ptacek S, Kåreholt I, Farahmand B et al.: Body-mass index and mortality in incident dementia: a cohort study on 11,398 patients from SveDem, the Swedish Dementia Registry. J Am Med Dir Assoc 2014;15(6):447.e1–7. doi:10.1016/j.jamda.2014.03.001
- Zhang YS, Chang VW: Time Path of Weight Status Before and After Incident Dementia. J Aging Health 2024;36(1-2):98–109. doi:10.1177/08982643231170711
- Volkert D, Beck AM, Faxén-Irving G et al.: ESPEN guideline on nutrition and hydration in dementia – Update 2024. Clin Nutr 2024;43(6):1599–1626. doi:10.1016/j.clnu.2024.04.039
Zuletzt medizinisch geprüft: Oktober 2026



