Hören ohne Gerät hinter dem Ohr: Das Innsbrucker Unternehmen bringt ein vollständig implantiertes System auf den Markt. Ein Blick auf Daten, Grenzen und offene Fragen.
Das Tiroler Medizintechnikunternehmen MED-EL hat am 29. September 2026 TICI UNICO vorgestellt – ein unsichtbares Cochlea-Implantat, bei dem alle Bauteile einschließlich Mikrofon unter der Haut liegen. Ein äußerer Sprachprozessor ist nicht mehr nötig. Laut Hersteller ist damit Hören beim Schlafen, beim Sport, im Wasser und sogar während des Ladens möglich. Das System trägt das CE-Kennzeichen und wird in mehreren europäischen Ländern eingeführt. Für Menschen mit hochgradiger Schwerhörigkeit klingt das nach einem großen Schritt. Die veröffentlichte Datenlage ist allerdings noch schmal.
Was ein Cochlea-Implantat überhaupt macht
Ein Cochlea-Implantat (CI) ist eine elektronische Innenohrprothese. Es übernimmt die Arbeit der Haarsinneszellen in der Hörschnecke (Cochlea), wenn diese so stark geschädigt sind, dass auch ein gutes Hörgerät nicht mehr ausreicht. Eine dünne Elektrode in der Hörschnecke reizt den Hörnerv direkt mit elektrischen Impulsen. Das Gehirn lernt anschließend, diese Signale als Sprache und Geräusche zu verstehen.
Bei herkömmlichen Systemen gibt es zwei Teile: das Implantat unter der Haut und einen Sprachprozessor, der außen am Kopf getragen wird. Der Prozessor nimmt mit seinem Mikrofon den Schall auf, verarbeitet ihn und überträgt ihn per Magnetspule durch die Haut. Nimmt man ihn ab – nachts, beim Duschen, beim Schwimmen –, ist der Träger wieder taub.
Die Wirkung klassischer CIs ist gut belegt. Eine große Übersichtsarbeit aus 42 Reviews zeigt bei Erwachsenen bessere Sprachwahrnehmung, mehr Lebensqualität und Hinweise auf Vorteile für die geistige Leistungsfähigkeit1. Trotzdem lässt sich in Industrieländern laut dieser Arbeit weniger als jeder zehnte Erwachsene, der infrage käme, tatsächlich versorgen – unter anderem aus Sorge vor der Operation und wegen geringer Bekanntheit1.
Was beim unsichtbaren Cochlea-Implantat anders ist
Bei TICI UNICO (TICI steht für „totally implantable cochlear implant“, also vollständig implantierbares CI) sitzen Mikrofon, Elektronik und ein wiederaufladbarer Akku im Körper. Das Mikrofon nimmt den Schall durch die Haut auf. MED-EL-Mitgründerin und Geschäftsführerin Ingeborg Hochmair spricht laut Mitteilung von „einem neuen Kapitel in der Geschichte des Hörens“ (übersetzt).
Genau dieses implantierte Mikrofon galt jahrzehntelang als größte technische Hürde. Eine Fachübersicht von 2022 nannte Energieversorgung und implantierbare Mikrofone als die beiden zentralen ungelösten Probleme auf dem Weg zum voll implantierten CI2. Haut und Gewebe dämpfen den Schall, zudem können Körpergeräusche störend mitübertragen werden.
| Merkmal | Klassisches CI | TICI UNICO (laut Hersteller) |
|---|---|---|
| Äußerer Prozessor | ja, hinter dem Ohr oder am Kopf | nicht nötig |
| Mikrofon | außen im Prozessor | unter der Haut |
| Hören im Schlaf / beim Schwimmen | nur mit Zusatzlösungen bzw. nicht | möglich |
| Energie | Akku oder Batterie im Prozessor | implantierter Akku, wird regelmäßig geladen |
| Akkulaufzeit und -lebensdauer | Akku außen tauschbar | nicht veröffentlicht |
| Langzeitdaten | Jahrzehnte | bisher 1 Jahr bei 6 Personen publiziert |
Was die Studiendaten zeigen
Zum Marktprodukt selbst hat MED-EL keine neuen Studiendaten veröffentlicht. Die Pressemitteilung verweist nur allgemein auf klinische Daten und bisherige Erfahrungen. Publiziert ist eine Machbarkeitsstudie mit einem Vorläufer-Implantat, die 2025 im Fachjournal Communications Medicine erschien3. Ob dieses Studienimplantat in allen Details dem jetzt verkauften Gerät entspricht, geht aus den öffentlichen Unterlagen nicht hervor.
Die wichtigsten Eckdaten dieser Studie3:
- ▸ 6 Erwachsene (4 Frauen) mit beidseitiger hochgradiger Innenohrschwerhörigkeit, operiert ab September 2020 an der Uniklinik Lüttich und am LMU Klinikum München.
- ▸ Beobachtungszeit: 52 Wochen. Hauptziel war die Sicherheit, nicht der Nachweis eines besseren Hörens.
- ▸ Operation über den üblichen CI-Zugang; das Mikrofon wird zusätzlich in einem Knochenbett mit Schrauben befestigt. Die OP dauerte im Mittel 211 Minuten (98 bis 324).
- ▸ Sicherheit: ein erwartetes schwerwiegendes gerätebezogenes Ereignis – eine Schwellung an der Implantatstelle mit Infektzeichen, die nach Behandlung folgenlos abheilte. Keine unerwarteten schwerwiegenden Ereignisse.
- ▸ Sprachverstehen in Ruhe und im Störgeräusch war laut den Autoren mit dem unsichtbaren Modus ähnlich wie mit einem zusätzlich ausgegebenen herkömmlichen Außenprozessor.
- ▸ Lebensqualität: Der Lebensqualitäts-Index HUI3 stieg im Median von 0,45 vor der OP auf 0,85 nach einem Jahr.
- ▸ Nutzung im Alltag: Die Teilnehmenden hörten zwischen 4,2 und 18,5 Stunden täglich allein über das Implantat. Mindestens eine Person nutzte überwiegend den Außenprozessor.
Auch der australische Hersteller Cochlear hat ein voll implantierbares Forschungssystem getestet. In dieser Studie mit 10 Erwachsenen verbesserte sich das Sprachverstehen deutlich gegenüber dem Ausgangswert, im unsichtbaren Modus aber weniger stark als mit Außenprozessor. Bei 2 Teilnehmenden fiel das Gerät wegen eingedrungener Flüssigkeit am Mikrofon aus, beide erhielten ein herkömmliches Implantat4. Das betrifft ein anderes Gerät – zeigt aber, wo die technischen Schwachstellen solcher Systeme liegen können.
Das unsichtbare Cochlea-Implantat ist technisch ein echter Fortschritt. Die öffentlich verfügbaren Belege stammen aber aus einer einzigen kleinen, vom Hersteller finanzierten Studie mit sechs Personen über ein Jahr.
Die ehrliche Einordnung
Aus neurologischer und HNO-ärztlicher Sicht sind bei einem unsichtbaren Cochlea-Implantat einige Punkte noch nicht beantwortet:
- ⚠ Kleine Fallzahl, keine Statistik: Die Autoren schreiben selbst, dass sie wegen der geringen Teilnehmerzahl keine belastbare schließende Statistik rechnen konnten und ihre Schlüsse vorläufig sind3. Die Aussage „vergleichbares Hören“ beruht auf grafisch dargestellten Werten, nicht auf einem formalen Vergleich.
- ⚠ Interessenkonflikte: MED-EL finanzierte die Studie, stellte die Implantate und war an Design, Auswertung und Manuskript beteiligt. Drei der fünf Autoren sind Firmenangehörige3.
- ⚠ Akku: Wie lange eine Ladung hält, wie das Laden praktisch abläuft und nach wie vielen Jahren der implantierte Akku nachlässt, ist nicht veröffentlicht. Ob dann ein erneuter Eingriff nötig wird, ist offen.
- ⚠ MRT: Zur Verträglichkeit mit einer Magnetresonanztomografie macht die Studie keine Angaben; Menschen mit absehbarem MRT-Bedarf waren ausgeschlossen3. Für Patientinnen und Patienten mit Multipler Sklerose, Tumornachsorge oder anderen Erkrankungen mit regelmäßigen MRT-Kontrollen ist das eine zentrale Frage.
- ⚠ „24/7-Hören“ ist technisch möglich, wurde in der Studie aber nicht von allen so genutzt. Wie sich implantierte Mikrofone bei Kaugeräuschen, eigener Stimme oder Wind verhalten, beschreibt die Publikation nicht.
- ⚠ Zulassung und Kosten: In der EU CE-gekennzeichnet, in den USA laut Hersteller nicht von der FDA zugelassen. Ob und zu welchen Bedingungen Krankenkassen in Deutschland und Österreich die Kosten übernehmen, ist bislang nicht öffentlich bekannt.
Für wen kommt ein unsichtbares Cochlea-Implantat infrage?
Laut MED-EL richtet sich TICI UNICO an Menschen mit hochgradiger bis an Taubheit grenzender Innenohrschwerhörigkeit – also an dieselbe Gruppe, für die auch herkömmliche CIs gedacht sind. Für Erwachsene, die nach dem Spracherwerb schwerhörig geworden sind, gilt nach der deutschen S2k-Leitlinie die audiologische CI-Indikation als erfüllt, wenn das Einsilberverstehen mit optimal angepasstem Hörgerät bei 65 dB höchstens 60 % beträgt5. Die Leitlinie betont außerdem, dass die Versorgung an spezialisierten CI-Einrichtungen erfolgt und die Nachsorge lebenslang dauert5. Die Leitlinie stammt von 2020 und wird derzeit überarbeitet.
Ob das voll implantierte System für den Einzelnen besser geeignet ist als ein klassisches CI, hängt unter anderem von Schädelanatomie, Hautdicke, Lebensstil, MRT-Bedarf und persönlichen Prioritäten ab. Das kann nur ein CI-Zentrum beurteilen.
Was Sie jetzt tun können
- ✓ Wenn Sie trotz gut eingestellter Hörgeräte Gespräche kaum noch verstehen, lassen Sie an einem CI-Zentrum prüfen, ob ein Cochlea-Implantat infrage kommt – unabhängig vom neuen Modell.
- ✓ Fragen Sie gezielt nach: Akkulaufzeit, voraussichtliche Akkulebensdauer, MRT-Tauglichkeit, Erfahrungszahlen der Klinik mit dem System und Kostenübernahme durch Ihre Kasse.
- ✓ Lassen Sie sich klassische und voll implantierte Lösung im direkten Vergleich erklären, inklusive der Möglichkeit, bei Bedarf zusätzlich einen Außenprozessor zu nutzen.
- ✓ Wer bereits ein CI trägt, sollte nicht vorschnell an einen Wechsel denken: Ein Austausch bedeutet eine neue Operation.
- ⚠ plötzlicher Hörverlust auf einem oder beiden Ohren
- ⚠ Hörverlust mit Schwindel, Gesichtslähmung oder starken Kopfschmerzen
- ⚠ bei bestehendem Implantat: Rötung, Schwellung, Schmerzen oder Fieber im Bereich der Implantatstelle
Häufige Fragen
Laut Hersteller liegen alle Bauteile unter der Haut, im Alltag wird nichts am Kopf getragen. Der implantierte Akku muss aber regelmäßig geladen werden; Details zum Ladevorgang hat MED-EL bisher nicht veröffentlicht.
In der veröffentlichten Studie mit sechs Personen war das Sprachverstehen ähnlich wie mit einem Außenprozessor3. Für eine sichere Aussage reichen diese Daten noch nicht aus.
Laut MED-EL wird es schrittweise in verschiedenen europäischen Ländern eingeführt. Welche Kliniken in Deutschland und Österreich bereits implantieren, erfahren Sie am ehesten bei einem CI-Zentrum.
Dazu gibt es bisher keine veröffentlichten Daten. Klären Sie das unbedingt vor der Entscheidung mit dem CI-Zentrum.
Das ist für dieses neue System derzeit offen. Klären Sie die Kostenübernahme vor einer Entscheidung gemeinsam mit dem CI-Zentrum und Ihrer Krankenkasse.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Die Angaben zum Produkt beruhen auf einer Herstellermitteilung und einer kleinen, herstellerfinanzierten Studie. Ob ein Cochlea-Implantat und welches System für Sie geeignet ist, kann nur ein spezialisiertes CI-Zentrum nach eingehender Untersuchung beurteilen.
- Tang D, Tran Y, Lo C et al.: The Benefits of Cochlear Implantation for Adults: A Systematic Umbrella Review. Ear Hear 2024;45(4):801–807. doi:10.1097/AUD.0000000000001473
- Trudel M, Morris DP: The remaining obstacles for a totally implantable cochlear implant. Curr Opin Otolaryngol Head Neck Surg 2022;30(5):298–302. doi:10.1097/MOO.0000000000000840
- Lefebvre PP, Müller J, Mark G et al.: Rehabilitation of human hearing with a totally implantable cochlear implant: a feasibility study. Commun Med (Lond) 2025;5(1):10. doi:10.1038/s43856-024-00719-0
- Briggs R, Tari S, Rousset A et al.: Evaluation of a Totally Implantable Cochlear Implant in Adults With Bilateral Sensorineural Hearing Loss: A Feasibility Study. Ear Hear 2026;47(2):298–309. doi:10.1097/AUD.0000000000001750
- Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Hals-Chirurgie (DGHNO-KHC): Cochlea-Implantat-Versorgung. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 017-071, Stand Oktober 2020 (in Überarbeitung). AWMF-Register
Zusätzlich (nicht als wissenschaftliche Quelle gezählt): MED-EL-Pressemitteilung vom 29.09.2026.
Zuletzt medizinisch geprüft: Oktober 2026



