Abnehmspritze und Schwangerschaft: Große Analyse gibt vorsichtige Entwarnung
Wer mit Wegovy, Ozempic oder Mounjaro ungeplant schwanger wird, muss nicht in Panik geraten – sicher in der Schwangerschaft sind die Mittel deshalb aber nicht.
Was, wenn man unter der Abnehmspritze schwanger wird, ohne es zu wissen? Eine neue Übersichtsarbeit im Fachjournal Med hat Daten von mehr als 2,1 Millionen Schwangerschaften ausgewertet. Bei Frauen, die rund um die Empfängnis ein GLP-1-Medikament genommen hatten, fand sie kein klar erkennbar erhöhtes Risiko für Fehlgeburten, Fehlbildungen oder andere Komplikationen. Die Forschenden betonen aber: Ein Sicherheitsnachweis ist das nicht.1
Abnehmspritze und Schwangerschaft: Warum die Frage so drängt
GLP-1-Medikamente wie Semaglutid (Wegovy, Ozempic) oder Tirzepatid (Mounjaro) werden immer häufiger verschrieben – auch an Frauen im gebärfähigen Alter. Laut Fachinformation darf Semaglutid in der Schwangerschaft nicht angewendet werden. Frauen im gebärfähigen Alter wird empfohlen, während der Behandlung zu verhüten. Hintergrund sind unter anderem Tierversuche, in denen Semaglutid die Fortpflanzung beeinträchtigte.3
Trotzdem kommt es vor, dass Frauen schwanger werden, bevor sie es bemerken. Für sie stellt sich dann die bange Frage, ob das Medikament dem Kind geschadet haben könnte. Daten am Menschen gab es dazu bisher nur aus einzelnen, meist kleineren Beobachtungsstudien.
Was die neue Analyse untersucht hat
Ein internationales Team aus Italien, Schweden, Norwegen und Großbritannien um Francesco D’Antonio (Universität Chieti) und Asma Khalil (City St George’s, University of London) fasste die vorhandenen Studien in einer systematischen Übersichtsarbeit mit Metaanalyse zusammen – also einer statistischen Gesamtauswertung mehrerer Einzelstudien.1
- ▸ Datengrundlage: 10 Beobachtungsstudien mit insgesamt 2.118.215 Frauen.
- ▸ Exponiert: 8.325 Frauen hatten in den sechs Monaten vor einem positiven Schwangerschaftstest ein GLP-1-Medikament genommen. Verglichen wurden sie mit 2.109.890 Frauen ohne diese Medikamente.
- ▸ Untersucht: Fehlgeburt und Tod des Ungeborenen, Fehlbildungen, Frühgeburt, Bluthochdruck in der Schwangerschaft, Schwangerschaftsdiabetes, Wachstumsstörungen des Kindes (zu klein oder zu groß) und übermäßige Gewichtszunahme der Mutter.
- ▸ Zusätzlich: getrennte Auswertungen danach, ob die Medikamente wegen Diabetes oder wegen Übergewicht verschrieben wurden.
Die Ergebnisse: Kein erkennbar höheres Risiko
| Ergebnis | Klar erkennbar erhöhtes Risiko? |
|---|---|
| Fehlgeburt oder Tod im Mutterleib | Nein |
| Fehlbildungen | Nein |
| Frühgeburt | Nein |
| Bluthochdruck in der Schwangerschaft | Nein |
| Schwangerschaftsdiabetes | Nein |
| Kind zu klein oder zu groß | Nein |
| Übermäßige Gewichtszunahme der Mutter | Nein |
Quelle: D’Antonio et al., Med 20261
Auch bei der Aufteilung nach Diabetes oder Übergewicht zeigten sich keine klaren Unterschiede. Für die Präeklampsie – eine gefährliche Form des Schwangerschaftsbluthochdrucks – lag das Risiko bei den exponierten Frauen sogar etwas niedriger. Dieser Befund beruht aber nur auf zwei Datensätzen und sollte laut den Autoren vorsichtig interpretiert werden.1
Eine zweite, unabhängige Metaanalyse eines vorwiegend türkischen Teams kam 2026 zu einem ähnlichen Bild: Sie wertete sieben Kohortenstudien mit über 40.000 exponierten Schwangerschaften aus und fand keinen statistisch klaren Anstieg schwerer Fehlbildungen, Fehlgeburten, Totgeburten oder Frühgeburten. Ein Hinweis auf mehr Fehlbildungen der Harnwege beruhte nur auf unbereinigten Daten; die Autoren halten ihn eher für eine Verzerrung. Sie bewerten die Sicherheit der Evidenz insgesamt als niedrig.2
„Kein erkennbar erhöhtes Risiko“ heißt nicht „sicher“. Die Daten beruhigen, wenn es schon passiert ist – sie sind kein Freibrief, in der Schwangerschaft weiterzuspritzen.
Die ehrliche Einordnung
Die Autorinnen und Autoren schreiben selbst, dass ihre Ergebnisse die Sicherheit der Medikamente nicht belegen – wegen Unterschieden zwischen den Studien, möglicher Verzerrungen und begrenzter Datensätze.1 Studienleiterin Asma Khalil betont laut Mitteilung ihrer Universität (übersetzt): Die Empfehlung, GLP-1-Medikamente vor einer geplanten Schwangerschaft abzusetzen, gilt weiter.
- ⚠ Nur Beobachtungsdaten: Frauen mit und ohne Abnehmspritze unterscheiden sich auch sonst – etwa bei Gewicht, Diabetes oder Alter. Das kann Ergebnisse in beide Richtungen verzerren.
- ⚠ „Größte“ Analyse – mit Einschränkung: Groß ist vor allem die Vergleichsgruppe. Exponiert waren 8.325 Frauen. Für seltene Fehlbildungen ist das noch wenig.
- ⚠ Exposition vor allem vor der Schwangerschaft: Untersucht wurde die Einnahme in den sechs Monaten vor dem positiven Test – nicht eine Behandlung über die Schwangerschaft hinweg.
- ⚠ Wenige Studien pro Frage: Die Hauptauswertung zu Fehlbildungen stützt sich auf nur vier Studien.1
- ⚠ Nur das Abstract: Der Volltext war für diese Auswertung nicht frei abrufbar.
Was Sie jetzt tun können
- ✓ Rechtzeitig absetzen: Semaglutid (Wegovy) muss laut Fachinformation wegen seiner langen Wirkdauer mindestens 2 Monate vor einer geplanten Schwangerschaft abgesetzt werden.3 Für Tirzepatid (Mounjaro) nennt die Fachinformation mindestens 1 Monat.4
- ✓ Während der Therapie verhüten: Beide Fachinformationen empfehlen Frauen im gebärfähigen Alter eine Verhütung während der Behandlung.3,4
- ✓ Früh beraten lassen: Sprechen Sie Ihren Kinderwunsch bei der Ärztin oder dem Arzt an, die oder der die Spritze verschreibt, und bei Ihrer Frauenärztin.
- ▸ Die Spritze absetzen – bei einer Schwangerschaft ist das laut Fachinformation vorgesehen.3,4
- ▸ Zeitnah Ihre Frauenärztin oder Ihren Frauenarzt informieren, welches Medikament Sie wann genommen haben.
- ▸ Nicht in Panik geraten: Das rät auch Studienleiterin Khalil laut Mitteilung – und empfiehlt, sich vom Behandlungsteam persönlich beraten zu lassen.
Häufige Fragen zu Abnehmspritze und Schwangerschaft
Die bisher größten Auswertungen fanden kein klar erhöhtes Risiko für Fehlbildungen oder Fehlgeburten.1,2 Das ist beruhigend, aber kein Sicherheitsnachweis. Besprechen Sie die Situation mit Ihrer Frauenärztin oder Ihrem Frauenarzt.
Nein. Semaglutid darf in der Schwangerschaft nicht angewendet werden, Tirzepatid soll bei einer Schwangerschaft abgesetzt werden.3,4 Die neuen Daten ändern daran nichts.
Laut Fachinformation mindestens 2 Monate bei Semaglutid (Wegovy)3 und mindestens 1 Monat bei Tirzepatid (Mounjaro).4
Laut Fachinformation darf Semaglutid während der Stillzeit nicht angewendet werden.3
Die Analyse fand ein etwas niedrigeres Risiko, allerdings nur auf Basis von zwei Datensätzen. Die Autoren raten zu vorsichtiger Interpretation – eine Schutzwirkung ist damit nicht belegt.1
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Kinderwunsch oder einer Schwangerschaft unter Abnehmmedikamenten wenden Sie sich bitte an Ihre Frauenärztin oder Ihren Frauenarzt.
- D’Antonio F, Flacco ME, Manzoli L et al.: GLP-1 receptor agonist exposure in the periconceptional period and adverse obstetric outcomes: A systematic review and meta-analysis. Med 2026:101267. doi:10.1016/j.medj.2026.101267
- Uysal N, Horoz E, Gungor M et al.: Pregnancy outcomes following maternal GLP-1 receptor agonist exposure: a systematic review and meta-analysis. Sci Rep 2026. doi:10.1038/s41598-026-61582-8
- Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): Wegovy (Semaglutid) – Produktinformation/Fachinformation, Abschnitt 4.6. ema.europa.eu (PDF)
- Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA): Mounjaro (Tirzepatid) – Produktinformation/Fachinformation, Abschnitt 4.6. ema.europa.eu (PDF)
Zuletzt medizinisch geprüft: Oktober 2026



