Parkinson und Bewegung: Aktive Menschen bauen langsamer ab
Eine neue Langzeitstudie verbindet mehr Aktivität im Alltag mit langsamerem geistigem und motorischem Abbau – was sie zeigt und was nicht.
Wer mit Parkinson körperlich aktiv bleibt, verliert offenbar langsamer an geistiger Leistungsfähigkeit und Beweglichkeit. Das berichtet ein Team der University of Cincinnati im Fachjournal Neurology. Die Forschenden haben 294 Menschen mit Parkinson über mehrere Jahre begleitet. Für Betroffene ist die Botschaft ermutigend – aber sie hat Grenzen, die man kennen sollte.1
Parkinson: Warum Bewegung so ein grosses Thema ist
Parkinson ist eine fortschreitende Erkrankung des Nervensystems, bei der Nervenzellen zugrunde gehen, die den Botenstoff Dopamin herstellen. Typisch sind verlangsamte Bewegungen, Steifigkeit und Zittern. Im Verlauf können auch Gedächtnis und Konzentration nachlassen.
Medikamente lindern die Beschwerden gut, sie halten das Fortschreiten der Krankheit aber nicht auf. Genau deshalb interessiert die Forschung seit Jahren eine Frage: Kann Bewegung mehr als nur Symptome bessern – kann sie den Verlauf bremsen?
Dass Training die Beschwerden lindert, ist gut belegt. Eine Cochrane-Übersicht – eine besonders sorgfältige Auswertung vieler Studien – hat 154 randomisierte Studien mit 7.837 Teilnehmenden zusammengefasst. Die meisten Trainingsformen verbesserten die motorischen Symptome und die Lebensqualität, etwa Tanzen, Gang- und Gleichgewichtstraining oder Ausdauertraining.2 Ob Bewegung auch den langfristigen Verlauf beeinflusst, ist dagegen deutlich schlechter untersucht.
So lief die neue Studie ab
Die Forschenden werteten Daten des Cincinnati Cohort Biomarker Program aus, einer Langzeitbeobachtung von Menschen mit leichtem bis mittelschwerem Parkinson. Die Teilnehmenden waren im Schnitt 66,4 Jahre alt, 33 Prozent waren Frauen.1
- ▸ Aktivität: per standardisiertem Interview erfragt – also Selbstauskunft, keine Messung mit Fitness-Tracker.
- ▸ Beweglichkeit: gemessen mit dem MDS-UPDRS Teil III, einer ärztlichen Untersuchungsskala für Parkinson-Symptome. Höhere Werte bedeuten stärkere Beschwerden. Beobachtet wurde bis zu 7 Jahre.
- ▸ Denkleistung: gemessen mit dem MoCA-Test, einem kurzen Gedächtnis- und Denktest (maximal 30 Punkte, höher ist besser). Beobachtet wurde bis zu 5 Jahre.
- ▸ Auswertung: Die Teilnehmenden wurden nach ihrer gesamten Aktivitätszeit in drei gleich grosse Gruppen geteilt (wenig, mittel, viel aktiv). Alter, Geschlecht und Krankheitsmerkmale wurden statistisch berücksichtigt.
Laut Mitteilung der American Academy of Neurology entsprach „wenig aktiv“ bis zu 4 Stunden pro Woche, „mittel“ 4 bis 8 Stunden und „viel aktiv“ mehr als 8 Stunden.
Die Ergebnisse: Mehr Bewegung, langsamerer Abbau
Je aktiver die Teilnehmenden waren, desto langsamer veränderten sich ihre Werte über die Jahre.1
| Aktivitätsgruppe | Denktest (MoCA) pro Jahr | Beweglichkeit (UPDRS-III) pro Jahr |
|---|---|---|
| Wenig aktiv | −0,478 Punkte | +0,143 Punkte (leicht schlechter) |
| Mittel aktiv | −0,090 Punkte | −0,225 Punkte |
| Viel aktiv | −0,007 Punkte (praktisch stabil) | −0,783 Punkte |
Beim MoCA bedeutet ein Minus Verschlechterung, bei der UPDRS-III bedeutet ein Minus weniger Beschwerden. Quelle: Ryu et al., Neurology 20261
Im direkten Vergleich der aktivsten mit der am wenigsten aktiven Gruppe war der Unterschied beim Denktest statistisch deutlich. Bei der Beweglichkeit war er nur knapp statistisch signifikant (p = 0,048), also gerade eben von einem Zufallsbefund abzugrenzen.1
Zwei Detailbefunde sind für den Alltag besonders interessant:
- ✓ Die aktuelle Aktivität zählt: Der Zusammenhang blieb bestehen, auch wenn man berücksichtigte, wie aktiv jemand in den zehn Jahren davor gewesen war. Es ist also offenbar nicht zu spät, jetzt anzufangen.
- ✓ Dauer vor Intensität: Sehr anstrengende Aktivität hatte keinen eigenen Zusatznutzen mehr, sobald die Gesamtzeit berücksichtigt war. Die Autorinnen und Autoren schliessen daraus, dass vor allem Dauer und Regelmässigkeit wichtig sein könnten.
Nicht der eine harte Lauf zählt, sondern die vielen aktiven Stunden pro Woche – und zwar die von heute, nicht die von früher.
Die ehrliche Einordnung
So ermutigend die Zahlen sind: Die Studie beweist nicht, dass Bewegung den Parkinson-Verlauf bremst. Sie zeigt einen Zusammenhang. Die Forschenden nennen selbst drei Einschränkungen: die reine Beobachtung ohne Zufallszuteilung, die selbst angegebene Aktivität und eine mögliche Verzerrung bei der Auswahl der Teilnehmenden.1
- ⚠ Henne oder Ei? Wer weniger Beschwerden hat, kann sich auch leichter bewegen. Ein Teil des Effekts könnte also umgekehrt zustande kommen.
- ⚠ Kleine Unterschiede: Die jährlichen Veränderungen liegen im Bereich von Bruchteilen eines Punktes. Ob sie über viele Jahre spürbar werden, ist nicht belegt.
- ⚠ Eine Klinik, eine Kohorte: Alle Teilnehmenden stammen aus einem Zentrum in den USA, zwei Drittel waren Männer. Menschen mit fortgeschrittener Erkrankung waren nicht eingeschlossen.
- ⚠ Nur das Abstract: Der Volltext der Studie war bei Redaktionsschluss nicht frei zugänglich. Diese Einordnung stützt sich auf die Zusammenfassung im Fachjournal.
Randomisierte Studien – bei denen das Los entscheidet, wer trainiert – deuten in dieselbe Richtung, sind aber meist kurz. In der US-Studie SPARX blieben die motorischen Werte bei Menschen mit frisch diagnostiziertem, noch unbehandeltem Parkinson nach sechs Monaten intensiven Laufbandtrainings stabil (+0,3 Punkte), während sie in der Kontrollgruppe um 3,2 Punkte stiegen.3 Auch das war eine kleinere Phase-2-Studie mit 128 Teilnehmenden, kein endgültiger Beweis.
Was Sie jetzt tun können
Auch ohne letzten Beweis für eine Verlaufsbremse gilt: Bewegung lindert nachweislich Parkinson-Symptome und verbessert die Lebensqualität.2 Die Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Neurologie empfiehlt Physiotherapie im Umfang von mindestens drei Stunden pro Woche, teils auch als selbstständiges Training. Bei leichten Gedächtnisproblemen soll Ausdauertraining im aeroben Bereich erfolgen.4
- ✓ In Stunden pro Woche denken: Spaziergänge, Radfahren, Gartenarbeit, Tanzen und Physiotherapie zählen zusammen.
- ✓ Lieber regelmässig als extrem: Tägliche moderate Bewegung ist ein realistischeres Ziel als seltene Höchstleistungen.
- ✓ Wählen, was Freude macht: Laut Cochrane-Analyse unterscheiden sich die Trainingsformen kaum – entscheidend ist, dass Sie dabeibleiben.2
- ✓ Gleichgewicht mittrainieren: Stürze waren die häufigste unerwünschte Folge in Trainingsstudien. Gang- und Balanceübungen gehören deshalb dazu.2
- ✓ Physiotherapie verordnen lassen: Sprechen Sie Ihre Neurologin oder Ihren Neurologen gezielt darauf an.
Wenn Sie häufig stürzen, beim Aufstehen Schwindel haben (oft durch Blutdruckabfall), Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben oder lange inaktiv waren, besprechen Sie Art und Umfang des Trainings vorher mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
Häufige Fragen zu Parkinson und Bewegung
Nein, aufhalten kann Bewegung die Erkrankung nach heutigem Wissen nicht. Die neue Studie verbindet mehr Aktivität mit einem langsameren Fortschreiten, belegt aber keine Ursache. Sicher ist, dass Training die Beschwerden lindert.
In der Studie schnitten Menschen mit mehr als acht aktiven Stunden pro Woche am besten ab. Die deutsche Leitlinie empfiehlt mindestens drei Stunden Physiotherapie pro Woche. Beides lässt sich gut kombinieren.
Nach dieser Studie offenbar nicht. Entscheidend war die Gesamtdauer, nicht der Anteil sehr intensiver Aktivität. Moderate, regelmässige Bewegung ist ein guter Ausgangspunkt.
Die Daten sprechen dafür: Der Zusammenhang hing an der aktuellen Aktivität, unabhängig davon, wie aktiv jemand in den zehn Jahren zuvor war.
Die Cochrane-Analyse fand Nutzen für viele Formen – Tanzen, Gang- und Gleichgewichtstraining, Ausdauer, Kraft und Wassertraining – aber kaum Unterschiede zwischen ihnen. Die beste Sportart ist die, die Sie regelmässig machen.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Ändern Sie Ihre Parkinson-Therapie nicht eigenmächtig und besprechen Sie neue Trainingspläne mit Ihrem Behandlungsteam.
- Ryu DW, Duque KR, Marsili L et al.: Physical Activity and Motor and Cognitive Progression in Parkinson Disease: A Longitudinal Cohort Study. Neurology 2026;107(9):e218682. doi:10.1212/WNL.0000000000218682
- Ernst M, Folkerts AK, Gollan R et al.: Physical exercise for people with Parkinson’s disease: a systematic review and network meta-analysis. Cochrane Database Syst Rev 2024;4(4):CD013856. doi:10.1002/14651858.CD013856.pub3
- Schenkman M, Moore CG, Kohrt WM et al.: Effect of High-Intensity Treadmill Exercise on Motor Symptoms in Patients With De Novo Parkinson Disease: A Phase 2 Randomized Clinical Trial. JAMA Neurol 2018;75(2):219–226. doi:10.1001/jamaneurol.2017.3517
- Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Parkinson-Krankheit. S2k-Leitlinie, AWMF-Registernummer 030-010, 2023. AWMF-Register (PDF); englische Zusammenfassung: Höglinger G, German Parkinson’s Guidelines Committee, Trenkwalder C: Diagnosis and treatment of Parkinson’s disease (guideline of the German Society for Neurology). Neurol Res Pract 2024;6:30. doi:10.1186/s42466-024-00325-4
Zuletzt medizinisch geprüft: Oktober 2026


