Eine kleine randomisierte Studie testet die Hydrodissektion. Was sie für Betroffene bedeutet – und was noch offen ist.
Kribbelnde, nachts eingeschlafene Finger: Das Karpaltunnelsyndrom ist der häufigste Nervenengpass überhaupt. Lässt es sich ohne OP behandeln? Ein Team aus Indien berichtet in der Fachzeitschrift Radiology, dass eine Injektion von reiner Kochsalzlösung rund um den Nerv – gezielt unter Ultraschall – die Beschwerden über sechs Monate linderte. Eine Kortisonspritze allein wirkte zwar zunächst, die Beschwerden kamen aber zurück.1
Was beim Karpaltunnelsyndrom passiert
Am Handgelenk verläuft der Mittelnerv (Nervus medianus) zusammen mit den Beugesehnen durch einen engen Kanal, den Karpaltunnel. Wird es dort zu eng, gerät der Nerv unter Druck. Typisch sind Kribbeln und Taubheit in Daumen, Zeige- und Mittelfinger, oft nachts. Später können Kraft und Feingefühl nachlassen.
Bei leichten bis mittelschweren Beschwerden wird meist zuerst konservativ behandelt – also ohne Operation, zum Beispiel mit einer Nachtschiene oder einer Kortisonspritze. Helfen diese Maßnahmen nicht, wird häufig die Operation empfohlen, bei der das einengende Band durchtrennt wird.
Was ist Hydrodissektion?
Bei der Hydrodissektion spritzt die Ärztin oder der Arzt unter Ultraschallsicht Flüssigkeit rund um den Nerv – so lange, bis er im Ultraschallbild vollständig vom umgebenden Gewebe gelöst ist. Die Idee: Der Nerv wird mechanisch „freigespült“ und bekommt mehr Platz.1
Das Verfahren gibt es schon länger. Bisher war aber unklar, ob die Flüssigkeit selbst wirkt – denn meist wurde Kortison oder Zuckerlösung (Dextrose) mitgespritzt. Genau diese Frage wollte die neue Studie klären.1
So lief die Studie ab
Laut Veröffentlichung nahmen 39 Erwachsene mit hartnäckigem Karpaltunnelsyndrom teil, bei denen frühere Behandlungen nicht geholfen hatten. Behandelt wurden insgesamt 63 Handgelenke. Das Durchschnittsalter lag bei 42 Jahren.1 Die Handgelenke wurden per Zufall auf drei Gruppen verteilt:
- ▸ Gruppe 1: Hydrodissektion mit Kochsalzlösung
- ▸ Gruppe 2: Kortisonspritze neben den Nerv, ohne Hydrodissektion
- ▸ Gruppe 3: Hydrodissektion mit Kochsalzlösung plus Kortison
Gemessen wurden Beschwerden und Handfunktion mit einem Standard-Fragebogen (Boston Carpal Tunnel Questionnaire), Schmerzen auf einer Skala sowie die Dicke des Nervs im Ultraschall. Kontrollen erfolgten nach 4, 12 und 24 Wochen.1
Die wichtigsten Ergebnisse
| Gruppe | Spürbare Besserung nach 24 Wochen* | Nerv nach 12 Wochen dünner um |
|---|---|---|
| 1: Kochsalz-Hydrodissektion | 85,7 % der Handgelenke | 43 % |
| 2: nur Kortisonspritze | nicht besser als zu Beginn | 11 % |
| 3: Hydrodissektion + Kortison | 90,5 % der Handgelenke | 46 % |
* Anteil der Handgelenke, deren Beschwerde-Score sich um mindestens den Wert verbesserte, der für Betroffene als spürbar gilt. Quelle: Bose et al.1
Ein geschwollener Nerv ist im Ultraschall dicker als normal. Dass er in den Hydrodissektions-Gruppen deutlich abschwoll, passt zur Besserung der Beschwerden. Zwischen Gruppe 1 und 3 gab es keinen nennenswerten Unterschied: Das zusätzliche Kortison brachte keinen Vorteil. Schwere Komplikationen traten nicht auf.1
In dieser Studie wirkte offenbar das Freilösen des Nervs mit Flüssigkeit – nicht das Kortison. Ein Beweis, dass damit eine Operation überflüssig wird, ist das noch nicht.
Die ehrliche Einordnung
- ⚠ Kleine Studie: 39 Personen an einem Zentrum in Indien. Die Ergebnisse müssen in größeren Studien bestätigt werden.
- ⚠ Nur sechs Monate: Ob die Wirkung über Jahre anhält, ist unbekannt.
- ⚠ Kein Vergleich mit der Operation: Ob die Hydrodissektion einer OP ebenbürtig ist, wurde nicht untersucht.
- ⚠ Kortison schnitt hier ungewöhnlich schlecht ab: Große Übersichtsarbeiten zeigen, dass eine Kortisonspritze bei leichtem bis mittelschwerem Karpaltunnelsyndrom bis zu sechs Monate hilft.2 In dieser Studie waren alle Teilnehmenden bereits therapieresistent – das kann das Ergebnis beeinflusst haben.
- ⚠ Nur einfach verblindet: Ein Teil der Beteiligten wusste, welche Behandlung erfolgte.
Der Volltext der Studie war zum Zeitpunkt der Erstellung nicht frei zugänglich; die Angaben stammen aus der veröffentlichten Zusammenfassung.
Was die bisherige Studienlage sagt
Für die etablierten Behandlungen gibt es Cochrane-Übersichtsarbeiten, die alle verfügbaren randomisierten Studien auswerten:
- ✓ Kortisonspritze: verbessert Beschwerden und Funktion wahrscheinlich bis zu sechs Monate und senkt den Bedarf an Operationen innerhalb eines Jahres leicht.2
- ✓ Nachtschiene: Der Nutzen ist unsicher; nächtliches Tragen kann aber kurzfristig die Chance auf Besserung erhöhen – bei geringen Kosten und kaum Risiken.3
- ✓ Operation: Im Vergleich zur Schiene führt sie langfristig wahrscheinlich häufiger zu einer Besserung. Wie groß der Vorteil gegenüber anderen nicht-operativen Verfahren ist, bleibt unklar.4
Die Hydrodissektion könnte künftig eine weitere Option zwischen Spritze und OP werden. Dafür braucht es aber größere Studien mit längerer Beobachtung.
Was Sie jetzt tun können
- ✓ Lassen Sie die Diagnose sichern – in der Regel mit einer Messung der Nervenleitgeschwindigkeit, oft ergänzt durch Ultraschall.
- ✓ Fragen Sie nach dem Schweregrad: Davon hängt ab, ob konservativ behandelt werden kann.
- ✓ Interessieren Sie sich für die Hydrodissektion, fragen Sie gezielt nach Erfahrung mit ultraschallgesteuerten Injektionen am Nerv.
- ✓ Warten Sie bei bleibender Taubheit oder Muskelschwund nicht zu lange mit der Abklärung einer Operation.
Notieren Sie zwei Wochen lang, wann die Finger einschlafen und was hilft (z. B. Ausschütteln der Hand). Diese Angaben helfen bei der Einschätzung des Schweregrads und beim Vergleich vor und nach einer Behandlung.
- ⚠ dauerhafte Taubheit, die nicht mehr verschwindet
- ⚠ sichtbarer Muskelschwund am Daumenballen
- ⚠ Gegenstände fallen Ihnen aus der Hand, Knöpfe schließen fällt schwer
- ⚠ plötzliche Lähmung oder Gefühlsstörung, die nicht zur Hand passt (z. B. Gesicht, ganzer Arm): Notruf 112
Häufige Fragen
Möglicherweise, aber das ist noch nicht belegt. Die Studie hat die Methode nicht direkt mit einer Operation verglichen und nur sechs Monate beobachtet.
Es handelt sich um eine Injektion mit dünner Nadel. In der Studie traten keine schweren Komplikationen auf; Angaben zu leichteren Beschwerden enthält die Zusammenfassung nicht.
Nein. Große Übersichtsarbeiten zeigen einen Nutzen bis zu sechs Monate. Die neue Studie betrifft vor allem Menschen, bei denen andere Behandlungen bereits versagt haben.
Das hängt vom Land, der Versicherung und der Abrechnung im Einzelfall ab. Klären Sie die Kosten vorab mit Ihrer Praxis und Ihrer Krankenversicherung.
Der Nutzen ist nicht sicher belegt. Nächtliches Tragen kann aber kurzfristig helfen und ist risikoarm.
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Welche Therapie bei Ihnen sinnvoll ist, hängt vom Schweregrad und Ihrer persönlichen Situation ab.
- Bose A, Tandon A, Mehrotra G et al.: Efficacy of US-guided Hydrodissection for Carpal Tunnel Syndrome: A Prospective Randomized Controlled Trial. Radiology 2026;321(1):e260185. doi:10.1148/radiol.260185
- Ashworth NL, Bland JDP, Chapman KM et al.: Local corticosteroid injection versus placebo for carpal tunnel syndrome. Cochrane Database Syst Rev 2023;2(2):CD015148. doi:10.1002/14651858.CD015148
- Karjalainen TV, Lusa V, Page MJ et al.: Splinting for carpal tunnel syndrome. Cochrane Database Syst Rev 2023;2(2):CD010003. doi:10.1002/14651858.CD010003.pub2
- Lusa V, Karjalainen TV, Pääkkönen M et al.: Surgical versus non-surgical treatment for carpal tunnel syndrome. Cochrane Database Syst Rev 2024;1(1):CD001552. doi:10.1002/14651858.CD001552.pub3
Zuletzt medizinisch geprüft: Oktober 2026



