Zwei kleine Studien finden einen Hinweis im Blut. Ein Tinnitus-Bluttest für die Praxis ist das noch nicht.
Tinnitus lässt sich bisher nicht messen – nur erfragen. Ein Forschungsteam der University of Connecticut berichtet nun in zwei Fachzeitschriften, dass Menschen mit chronischem Tinnitus mehr von einem bestimmten Innenohr-Eiweiß im Blut haben: Prestin.1,2 Das könnte eines Tages zu einem Tinnitus-Bluttest führen und erklären helfen, woher die Ohrgeräusche kommen. Bis dahin ist es aber ein weiter Weg.
Tinnitus: häufig, belastend, schwer greifbar
Tinnitus bezeichnet Ohrgeräusche wie Pfeifen, Rauschen oder Summen, die keine äußere Schallquelle haben. Bis zu ein Fünftel der Erwachsenen kennt solche Geräusche, bei etwa 1 bis 3 Prozent belasten sie stark.3
Das Problem: Ärztinnen und Ärzte können Tinnitus bisher nicht objektiv nachweisen. Sie stützen sich auf die Schilderung der Betroffenen, Hörtests und Fragebögen. Ein messbarer Marker im Blut – ein sogenannter Biomarker – wäre deshalb ein wichtiger Fortschritt.
Was ist Prestin?
Im Innenohr sitzen die äußeren Haarzellen. Sie verstärken leise Töne, indem sie sich blitzschnell verkürzen und strecken. Der „Motor“ dafür ist das Eiweiß Prestin.1
Prestin lässt sich auch im Blut messen. Frühere Tierversuche hatten zudem gezeigt, dass Prestin bei einem Tinnitus-auslösenden Medikament (hochdosiertes Salicylat) vermehrt gebildet wird. Daraus entstand die Idee, Prestin bei Menschen mit Tinnitus zu messen.1
Die zwei Studien im Überblick
| Studie 11 | Studie 22 | |
|---|---|---|
| Teilnehmende | 89 (49 mit Tinnitus, 40 ohne) | 82 (41 mit Tinnitus, 41 ohne) |
| Messmethode | Western Blot (Eiweiß-Varianten) | ELISA (Eiweiß-Menge) |
| Ergebnis Prestin | eine Variante (97 kDa) erhöht | erhöht |
| Berücksichtigt | Alter, Hörschwelle, Lärmbelastung | Alter, Hörschwelle, Lärmbelastung |
| Weitere Eiweiße | – | Otoferlin, Connexin 26, Stereocilin: kein Unterschied |
Wichtig für die Aussagekraft: Beide Studien rechneten Alter, Hörvermögen und die per Messgerät erfasste tägliche Lärmbelastung heraus.1,2 Der Unterschied ist also nicht einfach dadurch erklärt, dass Menschen mit Tinnitus häufiger schlechter hören.
In der zweiten Studie stand der Prestin-Wert allerdings nicht im Zusammenhang damit, wie stark der Tinnitus die Betroffenen belastete (gemessen mit dem Tinnitus Handicap Inventory).2
Erhöhtes Prestin im Blut spricht dafür, dass bei manchen Menschen mit Tinnitus die äußeren Haarzellen im Innenohr beteiligt sind. Ein zuverlässiger Test für den Einzelfall ist das noch nicht.
Die ehrliche Einordnung
- ⚠ Kleine Gruppen: Jeweils unter 100 Personen an einer einzigen Universitätsklinik. Ob sich teilweise dieselben Personen in beiden Studien befinden, geht aus den Zusammenfassungen nicht hervor.
- ⚠ Gruppenunterschied, kein Test: Die Studien zeigen höhere Mittelwerte bei Betroffenen. Wie gut der Wert eine einzelne Person richtig einordnet, wurde nicht berichtet.
- ⚠ Kein Bezug zur Belastung: Wie sehr der Tinnitus stört, hing in Studie 2 nicht mit dem Prestin-Wert zusammen.
- ⚠ Unterschiedliche Messmethoden: Die beiden Studien verwendeten verschiedene Laborverfahren. Ein einheitlicher, geprüfter Test existiert noch nicht.
- ⚠ Keine Therapie in Sicht: Aus dem Befund folgt noch keine Behandlung.
Die Volltexte beider Studien waren zum Zeitpunkt der Erstellung nicht frei zugänglich; die Angaben stammen aus den veröffentlichten Zusammenfassungen.
Was bei Tinnitus heute nachweislich hilft
Auch ohne Bluttest gibt es Behandlungen mit guter Studienlage:
- ✓ Kognitive Verhaltenstherapie: Eine Cochrane-Auswertung von 28 Studien mit 2.733 Teilnehmenden zeigt, dass sie die Belastung durch den Tinnitus verringern kann – das Geräusch selbst verschwindet dabei meist nicht, aber der Umgang damit wird leichter.3
- ✓ Hörgeräte und Geräuschgeneratoren: Gehören neben Aufklärung und Entspannungsverfahren zu den gängigen Behandlungsstrategien, vor allem bei gleichzeitiger Schwerhörigkeit.4
- ▸ Medikamente: Bisher ist kein Medikament gegen Tinnitus behördlich zugelassen. Betahistin, das oft verschrieben wird, zeigte in Studien keinen Vorteil gegenüber Placebo.4
Was Sie jetzt tun können
- ✓ Lassen Sie neu aufgetretene Ohrgeräusche HNO-ärztlich abklären, inklusive Hörtest.
- ✓ Schützen Sie Ihr Gehör vor Lärm, zum Beispiel mit Gehörschutz bei Konzerten oder lauter Arbeit.
- ✓ Fragen Sie bei belastendem Tinnitus gezielt nach Verhaltenstherapie oder spezialisierten Tinnitus-Programmen.
- ✓ Seien Sie vorsichtig bei kommerziellen „Tinnitus-Bluttests“: Ein geprüfter Test existiert derzeit nicht.
Stille verstärkt Tinnitus oft. Leise Hintergrundgeräusche – etwa ein Ventilator oder Naturklänge – können vor allem beim Einschlafen helfen, das Ohrgeräusch weniger wahrzunehmen.
- ⚠ plötzlicher Hörverlust auf einem Ohr (am selben oder nächsten Tag abklären lassen)
- ⚠ pulsierendes, herzschlagsynchrones Ohrgeräusch
- ⚠ Tinnitus nur auf einer Seite mit Schwindel oder Gleichgewichtsstörungen
- ⚠ Ohrgeräusch zusammen mit Lähmungen, Sprach- oder Sehstörungen: Notruf 112
Häufige Fragen
Derzeit nicht sinnvoll. Die Messung ist ein Forschungsverfahren ohne geprüfte Grenzwerte, und das Ergebnis hätte keine Folgen für die Behandlung.
Die Studien deuten auf eine Beteiligung der äußeren Haarzellen hin. Für den Einzelfall lässt sich daraus aber noch nichts ableiten.
Das ist offen. Zuerst müssen größere Studien die Ergebnisse bestätigen und klären, wie zuverlässig der Wert im Einzelfall ist.
Eine Wirkung ist nicht belegt. Eine Cochrane-Auswertung fand möglicherweise keinen Unterschied zu Placebo, die Studienlage ist allerdings sehr unsicher.5
Das lässt sich nicht vorhersagen. Bei chronischem Tinnitus steht meist im Vordergrund, die Belastung zu senken – dafür ist die Verhaltenstherapie am besten untersucht.3
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Untersuchung, Diagnose oder Behandlung. Lassen Sie Ohrgeräusche und Hörveränderungen ärztlich abklären.
- Adamczyk P, Wilson D, Prakash P et al.: Elevation of Serum Prestin in Patients With Tinnitus: Pathophysiological Implications and Biomarker Potential. Otol Neurotol 2026;47(3):e500–e507. doi:10.1097/MAO.0000000000004789
- Adamczyk P, Corsetti R, Preniqi Z et al.: Serum Levels of Prestin, Otoferlin, Connexin 26, and Stereocilin: A Biomarker Approach to Tinnitus. Otolaryngol Head Neck Surg 2026. doi:10.1002/ohn.70382
- Fuller T, Cima R, Langguth B et al.: Cognitive behavioural therapy for tinnitus. Cochrane Database Syst Rev 2020;1(1):CD012614. doi:10.1002/14651858.CD012614.pub2
- Wegner I, Hall DA, Smit AL et al.: Betahistine for tinnitus. Cochrane Database Syst Rev 2018;12(12):CD013093. doi:10.1002/14651858.CD013093.pub2
- Sereda M, Xia J, Scutt P et al.: Ginkgo biloba for tinnitus. Cochrane Database Syst Rev 2022;11(11):CD013514. doi:10.1002/14651858.CD013514.pub2
Zuletzt medizinisch geprüft: Oktober 2026

