Klinische Adipositas über Jahrzehnte: Mehr Marklagerläsionen im MRT schon in der Lebensmitte
Eine US-Langzeitstudie verknüpft die neue Lancet-Definition von Adipositas erstmals mit der Gesundheit des Gehirns.
Marklagerläsionen und Übergewicht – dieser Zusammenhang beschäftigt viele Menschen, die in ihrem MRT-Befund den Satz „unspezifische Marklagerläsionen“ lesen. Eine neue Auswertung der amerikanischen Bogalusa Heart Study liefert nun einen Baustein: Wer vom jungen Erwachsenenalter bis in die Lebensmitte länger eine sogenannte klinische Adipositas hatte, zeigte mit Mitte 50 mehr dieser Veränderungen in der weißen Hirnsubstanz.1 Die Studie erschien in Neurology Open Access.
Was sind Marklagerläsionen überhaupt?
Das Marklager ist die weiße Substanz des Gehirns – die „Verkabelung“ aus Nervenfasern, die verschiedene Hirnregionen miteinander verbindet. Im MRT erscheinen dort manchmal helle Flecken. Fachleute nennen sie White Matter Hyperintensities (WMH), auf Deutsch Hyperintensitäten der weißen Substanz oder eben Marklagerläsionen.
Meist entstehen sie, wenn die kleinsten Blutgefäße im Gehirn über Jahre geschädigt werden (zerebrale Mikroangiopathie). Mit dem Alter werden sie häufiger und sind dann oft ein Nebenbefund. Ein großes Ausmaß ist aber kein harmloser Zufall: Eine Meta-Analyse – eine Auswertung vieler Studien zusammen – fand bei ausgeprägten Läsionen ein etwa 3,3-fach höheres Schlaganfallrisiko, ein 1,9-fach höheres Demenzrisiko und ein doppelt so hohes Sterberisiko.3 Eine neuere Analyse mit über 14.000 Teilnehmenden bestätigte diese Größenordnung.4
Einzelne kleine Marklagerläsionen sind ab der Lebensmitte häufig und oft ohne Krankheitswert. Viele oder zusammenfließende Läsionen sind dagegen ein Warnsignal für die Gefäßgesundheit des Gehirns.
„Klinische Adipositas“: die neue Lancet-Definition
Bisher wurde Adipositas fast ausschließlich über den Body-Mass-Index (BMI) definiert. Im Januar 2025 hat eine Kommission von 58 internationalen Fachleuten in The Lancet Diabetes & Endocrinology einen neuen Rahmen vorgeschlagen – darunter auch Forschende aus Graz, Leipzig und München.2 Sie unterscheidet zwei Zustände:
| Präklinische Adipositas | Klinische Adipositas | |
|---|---|---|
| Körperfett | erhöht | erhöht |
| Organfunktion | erhalten | eingeschränkt durch das Übergewicht – oder deutliche Einschränkungen im Alltag |
| Einordnung | Risikozustand | eigenständige chronische Erkrankung |
| Empfehlung | Beratung, Verlaufskontrolle, ggf. Vorbeugung | zeitnahe, evidenzbasierte Behandlung |
Wichtig für das Verständnis: Laut Kommission soll der BMI allein nicht mehr über die Diagnose entscheiden. Das Körperfett soll zusätzlich etwa über den Taillenumfang oder das Verhältnis von Taille zu Körpergröße bestätigt werden.2
So lief die Bogalusa-Studie ab
Die Bogalusa Heart Study begleitet seit 1972 Menschen aus einer Kleinstadt in Louisiana (USA) von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter. Für die aktuelle Auswertung nutzte ein Team um Christian Corsten und Mitch Epps vom Pennington Biomedical Research Center Daten von 190 Teilnehmenden.1
Deren Stoffwechsel- und Herz-Kreislauf-Gesundheit war im jungen Erwachsenenalter und in der Lebensmitte wiederholt untersucht worden. Später erhielten sie ein MRT des Gehirns. Die Forschenden ordneten die Teilnehmenden nicht nur nach BMI ein, sondern nach dem Lancet-Rahmen – also danach, ob das Übergewicht bereits mit Funktionsstörungen einherging. Daraus errechneten sie, wie lange und wie stark jemand über die Jahre einer klinischen Adipositas ausgesetzt war.
Die Ergebnisse: mehr Läsionen, aber kein Hirnschwund
- ▸ Je mehr kumulative Jahre mit klinischer Adipositas, desto mehr Marklagerläsionen zeigte das MRT mit Mitte 50.1
- ▸ Beim Anteil der grauen Substanz am Schädelvolumen – einem groben Maß für Hirnvolumen – fand sich kein signifikanter Zusammenhang.1
Owen Carmichael aus dem Forschungsteam erklärt laut Mitteilung (übersetzt), frühere Studien zu Übergewicht und Hirnalterung seien widersprüchlich gewesen – manche hätten sogar nahegelegt, mehr Körperfett sei gut fürs Gehirn. Ein Grund sei, dass man nie sauber getrennt habe, wer mit Übergewicht bereits gesundheitliche Folgen hatte und wer nicht.
Das passt zu früheren Befunden: In der Leipziger LIFE-Studie mit 1.825 Erwachsenen hing vor allem das Bauchfett (Taille-Hüft-Verhältnis) mit Läsionen im tiefen Marklager zusammen – unabhängig vom Blutdruck. Die Auswertung deutete auf Entzündungsbotenstoffe wie Interleukin-6 als mögliches Bindeglied hin.5
Die ehrliche Einordnung
Die Studie ist interessant, weil sie die Lebensspanne betrachtet statt einer einzigen Momentaufnahme. Trotzdem sollte man sie nicht überschätzen:
- ⚠ Beobachtungsstudie: Sie zeigt einen Zusammenhang, keinen Beweis, dass klinische Adipositas die Läsionen verursacht. Blutdruck, Blutzucker und Lebensstil hängen eng miteinander zusammen.
- ⚠ Kleine, spezielle Gruppe: 190 Menschen aus einer US-Region. Ob sich das auf Österreich oder Deutschland übertragen lässt, ist offen.
- ⚠ Rückwirkende Einstufung: Die Lancet-Definition gibt es erst seit 2025. Die Einteilung musste aus älteren Messdaten rekonstruiert werden.
- ⚠ Bildbefund, keine Erkrankung: Berichtet wurden MRT-Veränderungen. Ergebnisse zu Gedächtnis, Demenz oder Alltagsfähigkeit sind in den öffentlich verfügbaren Angaben nicht enthalten.
- ⚠ Keine Effektgrößen öffentlich verfügbar: Wie stark der Zusammenhang ist, lässt sich aus den frei zugänglichen Angaben nicht beziffern.
Was Sie jetzt tun können
Die zentrale Botschaft der Studie: Gehirngesundheit wird nicht erst im Alter entschieden, sondern über Jahrzehnte – ab dem jungen Erwachsenenalter. Das ist eher ermutigend als beunruhigend, denn die wichtigsten Stellschrauben sind beeinflussbar.
- ✓ Messen Sie neben dem Gewicht auch den Taillenumfang – er sagt mehr über das Bauchfett aus als der BMI.
- ✓ Lassen Sie Blutdruck, Blutzucker und Blutfette regelmäßig kontrollieren, auch wenn Sie sich gesund fühlen.
- ✓ Steht in Ihrem MRT-Befund „Marklagerläsionen“: Besprechen Sie mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt eine gezielte Abklärung der Gefäßrisikofaktoren. Genau das empfehlen Fachleute bei diesem Befund.3
- ✓ Wenn Übergewicht bereits Folgen zeigt (z. B. Bluthochdruck, Schlafapnoe, Gelenkprobleme): Fragen Sie aktiv nach einer Behandlung. Laut Lancet-Kommission handelt es sich dann um eine behandlungsbedürftige Erkrankung.2
- ⚠ plötzlicher Lähmung oder Taubheit einer Körperseite
- ⚠ plötzlichen Sprach- oder Sehstörungen
- ⚠ hängendem Mundwinkel, plötzlichem Schwindel mit Gangunsicherheit
Das sind mögliche Zeichen eines Schlaganfalls – unabhängig von einem früheren MRT-Befund.
Häufige Fragen
Nein, nicht zwangsläufig. Einzelne Läsionen sind ab der Lebensmitte häufig. Ein größeres Ausmaß erhöht statistisch das Risiko für Schlaganfall und Demenz, ist aber keine Diagnose.3,4 Entscheidend ist die Einordnung durch eine Neurologin oder einen Neurologen.
Das hat die Bogalusa-Studie nicht untersucht. Realistisch ist das Ziel, das Fortschreiten zu bremsen, indem Gefäßrisikofaktoren wie Blutdruck und Blutzucker gut eingestellt werden.
Bei beiden ist das Körperfett erhöht. Von klinischer Adipositas spricht man, wenn das Übergewicht bereits Organe oder den Alltag beeinträchtigt.2
Nein. Auch Alter und Blutdruck spielen eine Rolle – in der Leipziger LIFE-Studie hing ein höherer Blutdruck mit Läsionen in anderen Marklagerregionen zusammen als das Bauchfett. Bauchfett scheint vor allem über Entzündungsprozesse beizutragen.5
Die Studie legt nahe: früh. Die Veränderungen mit Mitte 50 hingen mit der Stoffwechselgesundheit ab dem jungen Erwachsenenalter zusammen.1
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Fragen zu Ihrem MRT-Befund oder Ihrem Gewicht wenden Sie sich an Ihre behandelnde Ärztin oder Ihren behandelnden Arzt.
- Corsten C, Epps M et al.: Life-Course Clinical Obesity and Midlife White Matter Hyperintensity Burden: The Bogalusa Heart Study. Neurology Open Access 2026. doi:10.1212/WN9.0000000000000188
- Rubino F, Cummings DE, Eckel RH et al.: Definition and diagnostic criteria of clinical obesity. Lancet Diabetes Endocrinol 2025;13(3):221–262. doi:10.1016/S2213-8587(24)00316-4
- Debette S, Markus HS: The clinical importance of white matter hyperintensities on brain magnetic resonance imaging: systematic review and meta-analysis. BMJ 2010;341:c3666. doi:10.1136/bmj.c3666
- Debette S, Schilling S, Duperron MG et al.: Clinical Significance of Magnetic Resonance Imaging Markers of Vascular Brain Injury: A Systematic Review and Meta-analysis. JAMA Neurol 2019;76(1):81–94. doi:10.1001/jamaneurol.2018.3122
- Lampe L, Zhang R, Beyer F et al.: Visceral obesity relates to deep white matter hyperintensities via inflammation. Ann Neurol 2019;85(2):194–203. doi:10.1002/ana.25396
Zuletzt medizinisch geprüft: Oktober 2026



