Ernährung gegen geistigen Abbau: Große Studie dämpft den Brain-Food-Hype
Mittelmeerkost geht mit etwas besserer Denkleistung einher – den Abbau über die Jahre bremst sie in den Daten aber kaum.
Wer sich mediterran ernährt, schneidet in Gedächtnis- und Konzentrationstests etwas besser ab. Ob Ernährung gegen geistigen Abbau im Alter schützt, ist damit aber nicht gesagt. Das zeigt eine neue Auswertung der Daten von 17.368 Menschen aus acht Studien in Europa und den USA, erschienen im Journal of Nutrition.1 Das Ergebnis ist ein nüchterner Gegenpol zu vielen „Brain Food“-Versprechen.
Warum diese Studie anders ist
Dass gesunde Ernährung dem Gehirn guttut, liest man ständig. Die Studienlage ist allerdings widersprüchlich. Ein Grund: Jede Untersuchung misst etwas anders. Die eine fragt Lebensmittel per Fragebogen ab, die andere lässt Protokoll führen, die dritte nutzt andere Gedächtnistests. Fasst man solche Studien einfach zusammen, vergleicht man oft Äpfel mit Birnen.
Das Forschungsteam um Natalia Soldevila-Domenech und Amaia Ayala-Garcia (Hospital del Mar, Barcelona) ging deshalb einen aufwendigeren Weg: eine Meta-Analyse individueller Teilnehmerdaten. Dabei werden nicht fertige Studienergebnisse gemittelt, sondern die Rohdaten jedes einzelnen Teilnehmers nach einheitlichen Regeln neu ausgewertet.1
Einbezogen wurden sechs Langzeitkohorten und die Kontrollgruppen zweier Studien aus fünf Ländern:
- ▸ USA: drei Generationen der Framingham-Studie sowie die Women’s Health Initiative (9.279 Frauen)
- ▸ Großbritannien: Whitehall II
- ▸ Italien: InCHIANTI
- ▸ Finnland und Spanien: die Kontrollgruppen der Studien FINGER und WAHA
Die Teilnehmenden waren im Schnitt knapp 66 Jahre alt und zu Beginn geistig gesund. Beobachtet wurden sie je nach Studie rund 2 bis 18 Jahre lang.
Sieben Ernährungsmuster, zwei Tests
Aus den Ernährungsdaten berechneten die Forschenden, wie stark sich jede Person an sieben bekannte Ernährungsmuster hielt. Dazu gehören:
- ▸ Mittelmeerkost – viel Gemüse, Obst, Hülsenfrüchte, Olivenöl, Fisch, wenig rotes Fleisch. Sie wurde auf zwei Arten bewertet: klassisch im Vergleich zum Durchschnitt der jeweiligen Studie und als „stetiger“ Score mit festen Zielmengen.
- ▸ DASH-Diät – ursprünglich gegen Bluthochdruck entwickelt, mit viel Obst, Gemüse, Vollkorn, fettarmen Milchprodukten und wenig Salz.
- ▸ MIND-Diät – eine Mischung aus Mittelmeer- und DASH-Kost mit Fokus auf Blattgemüse, Beeren, Nüsse und Olivenöl, eigens „fürs Gehirn“ konzipiert.
- ▸ Dazu drei Qualitätsindizes (HEI-2020, AHEI-2010) und die „Planetary Health Diet“ der EAT-Lancet-Kommission.
Gemessen wurde mit zwei Standardtests. Der Mini-Mental-Status-Test (MMST) prüft mit 30 Punkten grob Orientierung, Merkfähigkeit, Rechnen und Sprache. Der Trail-Making-Test B misst die exekutiven Funktionen – also die geistige Flexibilität, etwa beim abwechselnden Verbinden von Zahlen und Buchstaben (1–A–2–B–3–C …). Gewertet wird die benötigte Zeit in Sekunden.1
Das Ergebnis: Momentaufnahme ja, Verlauf kaum
Die Auswertung unterscheidet zwei Fragen. Erstens: Schneiden Menschen, die sich gesünder ernähren, zu einem Zeitpunkt besser ab? Zweitens: Lässt ihre Denkleistung über die Jahre langsamer nach? Nur die zweite Frage betrifft den eigentlichen geistigen Abbau.
| Ernährungsmuster | Momentaufnahme: MMST | Momentaufnahme: Trail-Making | Verlauf über die Jahre |
|---|---|---|---|
| Mittelmeerkost (stetiger Score) | ✓ etwas besser | ✓ etwas besser | kein Effekt |
| DASH | kein klarer Effekt (stark uneinheitlich) | ✓ minimal besser | kein Effekt |
| MIND | kein klarer Effekt (stark uneinheitlich) | kein klarer Effekt | ✓ Trail-Making leicht günstiger (nur 3 US-Kohorten) |
| Mittelmeerkost (klassisch) | kein Effekt | kein Effekt | kein Effekt |
| HEI-2020, EAT-Lancet | kein Effekt | kein Effekt | Trail-Making minimal ungünstiger* |
| AHEI-2010 | kein Effekt | kein Effekt | kein Effekt |
* Laut den Autoren vorsichtig zu interpretieren – vermutlich Messfehler oder Störfaktoren, keine echte Schadwirkung. Quelle: Soldevila-Domenech et al. 20261
Mittelmeerkost: Der stetige Mittelmeer-Score war das einzige Muster, das in beiden Tests und ohne Widersprüche zwischen den Studien mit besserer Leistung einherging. Die Größenordnung ist allerdings klein. Pro Punkt mehr auf der 14-Punkte-Skala lag der MMST-Wert um 0,03 Punkte höher, und der Trail-Making-Test war um 0,67 Sekunden schneller erledigt.1 Rechnerisch bedeutet selbst ein Sprung um vier Punkte – also eine deutlich mediterranere Kost – nur rund 0,1 MMST-Punkte und knapp drei Sekunden. Zum Vergleich: Für den Trail-Making-Test brauchten die Teilnehmenden je nach Studie im Mittel etwa eine bis zweieinhalb Minuten.
MIND-Diät: Ausgerechnet die „Gehirn-Diät“ zeigte in der Momentaufnahme keinen gesicherten Vorteil – die Ergebnisse der einzelnen Studien gingen dafür zu weit auseinander. Im Verlauf war sie das einzige Muster mit einem Signal: Wer sich daran hielt, wurde im Trail-Making-Test über die Jahre etwas weniger langsam. Pro MIND-Punkt waren es 0,065 Sekunden pro Jahr.1 Dieser Befund stammt aber nur aus den drei Framingham-Kohorten mit insgesamt 2.795 Personen, denn nur dort ließ sich der MIND-Score berechnen.
Einzelne Lebensmittel: Hier fiel nur eines auf: Mehr rotes und verarbeitetes Fleisch ging mit schlechterer geistiger Flexibilität einher. Nüsse zeigten eine Tendenz zu besseren MMST-Werten, die aber knapp nicht gesichert war. Im Verlauf über die Jahre zeigte kein einzelnes Lebensmittel einen klaren Zusammenhang.1
Eine Momentaufnahme zeigt, wer heute besser abschneidet – nicht, wer langsamer abbaut. Gesund essende Menschen unterscheiden sich auch in Bildung, Bewegung und Lebensumständen. Ein Zusammenhang ist deshalb noch kein Beweis für eine Wirkung.
Die ehrliche Einordnung
Die Autoren formulieren ihr Fazit selbst bemerkenswert zurückhaltend: Die Ergebnisse sprechen weder gegen eine Rolle der Ernährung für die geistige Gesundheit noch stützen sie die Behauptung, dass Ernährungsmuster allein den kognitiven Abbau verhindern.1 Wichtig sind dabei die Grenzen, die das Team selbst benennt:
- ▸ Grobe Messinstrumente: MMST und Trail-Making-Test sind laut den Autoren nicht gut geeignet, kleine Veränderungen bei geistig gesunden Menschen zu erfassen. Andere Bereiche wie Gedächtnis für Erlebtes oder Wortflüssigkeit wurden gar nicht geprüft.
- ▸ Selbstauskunft: Was jemand isst, wurde meist per Fragebogen erfasst – mit bekannten Ungenauigkeiten. Zucker-Zusätze fehlten in den meisten Datenbanken.
- ▸ Uneinheitliche Beobachtungszeiten: Von 2 bis 18 Jahren, oft nur zwei Testzeitpunkte. Langsame Veränderungen gehen da leicht unter.
- ▸ Keine systematische Studienauswahl: Die Kohorten wurden nach Datenverfügbarkeit zusammengestellt. Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen fehlen.
- ▸ Rotes und verarbeitetes Fleisch wurden zusammengefasst, obwohl verarbeitetes Fleisch vermutlich stärker ins Gewicht fällt.
- ▸ Nur geistig Gesunde: Menschen mit bereits beginnenden Gedächtnisproblemen – also die Gruppe mit dem höchsten Risiko – waren ausgeschlossen.
Transparent ist auch die Finanzierung: Die Analyse wurde vom Institute for the Advancement of Food and Nutrition Sciences (IAFNS) bezahlt, einer gemeinnützigen Organisation, die auch Industriegelder bündelt. Laut Studie hatte der Geldgeber keinen Einfluss auf Auswertung und Interpretation.1
Aus neurologischer Sicht passt das Ergebnis zu einer randomisierten Studie aus dem Jahr 2023. Darin folgten 604 ältere Menschen mit familiärem Demenzrisiko drei Jahre lang entweder der MIND-Diät oder einer Kontrollkost, beide mit leichter Kalorienreduktion. Die geistige Leistung verbesserte sich in beiden Gruppen, ein Unterschied zwischen den Gruppen zeigte sich jedoch nicht – auch nicht im MRT des Gehirns.2
Warum der Teller allein nicht reicht
Mitautorin Lyn Steffen (University of Minnesota) hält es laut Mitteilung für wahrscheinlich, dass sowohl Ernährungsqualität als auch körperliche Aktivität wichtig sind, um den geistigen Abbau zu verlangsamen (übersetzt). Bewegung selbst wurde in der aktuellen Analyse zwar nicht ausgewertet – die Daten waren zwischen den Studien zu unterschiedlich. Andere Studien stützen den Gedanken aber.
Die finnische FINGER-Studie kombinierte bei 1.260 Menschen zwischen 60 und 77 Jahren mit erhöhtem Demenzrisiko zwei Jahre lang Ernährungsberatung, Bewegungstraining, Gedächtnistraining und die Kontrolle von Gefäßrisiken. Im Vergleich zu allgemeinen Gesundheitstipps entwickelte sich die geistige Leistung messbar günstiger, wenn auch in kleinem Umfang.3
Die US-amerikanische POINTER-Studie bestätigte das 2025 mit 2.111 Teilnehmenden: Ein strukturiertes Programm aus Bewegung, Ernährung, geistiger und sozialer Aktivität verbesserte die Denkleistung über zwei Jahre stärker als ein selbstgesteuertes Programm mit denselben Zielen.4
Auch die Lancet-Kommission zur Demenzprävention setzt auf ein Bündel von Faktoren: unter anderem Bewegungsmangel, Bluthochdruck, Diabetes, Übergewicht, Rauchen, Hörverlust und soziale Isolation.5 Ernährung wirkt vermutlich vor allem indirekt – über Blutdruck, Blutzucker, Gewicht und Blutfette.
Was Sie jetzt tun können
Die Studie ist kein Grund, auf gesunde Ernährung zu verzichten. Sie ist aber ein Grund, keine Wunder von einzelnen „Superfoods“ oder einer bestimmten Diät zu erwarten.
- ✓ Mediterran essen als Grundmuster: viel Gemüse, Hülsenfrüchte, Vollkorn, Olivenöl, regelmäßig Fisch – das nützt nachweislich Herz und Gefäßen.
- ✓ Wurst und verarbeitetes Fleisch reduzieren: eines der wenigen Lebensmittel mit einem Signal in dieser Studie.
- ✓ Bewegung fest einplanen: Ausdauer und Kraft sind Teil jeder erfolgreichen Präventionsstudie.
- ✓ Blutdruck, Blutzucker und Cholesterin kontrollieren lassen – sie sind zentrale Gefäßrisiken für das Gehirn.
- ✓ Geistig und sozial aktiv bleiben und ein nachlassendes Gehör abklären lassen.
- ⚠ Sie oder Angehörige bemerken über Monate zunehmende Vergesslichkeit
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- ⚠ Orientierungsprobleme, Wortfindungsstörungen oder Persönlichkeitsveränderungen treten auf
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Häufige Fragen
Das lässt sich aus dieser Studie nicht ableiten. Sie zeigt nur, dass Menschen mit mediterraner Kost zu einem Zeitpunkt etwas besser abschneiden. Einen langsameren Abbau über die Jahre fanden die Forschenden nicht. Für Herz und Gefäße ist die Mittelmeerkost dennoch eine gute Wahl.
Ein kleiner Vorteil zeigte sich nur im Verlauf eines einzigen Tests und nur in US-Daten. Eine randomisierte Studie fand nach drei Jahren keinen Unterschied zu einer Kontrollkost.2 Als gesunde Ernährungsform ist sie sinnvoll – als gezielter Gehirnschutz ist sie nicht belegt.
In dieser Analyse ging nur ein höherer Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch mit schlechterer geistiger Flexibilität einher. Ob das eine echte Wirkung ist, kann eine Beobachtungsstudie nicht klären.
Weil Ernährung schwer zu messen ist, Gedächtnistests unterschiedlich empfindlich sind und gesund lebende Menschen sich in vielem anderem unterscheiden. Die aktuelle Studie hat genau diese Unterschiede vereinheitlicht – und danach blieben nur kleine Effekte übrig.
Am besten belegt ist eine Kombination: Bewegung, gesunde Ernährung, geistige und soziale Aktivität sowie die Behandlung von Gefäßrisiken wie Bluthochdruck und Diabetes.3,4,5
Dieser Artikel dient der allgemeinen Information und ersetzt keine ärztliche Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bei Gedächtnisproblemen oder vor größeren Ernährungsumstellungen – insbesondere bei Vorerkrankungen – sprechen Sie bitte mit Ihrer Ärztin oder Ihrem Arzt.
- Soldevila-Domenech N, Ayala-Garcia A, Zhou X et al.: Diet and Cognitive Function in Aging: An Individual Participant Data Meta-Analysis from 8 Cohorts in Europe and the United States. J Nutr 2026;156(9):101694. doi:10.1016/j.tjnut.2026.101694
- Barnes LL, Dhana K, Liu X et al.: Trial of the MIND Diet for Prevention of Cognitive Decline in Older Persons. N Engl J Med 2023;389(7):602–611. doi:10.1056/NEJMoa2302368
- Ngandu T, Lehtisalo J, Solomon A et al.: A 2 year multidomain intervention of diet, exercise, cognitive training, and vascular risk monitoring versus control to prevent cognitive decline in at-risk elderly people (FINGER): a randomised controlled trial. Lancet 2015;385(9984):2255–2263. doi:10.1016/S0140-6736(15)60461-5
- Baker LD, Espeland MA, Whitmer RA et al.: Structured vs Self-Guided Multidomain Lifestyle Interventions for Global Cognitive Function: The US POINTER Randomized Clinical Trial. JAMA 2025;334(8):681–691. doi:10.1001/jama.2025.12923
- Livingston G, Huntley J, Liu KY et al.: Dementia prevention, intervention, and care: 2024 report of the Lancet standing Commission. Lancet 2024;404(10452):572–628. doi:10.1016/S0140-6736(24)01296-0
Pressemitteilung (nicht als Quelle gezählt): Institute for the Advancement of Food and Nutrition Sciences via Medical Xpress, 9. Oktober 2026.
Zuletzt medizinisch geprüft: Oktober 2026



